Malalas 17.1

Inhalt

Mal. XVII 1 eröffnet die Erzählung über die Regierungszeit Justins und enthält eine Reihe von Elementen, die den Inhalt des Gesamtbuches vorankündigen und dadurch den retrospektiven Charakter der Erzählung offenbaren. An einen einleitenden Abschnitt, der den neuen Herrscher benennt und dessen Amtsantritt datiert, schließt der Chronist eine kurze Zusammenfassung zu den Umständen seiner Machtergreifung an. Es folgen die Gesamtlänge seiner Regierungszeit und schließlich sein Porträt. Der Bericht über die Machtergreifung Justins wird im Anschluss weiter elaboriert, insbesondere in XVII 2, wo z.T. dieselben Ausdrücke wiederkehren.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν Ἀναστασίου τοῦ Δικόρου ἐβασίλευσεν
2
θειότατος Ἰουστῖνος, ἀπὸ Βεδεριάνας ὢν Θρᾷξ, ἐπὶ τῆς ὑπατείας Μά-
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γνου, μηνὶ πανέμῳ τῷ καὶ ἰουλίῳ θʹ, ἰνδικτιῶνι ἑνδεκάτῃ χρηματίζοντος
4
κατὰ τοὺς Ἀντιοχεῖς τῆς Συρίας ἔτους φξϛʹ· ὅντινα στρατὸς μετὰ τῶν
5
φυλαττόντων τὸ παλάτιν κελεύσει θεοῦ ἐξκουβιτόρων ἅμα τῷ δήμῳ στέ-
6
ψαντες ἐποίησαν βασιλέα· ἦν γὰρ κόμης ἐξκουβιτόρων. ἐβασίλευσεν δὲ
7
ἔτη θʹ καὶ ἡμέρας εἰκοσιδύο. τῇ δὲ ἡλικίᾳ ἦν διμοιριαῖος, εὔστηθος, οὖλος,
8
ὁλοπόλιος, εὔρινος, ὑπόπυρρος, εὔμορφος, ἐν πολέμοις κοπωθείς, φιλότι-
9
μος, ἀγράμματος δέ.
Philologisch-Historischer Kommentar
1ff./1 Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν Ἀναστασίου... ἔτους φξϛʹ: Mit Buch XVII beginnt die Darstellung der Regierungszeit von Justin I. Sie wird durch das in der Chronographia übliche Muster eingeleitet: Zunächst wird formelhaft das Ende der Herrschaft des Vorgängers genannt (hier: Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν Ἀναστασίου τοῦ Δικόρου), dann der neue Herrscher, die Länge seiner Regierungszeit (hier: ἐβασίλευσεν δὲ ἔτη θʹ καὶ ἡμέρας εἰκοσιδύο) und einige physische Merkmale (oder sonstige Charakteristika) angegeben, wobei letztere im vorliegenden Fall in ein ausführliches Porträt münden (Z. 7--9).

Darüber hinaus wird diese Grundinformation hier - wie zu Beginn des vorigen und des nächsten Buches auch - mit einer ausführlichen Datierung (Z. 2--4) versehen: Konsulat (ἐπὶ τῆς ὑπατείας Μάγνου = 518), Monat und Tag (μηνὶ πανέμῳ τῷ καὶ ἰουλίῳ θʹ = 9. Juli), Indiktion (ἰνδικτιῶνι ἑνδεκάτῃ = 08.517-07.518) und Ära von Antiochia (χρηματίζοντος κατὰ τοὺς Ἀντιοχεῖς τῆς Συρίας ἔτους φξϛʹ [566 = Okt. 517 - Sept. 518). Es gilt allerdings zu beachten, dass die Angabe des makedonischen Monats und der antiochenischen Ära in O fehlen und von Thurn nach der slawischen Überlieferung und dem CP ergänzt wurden.

Der 9. Juli wird nicht nur durch Evagr. 153,6 und CP 611,13 Dindorf (die hier möglicherweise von der Chronographia abhängig sind) überliefert, sondern ist auch durch ein Martyrologium des 14. Jh. vermerkt (Peeters 1908, 156,12 und 187); Ps.-Zach. VIII 1 und Kyrill von Skythopolis (161, 12--20) haben dagegen den 10. Juli: s. dazu Greatrex 2007, 99 Anm. 1. Vgl. auch XVII 23: Justin starb am 1. Aug. 527 nach einer Regierungszeit von 9 Jahren und 22 Tagen (dazu: XVII 23, 6).

