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                <title type="main">Historisch-philologischer Kommentar zur Chronik des Johannes Malalas</title>
                <title type="sub">Buch 18, Kapitel 55</title>
                <author>die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der HAdW-Forschungsstelle Malalas</author>
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                    <resp>Export vom 20260416-000004</resp>
                    <name>daffi/HAdW</name>
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            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>
                    <date>20260416</date>
                </edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Heidelberger Akademie der Wissenschaften: Forschungsstelle Malalas-Kommentar</publisher>
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                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de">CC BY-NC-SA 4.0</licence>
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            </publicationStmt>
            <sourceDesc>
                <p>Export aus Malalas-Datenbank</p>
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                    <date>20260416-000004</date>
                    <name>die Mitarbeiter der HAdW-Forschungsstelle</name>
                </change>
            </listChange>
        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text>

            <!-- Kommentar Anfang -->
            <div type="commentary">
  
                <list>
                    <item corresp="#K007209" xml:space="preserve">
                        <ref></ref>
                        <p><label></label>
  XVIII 55 erwähnt hier knapp eine Erdbebenserie mit offenbar
 weitreichender Wirkung (σεισμοὶ κατὰ τόπον). Als Reaktion kommt es zu
 Bittprozessionen in zahlreichen Städten. Die Lokalisierung der Beben
 ist nicht zu klären. Die allgemeine Formulierung deutet auf eine weite
 Ausdehnung hin, steht in der <emph rend="italics">Chronographia</emph>
 aber üblicherweise in Verbindung mit einem gegebenen Standort und
 bezeichnet insofern kein grenzenloses Beben (s. unten Z. 1). <bibl><ref
 target="Hermann_1962"><title>Hermann (1962)</title></ref></bibl>, 1110
 möchte als einen der betroffenen Orte Antiochia ausmachen. Angesichts
 des antiochenischen Schwerpunktes der <emph
 rend="italics">Chronographia</emph> bis mindestens noch Kap. XVIII 76
 ist diese Annahme vielleicht naheliegend, lässt sich aber nicht durch
 weitere Hinweise stützen. <bibl><ref
 target="Guidoboni_Comastri_Traina_1994"><title>Guidoboni, Comastri,
 Traina (1994)</title></ref></bibl>, 326, bringen das Ereignis mit einem
 weiteren Erdbeben in Verbindung, das in XVIII 79 für Antiochia
 berichtet wird und mit einiger Sicherheit in das Jahr 532 gehört. Diese
 Zusammenlegung ist angesichts der dezidierten Trennung beider
 Nachrichten in der <emph rend="italics">Chronographia</emph> wenig
 plausibel. Dies deutet hierin offenkundig auf zwei verschiedene
 Bebenereignisse hin, die nach allem, was sich dem Text entnehmen lässt,
 zeitlich mindestens ein Jahr auseinanderlagen. <bibl><ref
 target="Downey_1955"><title>Downey (1955)</title></ref></bibl>, 598;
 <bibl><ref target="Meier_2004a"><title>Meier
 (2004a)</title></ref></bibl>, 661 und auch <bibl><ref
 target="Guidoboni_1989"><title>Guidoboni (1989)</title></ref></bibl>,
 695 verzichten auf eine geographische Eingrenzung.

