Malalas 18.1

Inhalt

Buch XVIII beginnt mit einer Einführung in die Herrschaft Kaiser Justinians, dessen Herrschaftsantritt mithilfe unterschiedlicher Zeitsystemen datiert wird. Es folgen die Angabe der Gesamtregierungsdauer des Kaisers sowie eine Charakterisierung seiner Persönlichkeit. Besonderes Augenmerk legt Malalas dabei auf das äußere Erscheinungsbild Justinians, aber auch sein Glaube, seine Herkunft und seine Unterstützung für die blaue Zirkuspartei finden Erwähnung.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

ΛΟΓΟΣ ΙΗ'
ΧΡΟΝΩΝ ΙΟΥΣΤΙΝΙΑΝΟΥ ΒΑΣΙΛΕΩΣ
<ΚΑΙ> ΠΤΩΣΙΣ ς' ΑΝΤΙΟΧΕΙΑΣ
1
Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν Ἰουστίνου ἐβασίλευσεν μοναρχήσας ὁ θειό-
2
τατος Ἰουστινιανὸς ἔτη λη' καὶ μῆνας ζʹ καὶ ἡμέρας ιγʹ ἐν μηνὶ ξανθικῷ
3
τουτέστι ἀπριλλίῳ πρώτῃ, ἰνδικτιῶνι πέμπτῃ, ἔτους χρηματίζοντος
4
κατὰ Ἀντιόχειαν πεντακοσιοστοῦ ἑβδομηκοστοῦ πέμπτου, ἐπὶ τῆς ὑπα-
5
τείας Μαβορτίου ἐν Ῥώμῃ. ἦν δὲ τῇ ἰδέᾳ κονδοειδής, εὔστηθος, εὔρινος,
7
πος, μιξοπόλιος τὴν κάραν καὶ τὸ γένειον, μεγαλόψυχος, χριστιανός.
8
ἔχαιρε δὲ τῷ Βενέτῳ μέρει, καὶ αὐτὸς δὲ ὢν Θρᾷξ ἀπὸ Βεδεριάνας. τὴν
9
δὲ Ῥωμαϊκὴν γλῶσσαν ὁμιλῶν ἐσφάλλετο, ἀλλ’ ἔγραφεν αὐτὴν εὐχερῶς.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/5 Ἰουστίνου: Zu Justin I., oströmischer Kaiser 518–527 n. Chr. (PLRE II (Iustinus 4), 648–651), XVII 1, 2. (Olivier Gengler)
1/6 ἐβασίλευσεν: Malalas verwendet die Aoristform ἐβασίλευσε in seiner Kaiserbeschreibung sowohl ingressiv zur Bezeichnung des Amtsantritts (‚wurde Kaiser‘) als auch komplexiv bzw. durativ zur Bezeichnung der Herrschaftsdauer (‚herrschte als Kaiser‘); diese beiden Verwendungsweisen verbindet er generell nicht. An einer vergleichbaren Stelle (XVI 1), an der er ebenfalls sowohl die Angabe des Datums des Herrschaftsantritts als auch der Herrschaftsdauer in einem Satz bringt, verwendet er ἐβασίλευσε zur Angabe der Herrschaftsdauer und schließt die Angabe des Amtsantritts dann mit dem Partizip στεφθείς (‚gekrönt‘) an: ὅστις ἐβασίλευσεν ἔτη κζ᾿ καὶ μῆνας θ᾿ καὶ ἡμέρας θ᾿, στεφθεὶς ἐν μηνὶ ξανθικῷ τῷ καὶ ἀπριλλίῳ τῇ ἁγίᾳ πέμπτῃ τῆς μεγάλης ἑβδομάδος. Dass ἐβασίλευσε zugleich die ingressive und komplexive bzw. durative Funktion erfüllen kann, scheint angesichts dessen zweifelhaft, so dass für vorliegendes Kapitel die Annahme eines Textausfalls naheliegt. (Johann Martin Thesz)
1/7 μοναρχήσας: Von Thurn aus der slavischen Übersetzung und dem Chronicon Paschale ergänzt. An der betreffenden Stelle des Chronicon Paschale findet sich allerdings nicht das Partizip μοναρχήσας, sondern das Adjektiv μονάρχης (617, 11-12 Dindorf Καὶ λοιπὸν ἐβασίλευσεν μονάρχης Ῥωμαίων Ἰουστινιανὸς Αὔγουστος ἔτη λη᾿, μῆνας ια᾿). Eine vergleichbare Verwendung des Partizips μοναρχήσας lässt sich bei Eus., VC Pin. 1, 5 Ὅτι ἐβασίλευσε μὲν εὐσεβῶς ὑπὲρ τὰ τριάκοντα ἔτη μοναρχήσας, ἔζησε δὲ ὑπὲρ τὰ ἑξήκοντα und Theoph. 46, 31-32 de Boor Τούτῳ τῷ ἔτει ἐβασίλευσεν Ἰουλιανὸς ὁ παραβάτης μοναρχήσας διὰ πλῆθος ἁμαρτιῶν ἡμῶν nachweisen. (Johann Martin Thesz)
2/2 Ἰουστινιανός: Flavius Iustinianus I., 527–565 n. Chr. oströmischer Kaiser. Zur Beschreibung seiner Kaisererhebung durch seinen Onkel vergleiche auch Malal. XVII 18. Vgl. hierzu die Einleitung zu Buch XVIII mit einer Abhandlung über die Regierungszeit Justinians und einer Bewertung seiner Darstellung bei Malalas.
