Malalas 18.41

Inhalt

Kapitel 41 berichtet von einem Tumult im Theater von Großantiocheia. Nachdem dem Kaiser diese Geschehnisse gemeldet worden waren, beschloss dieser die Schließung des Theaters und das Ende der Theatervorstellungen.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Ἐν δὲ τῷ αὐτῷ χρόνῳ ἐγένετο ταραχὴ ἐν Ἀντιοχείᾳ τῇ μεγάλῃ ἐν
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τῷ θεάτρῳ. καὶ τὰ τῆς ταραχῆς ἀνηνέχθη τῷ αὐτῷ βασιλεῖ. καὶ ἀγα-
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νακτήσας ἐξ ἐκείνου ἐκώλυσε τὴν θέαν τοῦ θεάτρου πρὸς τὸ μὴ ἐπιτελεῖ-
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σθαι τοῦ λοιποῦ ἐν τῇ τῶν Ἀντιοχέων πόλει.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐν δὲ τῷ αὐτῷ χρόνῳ: Der Leser befindet sich noch immer im Jahr 529 n. Chr.
1f./6 ἐγένετο ταραχὴ ἐν Ἀντιοχείᾳ τῇ μεγάλῃ ἐν τῷ θεάτρῳ: Im Jahr 529 kam es zu einem Tumult im Theater von Antiocheia, nähere Umstände bzw. Ausmaße werden hier jedoch nicht genannt.
1f./8 ἐν Ἀντιοχείᾳ τῇ μεγάλῃ: Zum Epitheton μεγάλη bezogen auf eine Stadt siehe auch den philologischen Kommentar XVIII 33, 1, dort bezogen auf Alexandria in Ägypten. Am häufigsten gilt das Beiwort jedoch in der Malalas-Chronik der syrischen Metropole Antiochia am Orontes, der es um die sechzig Mal beigegeben wird (in einigen Kapitel mehrere Belege): II 6; VIII 14, 18, 21, 23, 24, 30, 33; IX 5, 7, 14, 17; X 1, 8, 15, 18, 23, 32, 45, 46, 49, 50, 51; ΧΙ 3, 6, 9, 14, 24, 30; XII 2, 16, 22, 26, 30, 33; XIII 3, 14, 17, 23, 39; XIV 13, 17, 37, 38; XV 5, 6, 13; XVI 6, 11; XVII 7, 18; XVIII 41, 79, 87. Ἀντιόχεια μεγάλη findet sich auch bei anderen, schon früheren Autoren, wenn auch bei weitem nicht mit derselben Frequenz wie bei Malalas: vgl. Philostr. VA 1, 16, 1 ἐπεφοίτησε καὶ Ἀντιοχείᾳ τῇ μεγάλῃ πεπαυμένος τοῦ σιωπᾶν und auch Lib. Or. 17, 7, 5 εἰς τὴν μεγάλην τὴν Ἀντιόχου πόλιν. Malalas' Vorliebe für diesen ehrenvollen Beinamen könnte ein Hinweis für seine besondere Verbundenheit mit dieser Stadt – seiner mutmaßlichen Heimat – sein. In der Antike war das Epitheton μεγάλη nicht Teil des offiziellen Namens von Antiochia; der spezielle Usus der Malalas-Chronik hat die heute in der Sekundärliteratur ziemlich verbreitete Titulatur ‚Antiochia die Große‘ entscheidend mitgeprägt.
2f./7 ἀνηνέχθη τῷ αὐτῷ βασιλεῖ: Der Ind. Aorist Passiv von ἀναφέρω in der (für dieses Verb gebräuchlichen) Bedeutung ‚melden, referieren‘ kommt sechs Mal in der Chronik vor, nicht vor Buch XV (Kap. 15), dann öfters im Buch XVIII (neben dem vorliegenden Kapitel noch in 23, 29, 64 und 117). Die Person, der etwas referiert wird, ist in der Chronik immer der Kaiser (in XV 15 ist es Zenon und dann Justinian) und steht im Dativ, vgl. GLRBP s.v. ἀναφέρω 1 ‚to report to persons in authority‘ mit Verweis auf D.S. 15, 41, 5 περὶ πάντων ἀναφέρουσι τῷ βασιλεῖ, weitere Stellen bei LSJ s.v. ἀναφέρω II 6c und Lampe s.v. ἀναφέρω C2.