 <lb/><lb/>

  <bibl><ref target="Ambraseys_2009"><title>Ambraseys
 (2009)</title></ref></bibl>, 195 versucht das Ereignis mit Procop.
 <emph rend="italics">Anecd.</emph> XVIII 42 zusammenzubringen, wo eine
 Liste von Erdbeben an verschiedenen Orten während Justinians Zeit
 aufgeführt wird. Prokop verweist hier nacheinander auf Beben in
 Amaseia (Pontos), Polybotos/Philomede (Phrygien), Lychnidos (Epiros)
 sowie in Korinth. Von einem Beben in Amaseia berichtet auch die <emph
 rend="italics">Chronographia</emph>(XVIII 37), während ein Beben in
 Korinth in der arabischen Version des Elias von Nisibis aufgeführt und
 datiert wird (<bibl><ref
 target="Guidoboni_Comastri_Traina_1994"><title>Guidoboni, Comastri,
 Traina (1994)</title></ref></bibl>, 328). Die beiden Ereignisse fallen
 in die Jahre 529 und 542/543. Daraus lässt sich womöglich darauf
 schließen, dass Prokops Liste einer chronologischen Reihung folgt.
 Bebenereignisse in Polybotos/Philomede und Lychnidos werden weder in
 der <emph rend="italics">Chronographia</emph> noch in der sonstigen
 Parallelüberlieferung namentlich erwähnt. Die mögliche chronologische
 Nähe zur hier fraglichen Stelle genügt Ambraseys jedoch als Anlass für
 die Vermutung, dass es sich bei einem der hier erwähnten namenlosen
 bebenbetroffenen Orte um Polybotos/Philomede handeln könnte. Trotz des
 deutlichen Schwerpunktes seines Werkes auf entsprechenden Berichten
 kann man allerdings nicht davon ausgehen, dass die <emph
 rend="italics">Chronographia</emph> jedes historische Erdbeben der
 fast vierzigjährigen justinianischen Herrschaftszeit im äußerst
 bebenanfälligen östlichen Mittelmeerraum enthält. Prokops Liste
 wiederum umfasst nur eine Handvoll Beben und ist insofern bei weitem
 nicht erschöpfend. Beide Autoren erwähnen demzufolge zweifelsohne nur
 eine Auswahl der tatsächlich erfolgten Erdbeben dieser Zeit. Der
 Umstand, dass hier mit κατὰ τόπον nur eine allgemeine Ortsangabe steht
 (s. unten Z.1) und Prokop umgekehrt das Beben in Polybotos/Philomede
 möglicherweise in eine ähnliche Zeit – <emph
 rend="italics">i.e.</emph> in die eineinhalb Jahrzehnte zwischen 529
 und 543 – einordnet, reicht als Argument nicht aus, um beide Stellen
 auf dasselbe Ereignis zu beziehen.

 <lb/><lb/>

  Da das vorliegende Kapitel in seiner Knappheit zu dieser Frage keine
 weiterführende Angabe macht, bleibt es unmöglich, die σεισμοί näher zu
 verorten: Es könnte sein, dass eine Art ‚kosmische Katastrophe‘
 dargestellt werden sollte, wie diejenige, die die ganze Welt um die
 Todesstunde Jesu erschütterte (vgl. X 14,68 καὶ εὐθέως ἐγένετο εἰς
 πάντα τὸν κόσμον σεισμὸς μέγας – doch hier wird die allumfassende
 Wirkung des Erdbebens eben durch εἰς πάντα τὸν κόσμον explizit
 hervorgehoben); es ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass das von
 den σεισμοί betroffene Gebiet eine bestimmte Region war.

 </p>
                    </item>
                </list>

            <!-- Kommentar Ende -->
            </div>
  

<div xml:id="B000051" n="B000051" rend="inline" type="section">
  <p>            keine
</p></div> 
        <body>

            <!-- Griechische Transkription -->
            <div type="edition" xml:id="T000052" xml:space="preserve">
                <ab>
                    <lb n="1"/><anchor xml:id="K000883"/>Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ <anchor xml:id="K000884"/>ἐγένοντο <anchor xml:id="K000908"/>σεισμοὶ <anchor xml:id="K000885"/>κατὰ τόπον, καὶ λιταῖς 
                    <lb n="2"/><anchor xml:id="K000886"/>ἐσχόλαζον <anchor xml:id="K000887"/>ἐν ἑκάστῃ πόλει. 
                </ab>
            </div>