2/3 ἔτη λη' καὶ μῆνας ζʹ καὶ ἡμέρας ιγʹ: (38 Jahre, 7 Monate, 13 Tage): Justinian regierte vom Beginn seiner Alleinherrschaft aus gerechnet, also vom 1. August 527 n. Chr. an, bis zum 14. November 565 n. Chr. insgesamt 38 Jahre, 3 Monate und 14 Tage. Wählt man allerdings als Ausgangspunkt schon den 1. April 527, also den Tag, an dem Justinian von seinem Onkel Justin I. zum Mitkaiser ernannt wurde, ergibt sich die von Malalas errechnete Regierungsdauer von 38 Jahren, 7 Monaten und 13 Tagen.
2/11 ἐν μηνὶ ξανθικῷ: Der Ξανθικός, auch Ξανδικός, war der sechste Monat des makedonischen Kalenders. Später war er im Osten noch verbreitet und regional unterschiedlich festgesetzt (zwischen März und Mai). Der Monatsname ist auf die Ξανδικά zurückzuführen, ein Fest, das die Makedonen zu Ehren des Apollo Ξανδός jährlich begangen haben (Kalléris 1988, 565f.). Eine Übersicht zu den makedonischen Kalendernamen findet sich bei Trümpy 1997, 262–265, und bei Samuel 1972, 139–151. Vgl. zudem auch Grumel 1958, 168f.
3/4 ἰνδικτιῶνι πέμπτῃ: September 526 – August 527 n. Chr. Die Datierung nach Indiktionen erfolgt nur sehr selten vor Buch XVI (IX 5; XIII 29 und 35; XIV 28, XIV 46, XIV 47, XV 5; XV 16), ab Buch XVIII erfolgt sie regelmäßig und dominierend (Jeffreys 1990b, 151). Malalas‘ Erzählduktus nimmt in den letzten Büchern eine eher annalistische Form an, d.h. seine Berichte folgen einem Jahresrhythmus und sind weniger thematischen Blöcken (wie z.B. einer Sortierung nach „Kriege gegen die Perser“) untergeordnet. Nach einer Vermutung von Jeffreys waren Indiktionsangaben bereits in den Stadtchroniken von Konstantinopel enthalten, die Malalas in der zweiten Edition seiner Chronik gebrauchte (Jeffreys 1990b, 166). Bei einer Indiktion handelt es sich um ein mit einer Ordnungszahl versehenes Jahr innerhalb eines sich wiederholenden Zyklus von 15 Jahren, der ursprünglich zu administrativen und steuerlichen Zwecken eingeführt wurde; der angegebene Zeitraum umfasst ein Jahr beginnend mit dem 1. September und endend mit dem 31. August. Die Datierung nach Indiktionen löste sich jedoch von dieser ursprünglichen Funktion und entwickelte sich zu einer Standarddatierungsvariante der ausgehenden Spätantike. Die Standardisierung der Datierung nach Indiktionsjahren erfolgte durch Kaiser Justinian im Jahr 537, vgl. dazu Nov. 47. Zur Debatte um den Ursprung der Indiktion und für generelle Informationen vgl. Ginzel 1914, 148ff.; Grumel 1958, 192ff.