Eine andere Form der Erweiterung der Grundinformationen stellen Details zur Krönung dar. Diese können mit den normalen Elementen verwoben sein (Beispiel:XIV 35, 1) oder aber nachfolgen wie im vorliegenden Fall (dazu: XVII 1, 4). (Olivier Gengler mit Florian Battistella)
1ff./8 ἐβασίλευσεν ... ἐβασίλευσεν: Malalas verwendet die Aoristform ἐβασίλευσε(ν) grundsätzlich sowohl ingressiv zur Bezeichnung des Amtsantritts (‚wurde Kaiser‘, wie an dieser Stelle), als auch komplexiv bzw. durativ zur Bezeichnung der Herrschaftsdauer (‚herrschte als Kaiser‘) wie in Z. 6. Dazu: XVIII 1, 1. (Olivier Gengler)
2/2 Ἰουστῖνος: Justin I. (PLRE II (Iustinus 4), 648–651), Kaiser 518–527 n. Chr., geb. um 450 in Bederiana (dazu s.u.), laut Prok. HA VI,2 als Sohn eines Bauern. Unter Leon I. kam er nach Konstantinopel und wurde bald Mitglied der Palastgarde; unter Anastasios I. wurde er comes rei militaris und 515 comes excubitorum. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger trat er entschieden für die Christologie des Konzils von Chalkedon (451) ein und bekämpfte den Miaphysitismus. Die senatorischen Anhänger des Anastasios versuchte er politisch auszuschalten. Während seiner Regierungszeit kam es wiederholt zu Volksunruhen. In den letzten Jahren vor seinem Tod (1. Aug. 527) regierte faktisch bereits sein Neffe, Adoptivsohn und Nachfolger Justinian I. (XVII 18, 2). ( mit Olivier Gengler)
2/3 ἀπὸ Βεδεριάνας ὢν Θρᾷξ: Bederiana war eine kleine Festung, die bei Naissus, dem heutigen Niš, in der Provinz Dacia Mediterranea lag. Vgl. Joh. Ant. fr. 308,48--49 Roberto ([EI 142,21--22 de Boor): Ἰουστῖνος ἐκ Βεδεριανῆς φρουρίου πλησιάζοντος Ναισσῷ τῇ Ἰλλυρίδι). Für weitere Quellen und eine ausführliche Diskussion, s. Vasiliev 1950, 52--55 und XVIII 1, 8. (Olivier Gengler)
2/7 ἐπὶ τῆς ὑπατείας Μάγνου: Zu Konsuldatierungen bei Malalas: XVIII 46, 1. (Olivier Gengler)
4/9 ὁ στρατὸς ... βασιλέα: Die Beschreibung der Erhebung Justins im Buch de Ceremoniis I 93, die höchstwahrscheinlich aus dem Werk περὶ πολιτικῆς καταστάσεως von Petros Patrikios stammt, macht klar, dass der Kaiser durch den Senat, die Kirche, das Heer und das Volk gewählt wurde, wobei die Rolle der excubitores entscheidend erscheint. Von diesen nennen alle griechischen Quellen, wie die Chronographia, zumindest den demos und die Soldaten: S. Vasiliev 1950 80 und Anm.60. Interessanterweise erwähnt die lateinische Tradition nur den Senat, so z.B. Marcellinus Comes). Das göttliche Eingreifen, das hier ebenfalls thematisiert wird, wird wiederholt in der kaiserlichen Selbstdarstellung und dadurch im Buch de Ceremoniis betont: Vasiliev 1950 78--80. (Olivier Gengler)
5/6 ἐξκουβιτόρων: Latinismus, nach excubitor: Körting 1879, 14; Festugière 1978, 236; Thurn 2000, 486. Die excubitores waren 300 Elitesoldaten, die als Leibwächter des Kaisers dienten. Diese Militäreinheit wurde durch Leo I. geschaffen und war direkt an den Kaiser gebunden, um die scholae palatinae in ihrer Rolle als Elitentruppen zu ersetzen: Haldon 1984, 136--139. (Olivier Gengler mit Laura Carrara)
6/4 ἦν γὰρ κόμης ἐξκουβιτόρων: Als Anführer der kaiserlichen Leibwache war der comes excubitorum (XVII 1, 5) eine der einflußreichsten Figuren des Staates. Dass Justin diese Funktion vor Antritt seiner Regierung innehatte, ist in zahlreichen Quellen belegt: Vasiliev 1950 68 Anm. 50. (Olivier Gengler)
7/6 τῇ δὲ ἡλικίᾳ ἦν διμοιριαῖος: Wie in anderen Porträts der Chronographia hat ἡλικία hier die Bedeutung ‚Statur‘. Diese ist schon in der klass. Sprache belegt, aber erst ab der Kaiserzeit geläufiger. Vgl. z.B. Lk 19,3: τῇ ἡλικίᾳ μικρὸς ἦν (Zachäus). Zu διμοιριαῖος: V 9, 19. (Olivier Gengler)
7/11 εὔστηθος: ‚mit starker Brust‘: V 9, 7. (Olivier Gengler)
7ff./6 τῇ δὲ ἡλικίᾳ ἦν διμοιριαῖος, εὔστηθος, οὖλος, ὁλοπόλιος, εὔρινος, ὑπόπυρρος, εὔμορφος, ἐν πολέμοις κοπωθείς, φιλότιμος, ἀγράμματος δέ: Die recht schematisch anmutende Aneinanderreihung von Adjektiven informiert über körperliche Gestalt sowie einzelne weitere Eigenschaften des neu angetretenen Kaisers. Solche Beschreibungen bilden in der Chronographia ein Standardelement der Berichterstattung; neben den Kaisern werden mit diesen Porträts auch griechische Heroen und biblische Aposteln bedacht: XVIII 1, 5f., ausführlich Borsch 2018.