            <!-- Kommentar Anfang -->
            <div type="commentary">
  
                <list>
                    <item corresp="#K000705" xml:space="preserve">
                        <ref>1|1</ref>
                        <p><label>Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ:</label>
  „in diesem Jahr“ oder „in jenem Jahr“, mit dem Pronomen αὐτός <emph
 rend="italics">vor</emph> dem bestimmten Artikel τῷ und in der Rolle
 eines Demonstrativums mit deiktischer Kraft: dazu <ref
 target="#K000588">18, 42</ref>, mit vergleichenden Ausführungen zu der
 in der <emph rend="italics">Chronographia</emph> ebenso verbreiteten
 und ähnlichen – aber eben nicht identischen! – Formel ἐν δὲ τῷ αὐτῷ
 χρόνῳ, welche eher „in demselben Jahr“ bedeutet. In beiden Zeitformeln
 hat der Terminus χρόνος die Bedeutung ‚Jahr‘, und nicht allgemein
 ‚Zeit‘, ‚Zeitperiode‘: vgl. LSJ s.v. χρόνος 2c, mit nicht-literarischen
 und z.T. schon frühen Belegen. Vor diesem Hintergrund ist die von
 <bibl><ref target="Ambraseys_2009"><title>Ambraseys
 (2009)</title></ref></bibl>, 195 vorgeschlagene Übersetzung von ἐν αὐτῷ
 δὲ τῷ χρόνῳ mit „at the same time“ sowohl bezüglich χρόνος als auch
 bezüglich αὐτός unpräzise; dasselbe gilt demzufolge für seine
 Eingrenzung der Chronologie dieses Kapitels: Ambraseys ergänzt die
 Wiedergabe „at the same time“ um den Kommentar „as the arrest of five
 Samaritan envoys“ (vgl. XVIII 54, Z. 28–29), aber im Text liegt kein
 Hinweis dafür vor, dass die Erdbeben von XVIII 55 gleichzeitig mit dem
 Samaritaner-Aufstand von XVIII 54 stattfanden. Zu bevorzugen ist für ἐν
 αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ die Übersetzung von <bibl><ref
 target="Jeffreys_Jeffreys_Scott_1986"><title>Jeffreys, Jeffreys, Scott
 (1986)</title></ref></bibl>, 268 „in that year“.

 <lb/><lb/>

  <bibl><ref target="Downey_1955"><title>Downey
 (1955)</title></ref></bibl>, 598 datiert auf 532 n. Chr.; so auch die
 Erdbebenlisten bei <bibl><ref target="Hermann_1962"><title>Hermann
 (1962)</title></ref></bibl>, 1110; <bibl><ref
 target="Guidoboni_1989"><title>Guidoboni (1989)</title></ref></bibl>,
 695 und <bibl><ref
 target="Guidoboni_Comastri_Traina_1994"><title>Guidoboni, Comastri,
 Traina (1994)</title></ref></bibl>, 326. Diese Datierung entspricht
 nicht der chronologischen Einordnung des Chronsiten (als einzigem
 Zeugen) und muss deswegen korrigiert werden (vgl. bereits <bibl><ref
 target="Meier_2004a"><title>Meier (2004a)</title></ref></bibl>, 661,
 der als Datum 530/532 angibt, sowie <bibl><ref
 target="Ambraseys_2009"><title>Ambraseys (2009)</title></ref></bibl>,
 195 mit Datierung auf 530): In XVIII 53 wird die Rückkehr einer
 Gesandtschaft aus Persien auf September 530 datiert; die Schlacht von
 Callinicum fällt XVIII 60 auf einen 19. April, wobei das Jahr 531
 sicher zu ergänzen ist. Eine chronologische Ereignisanordnung
 vorausgesetzt, geschahen die fraglichen Beben also zwischen Herbst 530
 und Frühjahr 531. Der Umstand, dass gleich auf das Ereignis folgend die
 im (oder nach dem) September zum Perserkönig ausgeschickte
 Gesandtschaft bereits wieder nach Konstantinopel zurückkehrt, kann
 vielleicht einen Anhaltspunkt für eine engere Datierung bieten, die
 dann entsprechend frühestens in die letzten Wochen des Jahres 530
 fallen würde. Ein solcher Eingrenzungsversuch bleibt aber schon
 angesichts der Ungenauigkeit des chronologischen Schemas der <emph
 rend="italics">Chronographia</emph> spekulativ. Zudem deutet die
 Erwähnung mehrerer Erdbeben, die κατὰ τόπον (<emph
 rend="italics">i.e.</emph> verstreut; vgl. <ref target="#K000885">18,
 55</ref>), stattfanden, darauf hin, dass wir es hier mit einer Reihe
 von Erdbeben an unterschiedlichen Orten zu tun haben, die entsprechend
 nicht alle auf denselben Tag fallen müssen (s. unten). Auffällig ist
 vor allen Dingen die Unbestimmtheit der Angaben.