3f./6 ἔτους χρηματίζοντος κατὰ Ἀντιόχειαν πεντακοσιοστοῦ ἑβδομηκοστοῦ πέμπτου: Oktober 526 – Sept. 527 n. Chr. Die Datierung nach der antiochenischen Ära erfolgt in der Chronik des Malalas ab Buch X (erste Verwendung in X 2). Ein dieser Zählung entsprechendes Jahr beginnt mit dem 1. Oktober und endet mit dem 30. September; diese Zählung rechnet hoch vom 1. Oktober des Jahres 49 v. Chr., der Verleihung des Status der Unabhängigkeit an die Stadt Antiochia durch Julius Caesar (vgl. Grumel 1958, 215, sowie Jeffreys 1990b, 151f.). Malalas selbst weist in IX 5 auf diese Form der Datierung und ihre Einführung hin. In der Mitte des 5. Jh. ändert sich der Zeitraum des antiochenischen Jahres mit einer Verschiebung auf die Spanne vom 1. September bis zum 31. August; dies geschah vermutlich, um eine mit dem Indiktionsjahr korrespondierende Zeiteinteilung zu schaffen (vgl. Jeffreys 1990b, 151f.). Dem Vergleich mit dem von ihm benutzten Quellenmaterial folgend scheint Malalas selbst diese Datierungsvariante eingeführt, sie also seinem Material zugefügt zu haben Jeffreys 1990b, 166).
5/2 Μαβορτίου: Vetteius Agorius Basilius Mavortius, ein römischer Aristokrat, der seine Abstammung wahrscheinlich auf Vetteius Agorius Praetextatus und die Familie der Decii zurückführen kann. Er war alleiniger consul im Jahr 527 n. Chr., zuvor comes domesticorum und hegte literarische Interessen, was aus einer Subskription zu den Epoden des Horaz ersichtlich ist (PLRE II (Vettius Agorius Basilius Mavortius 2), 736f.).
5/9 κονδοειδής: V 6, 36. (Johann Martin Thesz)
5/10 εὔστηθος: V 9, 7. (Johann Martin Thesz)
5/11 εὔρινος: V 1, 8. (Johann Martin Thesz)
5f./5 ἦν δὲ τῇ ἰδέᾳ κονδοειδής... : Die hier vorgenommene Kurzbeschreibung des Herrschers („Seinem Aussehen nach war er nun gedrungen, hatte eine gute Brust, eine stattliche Nase, hellen Teint, gelocktes Haar, ein rundes Gesicht, eine schöne Gestalt, zurückweichende Haare; sein Antlitz hatte blühende Farbe, er hatte graumelierte Haare auf dem Kopf und im Bart, er war hochgemut, ein (richtiger) Christ.“ Thurn/Meier 2009, 437) entspricht einem ab Buch X regelmäßig von Malalas angewandten Beschreibungsschema mit Spannungsbogen von Herrschaftsantritt bis zum Tod des Herrschers, das sich in der Regel aus folgenden Bestandteilen zusammensetzt: Angabe des Namens, der Länge der Herrschaft, einem Kurzporträt mit üblicherweise beigefügter Angabe physischer Merkmale sowie einem kurzen Kommentar zur religiösen Einstellung des Herrschers und der von ihm favorisierten Zirkuspartei (Jeffreys 1990b, 138–143). Bei der Anfertigung dieser Kurzporträts griff Malalas dem Anschein nach zum einen auf bereits bestehendes biographisches Material zurück, zum anderen reagierte er bei der Auswahl der Informationen vor allem bei zeitgeschichtlichen Personen auf mündliche Überlieferungen und auf vorhandenes Bildmaterial (James 1990, 243).