2f./12 ἀγανακτήσας: ἀγανακτέω, wortwörtlich 'sich ärgern', kommt in der Malalas-Chronik oft vor, um die Ursache bzw. den Hintergrund einer Aktion mit meistens weitreichenden Folgen anzugeben: vgl. Malal. X 52 ἐφόνευσεν δὲ ἀγανακτήσας ὁ αὐτὸς Δομετιανὸς τὸν περιβόητον Ἀσκληπίονα; Malal. XII 35 καὶ ἀγανακτήσας ὁ βασιλεὺς Νουμεριανὸς ἐφόνευσεν αὐτὸν [scil. den heiligen Babylas εὐθέως. Neben den römischen Kaisern agieren bei Malalas auch andere Akteure aus purem Zorn, darunter z.B. Gestalten der griechischen Mythologie (Theseus in IV 19), christliche Bischöfe (Ambrosius in XIII 42) oder gar Gott selbst (VI 3). In Buch XVIII beschreibt ἀγανακτήσας bzw. ἠγανάκτησεν fast formelhaft die Reaktion des Kaisers Justinian beim Eintreffen einer für ihn ungünstigen Nachricht. Das Verhaltensmuster "negative Nachricht – Ärger des Kaisers – Veranlassung von Gegenmaßnahmen" ist neben vorliegendem Kapitel auch in Malal. XVIII 4 (ἀκούσας [... ἠγανάκτησεν [... ἀγανακτήσας [... διεδέξατο), 35 (zweimal), 89 und 121 belegt; dasselbe Schema findet sich, diesmal bezogen auf den König der Perser, in XVIII 30 μαθών [... ἠγανάκτησεν. Siege zu ἀγανακτεῖν als Formel in der Malalas-Chronik auch Jeffreys 1990e, 228.
3f./4 ἐκώλυσε τὴν θέαν τοῦ | θεάτρου πρὸς τὸ μὴ ἐπιτελεῖσθαι τοῦ λοιποῦ ἐν τῇ τῶν Ἀντιοχέων πόλει: Justinian zeigt sich erzürnt über den erneuten Ausbruch von Unruhen im Theater und veranlasst die Beendigung der Aufführungen. Bereits im Jahr 520 n. Chr. hatte es schwere Unruhen gegeben (vgl. Malal. XVII 12 sowie Vasiliev 1950, 115ff. zum Verhältnis Justins zu den Zirkusparteien und seinem Verhalten bei Zirkusunruhen), die weite Teile des Ostreiches durchzogen und vor allem Konstantinopel schwer getroffen hatten, vgl. Downey 1961, 518. Über die genauen Vorfälle in Antiocheia ist weder für das Jahr 520 noch für das Jahr 529 etwas bekannt; wenn die Kaiser jedoch zu solch harschen Methoden greifen mussten, war die civilitas, der Zustand öffentlicher Ruhe und allgemeinen Rechts, wohl tatsächlich in Gefahr. Die für die Zeit Justinians gravierendste Unruhe durch Zirkustumulte stellte der Nika-Aufstand im Jahr 532 dar, den Malalas in Kapitel XVIII 76 detailliert wiedergibt. Zur Bedeutung der (Zirkus)Spiele in der Spätantike im Allgemeinen, der verschiedenen Parteiungen sowie der Nutzung dieser Spiele als öffentliche Bühne durch den Kaiser vgl. den Kommentar ad Malal. XVIII 22 (besonders wichtig hier Cameron 1976) sowie zu Spielen in der Spätantike allgemein Puk 2014, passim. Zum Verbot der Spiele vgl. auch Procop. Anecd. 7 sowie 9,35–46. Zum Vorgehen Justinians gegen jedwede Art von Aufständen in den größeren Städten vgl. auch Chron. Pasch. I 617,1–6 sowie Meier 2004a, 228f.
3f./4 ἐκώλυσε τὴν θέαν τοῦ θεάτρου πρὸς τὸ μὴ ἐπιτελεῖσθαι: ‚er verbot die Schaustellung von Theateraufführungen (eigtl. Sg.), damit sie nicht vollzogen werden‘: τὴν θέαν ist also direkter Akkusativ zu ἐκώλυσε, θέατρον hat die Bedeutung ‚Theaterstück‘ (klass. θέαμα, vgl. LSJ s.v. θέατρον 3 und GLRBP s.v. θέατρον) und τὸ μὴ ἐπιτελεῖσθαι ist finaler Infinitiv, eingeleitet durch πρὸς. Der Satz ist redundant: Um den Inhalt des kaiserlichen Verbots wiederzugeben, hätte ἐκώλυσε τὴν θέαν τοῦ θεάτρου gereicht. Diese Konstruktion findet sich nur noch in XVII 13, mit fast identischem Vokabular, um das Verbot des Olympischen Agons in Antiocheia durch Kaiser Justin anzukündigen: ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεύς ἐκώλυσεν τὸν ἀγῶνα τῶν Ὀλυμπίων πρὸς τὸ μὴ ἐπιτελεῖσθαι ἐν Ἀντιοχείᾳ. XVII 13, 1f. (Laura Carrara mit Olivier Gengler)
4/2 τοῦ λοιποῦ: Der substantivierte Genitiv Neutrum des Adjektivs λοιπός, ή, όν alterniert mit dem Akkusativ Neutrum τὸ λοιπόν in der Bedeutung ‚künftig‘ schon im klassischen Griechisch: siehe LSJ s.v. λοιπός 3.
τοῦ λοιποῦ ist jedenfalls, pace Rüger 1895, 13, keine Besonderheit des 18. Buches, die auf seine sprachliche Abnormität innerhalb der Chronik hinweist: Es kommt schon in VII 9 14, VII 9 34, XI 5 12 usw. vor (diese und weitere Stellenangaben bei Patzig 1896, 353).
Parallelüberlieferung
Keine
Literatur
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