 <lb/><lb/>

  <bibl><ref target="Odorico_1995"><title>Odorico
 (1995)</title></ref></bibl>, 314 bemerkt, dass die
 Friedensverhandlungen mit den Persern in der <emph
 rend="italics">Chronographia</emph> in dichter Abfolge von Erdbeben
 begleitet werden. Odorico vermutet, dass die besondere Dichte an
 Unglücksereignissen eine negative Konnotation der Verhandlungen und
 des Friedensschlusses transportieren soll. Die Stelle, an der das
 hiesige Ereignis erscheint, ist in der Tat auffällig. Unmittelbar
 voranstehend wird das Überlaufen wichtiger Verbündeter zu den Persern
 geschildert; unmittelbar nachfolgend erfährt Justinian von der
 Weigerung des Perserkönigs, einen bereits ausgearbeiteten
 Friedensvertrag zu ratifizieren. Die Erdbeben ereigneten sich
 demzufolge in einem Moment, in dem der Friedensschluss zu scheitern
 drohte. Das würde hier, entgegen Odorico, dann allerdings eher für
 eine positive Interpretation des Friedensprozesses als für eine
 negative Bewertung sprechen. Zudem bleibt methodisch zu bedenken,
 dass das Nebeneinanderliegen einzelner Ereignisse im uns
 überlieferten Text der <emph rend="italics">Chronographia</emph>
 theoretisch immer auch ein Resultat späterer Kürzungen sein kann:
 <bibl><ref target="Greatrex_2016"><title>Greatrex
 (2016)</title></ref></bibl>, 173.

 (J.B.)</p>
                    </item>
                </list>
                <list>
                    <item corresp="#K000884" xml:space="preserve">
                        <ref>1|6</ref>
                        <p><label>ἐγένοντο σεισμοί:</label>
  Das vorausgehende Erdbebenkapitel, XVIII 40 (über ein Erdbeben im
 lykischen Myra, 529 n. Chr.), beinhaltet die letzte Okkurrenz des in
 der <emph rend="italics">Chronographia</emph> im Zusammenhang mit
 seismischen Phänomenen sehr beliebten Wortes θεομηνία (45 Belegstellen:
 s. die Liste <ref target="#K000239">7, 18</ref>). Ab dem vorliegenden
 Kapitel bis zum Ende der <emph rend="italics">Chronographia</emph>
 kommt θεομηνία nicht mehr vor: Für die neun in dieser finalen Sektion
 der <emph rend="italics">Chronographia</emph> noch erwähnten
 Bebenereignisse wird ausschließlich das Wort σεισμός (bzw. im Plural
 σεισμοί) verwendet:

 <lb/><lb/>

  * 77,1: γέγονεν σεισμὸς ἐν Βυζαντίῳ

  * 79,1: σεισμὸς ἐγένετο φοβερὸς

  * 93,1: ἐγένετο σεισμὸς ἐν Κυζίκῳ

  * 102,1: ἐγένοντο σεισμοὶ συνεχεῖς

  * 112,1: ἐγένετο σεισμὸς μέγας

  * 112,12: ἐν δὲ τῷ καιρῷ τοῦ σεισμοῦ ἔφυγεν θάλασσα εἰς τὸ πέλαγος

  * 118,2: ἐγένετο σεισμὸς φοβερός

  * 118,9: ἐπεκράτησεν δὲ ὁ αὐτὸς σεισμὸς ἡμέρας μʹ

  * 123,1: γέγονε σεισμὸς φοβερὸς

  * 124,1: γέγονεν ἕτερος σεισμὸς ἐν μεσονυκτίῳ

  * 131,19: γέγονε δὲ καὶ θανατικὸν μέγα ἐν Κιλικίᾳ καὶ Ἀναζαρβῷ καὶ ἐν
   Ἀντιοχείᾳ τῇ μεγάλῃ, καὶ σεισμοί (diese letzte Stelle ist freilich
   ergänzt aus Theoph. 235,10–11 de Boor; das Kapitel fehlt in O
   komplett).