Einzelne Elemente der Herrscherbeschreibung („[…, (er) hatte eine gute Brust, eine stattliche Nase, hellen Teint, gelocktes Haar, [… eine schöne Gestalt, zurückweichende Haare; sein Antlitz hatte blühende Farbe, er hatte graumelierte Haare auf dem Kopf und im Bart, [….“) erinnern zudem an die Beschreibung der römischen Kaiser in den Panegyrici Latini: In dieser mit dem Panegyricus des Plinius auf Kaiser Trajan beginnenden spätantiken Sammlung werden unterschiedliche Herrscherfiguren mit Lobreden versehen, die sich in Struktur und Inhalt ähneln. Zu den Beschreibungsebenen dieser Gattung zählen Geburt und Herkunft des Herrschers, sein Werdegang, seine Machtergreifung, seine Karriere in Kriegs- wie in Friedenszeiten sowie seine Privatsphäre mit familiärem Umfeld und seine charakterlichen wie körperlichen Eigenschaften. Das Aussehen des Herrschers steht dabei in Korrelation mit seiner Herrschaft: Die positiven charakterlichen Eigenschaften, die die Güte der Herrschaft ausmachen, strahlen gewissermaßen auch nach außen. So war ein guter Herrscher nie hässlich, die Panegyriker werden im Gegenteil nicht müde, einzelne Elemente seines Aussehens wie seine Statur, sein Gesicht und seine Haare detailliert zu beschreiben (Mause 1994, 153ff.). Eine solche Beschreibung findet sich in Ansätzen auch hier z.B. in der Erwähnung, dass das Haar des Herrschers bereits erste graue Stellen aufweise – keinesfalls ein Zeichen des Verfalls, sondern der Würde und Reife des Herrschers (Mause 1994, 155). Zu den Porträts bei Malalas, s. jetzt Borsch 2018, bes. S. 56 und 74--75 für das Porträt von Justinian.
6/2 οὐλόθριξ: V 1, 9. (Johann Martin Thesz)
6/3 στρογγυλόψις: Vgl. die Beschreibung von Justinian bei Proc. Arc. 8,12: τὴν δὲ δὴ ὄψιν στρογγύλος mit Borsch 2018, 74f. Zum Wort bei Malalas: V 9, 53. (Johann Martin Thesz)
6/5 ἀναφάλας: V 10, 20. (Johann Martin Thesz)
6/6 ἀνθηροπρόσωπος: ‚Mit blühendem Gesicht‘. Das Adjektiv ist bei Malalas nur für Nero, Paulus und Justinian verwendet und ist außerhalb der Chronographia kaum belegt: X 30, 3f.. (Johann Martin Thesz)
7/8 μεγαλόψυχος: Hier findet ein Übergang von äußerlichen zu inneren Merkmalen statt. Allgemein zum Adjektiv μεγαλόψυχος: V 9, 4. (Johann Martin Thesz)
8/3 τῷ Βενέτῳ μέρει: Die Angabe der vom Kaiser favorisierten Zirkuspartei ist Bestandteil der von Malalas vorgenommen kurzen Herrscherbeschreibung (und war als solche vermutlich auch in dem biographischen Material vorhanden, das Malalas nutzte, vgl. Jeffreys 1990b, 141). Diese obligatorische Positionierung für eine Partei im gesellschaftspolitisch wichtigen Wagenrennen hatte dabei jedoch nicht zwangsläufig religiöse oder politische Implikationen, konnte aber als „statement“ des Kaisers in Bezug auf bestimmte soziale Gruppierungen gewertet werden (Meier 2004c, 18f.).
Dank Juvenals Formulierung, panem et circenses seien das einzige, wonach das Volk Roms noch Verlangen habe (Iuv. 10,81), wurden und werden Circus-Spiele oft schlicht als Synonym für ,staatlich‘ gelenkte Massenunterhaltung angesehen. Hinter dem Begriff verbirgt sich jedoch ein breites Bedeutungsspektrum mit vielfältigen soziologischen und politischen Implikationen. Die Circus-Spiele galten als Hauptattraktion Roms für die plebs in der Kaiserzeit, die jedoch von den Intellektuellen verachtet (Plin. epist. 9,6), von Christen bisweilen verschmäht wurden (Tert. de spectactulis 7). Für den Kaiser stellten sie ein nicht zu unterschätzendes politisches Betätigungsfeld dar, das ihn seinem Volk näher bringen (vgl. das Auftreten Trajans bei den Spielen, Plin. paneg. 51), es aber auch gegen ihn aufbringen konnte (vgl. u.a. den Nika-Aufstand 532 n. Chr.).