Die Beschreibung Justins fällt mit 10 Adjektiven überdurchschnittlich ausführlich aus (Statistisches bei Carrié 2006, 201); die geschilderten Eigenschaften lassen ihn dabei insgesamt in einem positiven Licht erscheinen: Drei körperliche Eigenschaften sind durch die Vorsilbe εὔ- ganz explizit in diesem Sinne konnotiert: εὔστηθος, εὔρινος und ganz allgemein εὔμορφος. Abseits der rein körperlichen Qualitäten wird zudem auf seine militärische Erfahrung (das verwendete Partizip κοπωθείς deutet auch eine gewisse Kriegsmüdigkeit an: XVII 1, 8) und die als herrscherliche Tugend angesehene Freigebigkeit hingewiesen. Diese Eigenschaften relativieren den ganz zum Schluss mit δέ gegenübergestellten Analphabetismus (dazu s.u.). (Jonas Borsch)
8/2 εὔρινος: ‚mit schöner, wohlgeformter Nase‘: V 1, 8 (Olivier Gengler)
8/5 ἐν πολέμοις κοπωθείς: Die Übersetzungen von Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986 (‚He was a veteran of war‘) und Thurn/Meier 2009 (‚bewährt in Kriegen‘) sind ein bisschen zu schwach: ‚der sich bei Kriegen verausgabt hat‘, vgl. Mal. XII 36,13. Vielleicht handelt es sich hier um eine Vorankündigung seiner Todesursache: XVII 23, 2. Für Justins militärische Karriere, s. Vasiliev 1950, 66--68. (Olivier Gengler)
9/2 ἀγράμματος: Malalas bestätigt hier die Aussage von Procop. HA VI 11, dass Justin Analphabet war, die für sich allein stehend angesichts des allgemein kritischen Tons dieses Werkes nicht unbedingt glaubwürdig erschiene; vgl. die Beschreibung der angeblichen administrativen Folgen von Justins Analphabetismus bei Procop. HA VI 12--16. S. dazu die Diskussion bei Vasiliev 1950, 82--84.

Contra Baldwin 1989, 129f. (vgl. Rosen 1999, 777), demzufolge die Angabe lediglich meine, dass Justin die höhere Bildung gefehlt habe. Ähnlich Croke 2007, 18, der die bei Prokop erwähnte Nutzung einer Schablone durch Justin folgendermaßen kommentiert: "All it meant is that, unlike Theodosius II for example, he was no calligrapher." (Olivier Gengler mit Florian Battistella)
Parallelüberlieferung
Literatur
Baldwin (1989): Baldwin, Barry: Illiterate Emperors, Historia, 1989, 124–126.
Borsch (2018): Borsch, Jonas: Schriftliche Bildnisse. Personalisierte Erinnerung in Malalas’ Porträts, Borsch, Jonas/Gengler, Olivier/Meier, Mischa, 3, Stuttgart 2018, 49–81.
Carrié (2006): Carrie, Jean-Michel: Traditionnalisme culturel et renouveau historiographique: Les portraits physiques des personnages célèbres dans la Chronique de Malalas, Recherches sur la chronique de Jean Malalas II, 2006, 197–212.
Croke (2007): Croke, Brian: Justinian under Justin: reconfiguring a reign, Byzantinische Zeitschrift, 2007, 13–56.
Festugière (1978): Festugière, André-Jean: Notabilia dans Malalas. I, Revue de Philologie, 1978, 221–241.
Greatrex (2007): Greatrex, Geoffrey B.: The early years of Justin I in the sources, Electrum, 2007, 99–113.
Haldon (1984): Haldon, John: Byzantine Praetorians: An Administrative, Institutional and Social Survey of the Opsikion and Tagmata, c. 580–900, Bonn, 1984.
Jeffreys/Jeffreys (1990): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael: The language of Malalas, 3: Portraits, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 231–244.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Körting (1879): Körting, Gustav: De vocibus latinis quae apud J. Malalam chronographum Byzantinum inveniuntur, Münster, 1879.
Peeters (1908): Peeters, P.: Le martyrologe de Rabban Sliba, Analecta Bollandiana, 1908, 129--200.
Rosen (1999): Rosen, Klaus: s.v. Justin I., RAC, 1999, 763–778.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Vasiliev (1950): Vasiliev, Alexander A.: Justin the First. An Introduction to the Epoch of Justinian the Great (Dumbarton Oaks Studies l), Cambridge, MA, 1950.