 <lb/><lb/>

  Das ist bereits von <bibl><ref target="Jeffreys_1990b"><title>Jeffreys
 (1990b)</title></ref></bibl>, 159 (vgl. auch <bibl><ref
 target="Jeffreys_1990a"><title>Jeffreys (1990a)</title></ref></bibl>,
 213) beobachtet worden, die in diesem terminologischen Wechsel eine
 mögliche Spur des Übergangs von der ersten zur zweiten Edition der
 <emph rend="italics">Chronographia</emph> sehen wollte: s. <ref
 target="#K000594">18, 40</ref>. Zu diesem Befund ist eine weitere
 Tatsache zu addieren, die in der Forschung bisher so gut wie nie
 berücksichtigt worden ist: Das vorliegende Kapitel bildet nicht nur
 bezüglich θεομηνία, sondern noch in einer anderen Hinsicht eine
 Trennungslinie in der <emph rend="italics">Chronographia</emph>: Denn
 genau wie der Begriff θεομηνία verschwindet nach dem Kapitel XVIII 55
 auch die in den früheren Erdbebenpassagen mit diesem Wort oft
 verbundene Konstruktion ἔπαθε ὑπό (+ Genitiv, eben θεομηνίας). Wie aus
 der obigen Stellenübersicht ersichtlich, werden die σεισμοί ab XVIII
 55 nicht mit παθεῖν kombiniert, d.h. sie erscheinen nicht in der
 (grammatikalischen) Rolle eines Unglücks, worunter die jeweils
 betroffene Stadt bzw. Region zu leiden hat; sie „ereignen“ sich bloß
 (ausgedrückt durch γίγνομαι – das neutralste der griechischen Verben;
 zum Vokabular des ‚Leidens‘ im Griechischen im Kontext von
 (Natur-)Katastrophen siehe <bibl><ref
 target="Meier_2007b"><title>Meier (2007b)</title></ref></bibl>,
 50–53). Zwar ist diese Trennungslinie nicht hundertprozentig
 undurchdringlich, denn weder fehlt σεισμός vor XVIII 55 komplett noch
 wird in Erdbebenkontexten nach XVIII 55 auf den pathetischen
 Wortschatz des Unglücks und des Leidens (d.h. auf das Verb παθεῖν)
 ganz verzichtet. Doch zahlenmäßig sind die Verhältnisse klar: Bis zum
 letzten θεομηνία-Kapitel (XVIII 40) gibt es insgesamt zwanzig
 Okkurrenzen von σεισμός, d.h. knapp zweimal so viel wie allein in den
 letzten hundert Kapiteln der <emph
 rend="italics">Chronographia</emph>; das Verb παθεῖν kommt seinerseits
 auch nach XVIII 55 in Erdbebenkontexten vor, allerdings allein
 fünfmal, ohne ὑπό-Komplement und zusammen mit dem zum Standardsatz
 aufgestiegenen Ausdruck ἐγένετο σεισμός:

 <lb/><lb/>

  * 112,1--2: ἐγένετο σεισμὸς μέγας καὶ φοβερὸς ... καὶ ἐν αὐτῷ τῷ φόβῳ
   ἔπαθον αἱ πόλεις

  * 118,1--3.6 (dreimal): ἐγένετο σεισμὸς φοβερός, ὥστε παθεῖν οἴκους
   πολλοὺς καὶ λουτρὰ καὶ ἐκκλησίας καὶ μέρη τῶν τειχέων παθεῖν ἐν
   Βυζαντίῳ. (…) ἐν αὐτῷ δὲ τῷ φόβῳ καὶ ἄλλαι πόλεις ἔπαθον

  * 124,1--2: γέγονεν ἕτερος σεισμὸς ἐν μεσονυκτίῳ φοβερὸς πάνυ, ὥστε
   παθεῖν τὰ δύο τείχη Κωνσταντινουπόλεως.

 <lb/><lb/>

  Es ist auch zu beachten, dass diese seltenen Belegstellen von παθεῖν
 nicht mehr die <emph rend="italics">figura etymologica</emph> παθεῖν
 ... πάθος hervorrufen, wie es früher der Fall war <ref
 target="#K000372">8, 24</ref>.

 <lb/><lb/>

  Es mag stimmen, dass der Wechsel in der Erdbebensprache der <emph
 rend="italics">Chronographia</emph> „keineswegs so abrupt ist, wie von
 Jeffreys postuliert“ (<bibl><ref target="Meier_2007d"><title>Meier
 (2007d)</title></ref></bibl>, 576 Anm. 77; <bibl><ref
 target="Jeffreys_1990b"><title>Jeffreys (1990b)</title></ref></bibl>,
 159 selbst hatte freilich bereits zugegeben, dass in solchen
 Untersuchungen „nothing is neat and smooth“, und den σεισμός-Beleg in
 dem frühen Kapitel XVIII 28 συνέβη παθεῖν ὑπὸ σεισμοῦ Λαοδίκειαν als
 „an intrusive element“ in der Reihe erkannt); stattgefunden hat dieser
 Wechsel aber ohnehin, denn die Verschiebung von der – mehr
 emotionsgeladenen – Formel παθεῖν ὑπὸ θεομηνίας zum – neutraleren –
 Ausdruck γίγνεσθαι σεισμός ist anhand der bisher präsentierten Belege
 unleugbar: Bis XVIII 40 überwiegt deutlich die Formel παθεῖν ὑπὸ
 θεομηνία (o.ä.); ab XVIII 55 nimmt die neutraler anmutende Formulierung
 γίγνεσθαι σεισμός die Oberhand, während die andere verschwindet;
 umgekehrt ist bis XVIII 40 der Terminus σεισμός sparsamer verwendet, ab
 XVIII 55 trifft dies für παθεῖν zu. Wie dieser Sachverhalt zu
 interpretieren sei – ob im Sinne Jeffreys als Beweis zweier
 verschiedener Abfassungszeiten der Chronik oder eher als zufällige
 Varianz oder noch anders –, ist eine der noch ungelösten Aufgaben der
 Forschung.