Für Juvenal und den jüngeren Plinius waren Circus-Spiele gleichbedeutend mit Wagenrennen und der starken Anteilnahme der Zuschauer am Erfolg von Wagenlenkern, Pferden, Parteifarben. Das Programm der Circus-Spiele in der Republik und noch unter Augustus war jedoch differenzierter; es sah nach der pompa circensis, einem sakraler Akt in Form eines Triumphzuges mit Beginn auf dem Capitol am Tempel des Iupiter Capitolinus, der über das Forum in den Circus Maximus führte (Dion. Hal. ant. 7,72), – dieser Akt erinnerte daran, dass die ersten Circus-Spiele im Anschluss an einen Triumph gefeiert wurden und die beibehaltene pompa circensis blieb Abbild dieses Ritus – verschiedene hippische Agone sowie athletische Wettkämpfe wie Laufwettbewerbe, Faustkampf und Ringen (Cic. leg. 2,38; Dion. Hal. ant. 7,73) vor. Unter der Herrschaft Neros verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Wagenrennen, die zum bestimmenden Teil der Circus-Spiele wurden. Seitdem Pferderennen den Circus beherrschten, waren Wagenlenker und Pferde häufige Gesprächsthemen und ihre Siege und Niederlagen wurden mit großer Anteilnahme gefeiert (vgl. das Beispiel des Scorpus, des erfolgreichsten Rennfahrers der flavischen Epoche, der von Martial gepriesen wurde (Mart. clamosi gloria circi 10,53) (für weitergehende Informationen zu den einzelnen, zu den Circus-Spielen gehörenden Disziplinen vgl. Hönle 1997, 1210–1220).
Während über die Organisation der Spiele in republikanischer Zeit wenig bekannt ist, entwickelte sich vor allem der Rennsport in der Kaiserzeit zu einem professionell von Investoren gelenkten und geförderten sportlichen Event: Für die Unterhaltung von Pferden und Wagen sowie die Ausbildung der Athleten traten kapitalkräftige Unternehmen (factiones) an, deren Engagement die Grundlage für die Steigerung der Qualität des Sportes und der gesellschaftlichen Verbreitung darstellte. Markenzeichen dieser factiones, ursprünglich vier an der Zahl, waren die farblich unterschiedlichen Tuniken ihrer jeweiligen Wagenlenker: Man unterschied zwischen einer weißen (albata), roten (russata), bläulichen (veneta) oder grünen (prasina) Tunika. Für die Beschaffung geeigneter Pferde wie für die Beschäftigung einer Reihe von Spezialisten (vgl. CIL VI 10074–10076: aurigae, conditores, succonditores, sellarii, sutores, sarcinatores, medici, magistri, doctores, viatores, vilici, tentores, sparsores, hortatores) mussten die factiones gewaltige Summen investieren, was oft nicht ohne eine Verquickung sportlicher, wirtschaftlicher und politischer Interessen der jeweiligen Mitglieder einhergehen konnte. Die gesamte Veranstaltung der Spiele hatte jedoch der Spielgeber zu zahlen – für die ludi publici in Rom war das noch im 4. Jh. n. Chr. der Prätor, für zusätzliche Spiele der Kaiser (Hönle, a.a.O.).
Für die Circus-Spiele der Spätantike, die nach wie vor großen Enthusiasmus in der Bevölkerung hervorriefen (vgl. Puk 2014, 161–228), lässt sich eine Radikalisierung der Zirkusparteien feststellen, die sich v.a. in einer starken Rivalität der „Blauen“ und „Grünen“ äußert (vgl. dazu grundlegend Cameron 1976; zur Rolle des Hippodroms als politischer Schauplatz Heucke 1994). Nachdem die „Roten“ und „Weißen“ als ernstzunehmende Gegner im Kampf um Pferd und Wagen marginalisiert worden waren, waren es die Blauen und Grünen, die mit größerem Eifer denn je die Rennen organisierten und auch vor Vergehen an Mitgliedern (bis hin zum Mord) der jeweils anderen Partei nicht zurückschreckten. Auch die Positionierung des aktuellen Herrschers bzw. das Aussprechen einer Favorisierung einer der beiden factiones trug zur Verschärfung der Konkurrenz bei, denn neben dem öffentlichen Bekenntnis des Kaisers war es auch das oftmals damit verbundene Protegieren von Parteimitgliedern durch eine Verleihung ranghoher politischer Posten, das Neid und Missgunst weiter schürte (Meijer 2010, 135ff.). Im ausgehenden 5. und beginnenden 6. Jh. n. Chr. häuften sich Aufstände, die ursächlich oder mittelbar mit den Rivalitäten der factiones zusammenhingen und deren Schlagkraft mitunter eine Gefährdung für den aktuellen Herrscher darstellen konnte. Eine Positionierung des Kaisers barg folglich eine nicht zu unterschätzende sozialpolitische Brisanz (vgl. beispielhaft Greatrex 2011, passim).