 (L.C., B.O.)</p>
                    </item>
                </list>
                <list>
                    <item corresp="#K000908" xml:space="preserve">
                        <ref>1|7</ref>
                        <p><label>σεισμοί:</label>
  Der Plural von σεισμός kommt in der <emph
 rend="italics">Chronograohia</emph> selten vor, nur sieben bzw.
 achtmal. Es fragt sich, wie sich die Zeitgenossen diesen Plural
 überhaupt vorgestellt haben, d.h. ob er die Vorstellung transportieren
 kann, dass es sich um völlig getrennte Phänomene (an verschiedenen
 Orten und zu versch. Zeiten) handelt oder nicht eher für ein einzelnes
 „Ereignis“ steht, das sich durch wiederholte Erdstöße bemerkbar macht
 und insofern gedanklich zusammengehört. Die Analyse der einzelnen
 Belege liefert Argumente für beide Auslegungen: Während in X 51 (in
 einem Orakel von Apollonios von Tyana) die Rede von σεισμοί ist, die
 Antiochia allgemein bzw. in der Zukunft heimsuchen werden (also
 unterschiedliche Phänomene), steht in XVII 16 klar einzig und allein
 das Großbeben von 526 n. Chr. im Vordergrund: Die dort erwähnten ἄλλοι
 σεισμοὶ πολλοὶ sind mit diesem verbundene Nachbeben. An den anderen
 fraglichen Stellen (X 27 und dann <ref target="#K000878">18, 102</ref>
 und XVIII 55, 131 [dies aus der Parallelüberlieferung ergänzt]) bleibt
 der exakte Gehalt von σεισμοί schwierig zu bestimmen bzw. kann - wenn
 überhaupt - nur aus dem Kontext hergeleitet werden.

 </p>
                    </item>
                </list>
                <list>
                    <item corresp="#K000886" xml:space="preserve">
                        <ref>2|1</ref>
                        <p><label>ἐσχόλαζον:</label>
  In Zusammenhang mit einem Dativ-Komplement und ohne ein direktes
 Akkusativobjekt bedeutet das Verb σχολάζω ‚sich bzw. seine Zeit einer
 Sache widmen‘: vgl. LSJ s.v. σχολάζω III 1, mit Belegen. <bibl><ref
 target="Thurn_2000"><title>Thurn (2000)</title></ref></bibl>, 521 hat
 σχολάζω in sein „Index verborum memorabilium“ aufgenommen und richtig
 als „dego tempus aliqua re“ übersetzt; die Aufnahme in diesen Index
 verdankt das Verb der Tatsache, dass es in der <emph
 rend="italics">Chronographia</emph> ein <emph rend="italics">hapax
 legomenon</emph> ist: σχολάζω in diesem Sinne ist sonst in der früheren
 klassischen griechischen Literatur gut belegt. Das – nirgendwo direkt
 ausgedrückte – Subjekt von ἐσχόλαζον müssen die Bewohner der
 erdbebenbetroffenen Gebiete sein, die „sich bzw. ihre Zeit
 Bittprozessionen widmeten“: Der einzige Nominativ Plural in diesem
 Kapitel wäre sonst σεισμοί, welcher selbstverständlich nur als Subjekt
 von ἐγένοντο dienen kann.

 </p>
                    </item>
                </list>
                <list>
                    <item corresp="#K000887" xml:space="preserve">
                        <ref>2|2</ref>
                        <p><label>ἐν ἑκάστῃ πόλει:</label>
  „in jeder Stadt“: entweder die betroffene(n) Region(en) oder, weniger
 wahrscheinlich, die ganzen Welt: s. oben.

 </p>
                    </item>
                </list>

            <!-- Kommentar Ende -->
            </div>
  
            <!-- Bibliographie -->
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
    
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                        Zur Terminologie der (Natur-)Katastrophe in der griechischen Historiographie – einige einleitende Anmerkungen. 
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</TEI>