8/6 καὶ αὐτὸς δὲ...: 'Und auch er war ein Thraker aus Bederiana', d.h. wie Justin: XVII 1,2. Die Übersetzung von Thurn/Meier 2009, 440 ist hier ungenau. (Olivier Gengler)
8/9 ὢν Θρᾷξ ἀπὸ Βεδεριάνας: Zu Bederiana: XVII 1, 2. In der Umgebung von Bederiana befand sich Taurision, der Geburtsort Justinians, in dessen Nähe er als Kaiser eine neue Stadt namens Iustiniana Prima gründete (Procop. Aed. IV 1,17–19; vgl. Agathias V 21,2 [190,25--29), die vermutlich mit dem heutigen Caricin Grad identisch ist (Claude 1969, 6; Radford 1954, 15–18). In seiner Gesetzgebung stellt Justinian Iustiniana Prima als seinen Geburtsort dar: Nov. 11 (94,[passim Krüger) und 131 (655,17 Krüger). Es ist anzumerken, dass die Chronographia offensichtlich die Gründung von Iustiniana Prima nicht erwähnt. Dazu s. Turlej 2016 (übers. von Turlej 2011), passim, besonders S. 218--224.

Ob die beiden Ausgrabungsstätten Skopje Taor und Bader 15 km südöstlich von Skopje mit den antiken Lokalitäten Taurisium und Bederiana zu identifizieren sind (dazu schon: Evans 1885, 134ff.; etwas neuer: Tomoski 1967, 233ff., der geographische Angaben Prokops und die Lautähnlichkeit der Städtenamen als Argumente anführt), ist umstritten, denn die Ähnlichkeit der Namen kann auch nur auf Zufall beruhen (Zeiller 1930, 656). Vgl. nun auch Turlej 2016. ( mit Olivier Gengler)
Parallelüberlieferung
Literatur
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Claude (1969): Claude, Dietrich: Die byzantinische Stadt im 6. Jahrhundert, München, 1969.
Downey (1945): Downey, Glanville: The pagan virtue of megalopsychia in Byzantine Syria, TAPhA, 1945, 279–286.
Evans (1885): Evans, Arthur J.: Antiquarian researches in Illyricum IV, Westminster, 1885.
Ginzel (1914): Ginzel, Friedrich K.: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Das Zeitrechnungswesen der Völker, Leipzig, 1914.
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Greatrex (2011): Greatrex, Geoffrey: The Nika Riot: A Reappraisal, Meier, Mischa (Hrsg.), Darmstadt 2011, 174–215.
Grumel (1958): Grumel, Venance: La Chronologie, Paris, 1958.
Heucke (1994): Heucke, Clemens: Circus und Hippodrom als politischer Raum. Untersuchungen zum großen Hippodrom von Konstantinopel und zu entsprechenden Anlagen in spätantiken Kaiserresidenzen, Hildesheim/Zürich/New York, 1994.
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Jeffreys (1990b): Jeffreys, Elizabeth: Chronological structures in Malalas’ chronicle, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 111–166.
Kalléris (1988): Kalléris, Jean: Les anciens Macédoniens, Athen, 1988.
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Meijer (2010): Meijer, Fik: Chariot racing in the Roman empire, Baltimore, 2010.
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Puk (2014): Puk, Alexander: Das römische Spielewesen in der Spätantike, Berlin, 2014.
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Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Tomoski (1967): Tomoski, T.: Taorsko Gradište (Taurisium-Bederiana-Iustiniana Prima), ZAnt, 1967, 233–239.
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Turlej (2011): Turlej, Stanislaw: Justyniana Prima. Niedoceniony aspekt polityki kościelnej Justyniana, Kraków, 2011.
Turlej (2016): Turlej, S.: Justiniana Prima: An Underestimated Aspect of Justinian’s Church Policy, Kraków, 2016.
Zeiller (1930): Zeiller, Jacques: Le site de Iustiniana Prima, Rev. sc. rel., 1930, 650–658.