Malalas 18.43

Inhalt

Kapitel 43 berichtet von Priskos, einem exconsul und exnotarius des Kaisers, der in Ungnade fiel, enteignet und nach Kyzikos geschickt wurde.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ καιρῷ ἠγανακτήθη ἀπὸ ὑπάτων Πρίσκος, ὁ ἀπὸ
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νοταρίων τοῦ αὐτοῦ βασιλέως, καὶ δημευθεὶς ἐγένετο διάκονος καὶ ἐπέμ-
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φθη ἐν Κυζίκῳ.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ καιρῷ: Noch immer werden Ereignisse des Jahres 529 n. Chr. geschildert.
1/6 ἠγανακτήθη: Der passive Aorist des Verbes ἀγανακτέω mit wirklich passivischer Bedeutung (i.e. 'sich den Zorn jemandes zuziehen', 'Opfer jemandes Zornes sein') ist nachklassisch (klassisch haben noch die medialen Formen aktive Bedeutung 'sich ärgern (an)', vgl. LSJ s.v. ἀγανακτέω III) und kommt in den byzantinischen Chroniken häufiger vor, siehe Psaltes 1913, § 342. In der Malalas-Chronik sind außer vorliegenden Stelle noch folgende Passagen anzuführen: Malal. XV 15 διεδέχθη ὁ τότε κόμης τῆς ἀνατολῆς Θεόδωρος ἀγανακτηθείς; Malal. XVII 12 καὶ ἀγανακτηθεὶς ὑπὸ τοῦ βασιλέως ἐπαύθη τῆς ἀρχῆς καὶ ἀπεζώσθη τῆς ἀξίας; Malal. XVIII 22 ἠγανακτήθη ὁ πατρίκιος Πρόβος; Malal. XVIII 54 ὡς τῶν Σαμαρειτῶν Ῥωμαίων ἀγανακτηθέντων ὑπὸ τοῦ βασιλέως Ἰουστινιανοῦ; Malal. XVIII 111 ἦν γὰρ ἀγανακτηθεὶς; [Malal. XVIII 131 ἠγανακτήθη Εὐγένιος, ergänzt aus Theoph. 235, 6 de Boor, XVIII 141 ἠγανακτήθη ὁ πατρίκιος Βελισσάριος; siehe auch die Lisete bei Festugière 1978, 225.

Es handelt sich dabei um das 'passive' Pendant zur aktiven ἀγανακτεῖν-Formel (dazu siehe XVIII 41, 2f. und Jeffreys 1990e, 228): Der Kaiser (oder seltener Gott o.ä.) 'ärgert sich' (ἀγανακτήσας o.ä.) und ergreift Maßnahmen [aktives Verhaltensmuster, das Ziel dieses Zornes, der ἀγανακτηθείς/die ἀγανακτηθέντες, fällt/fallen diesen Maßnahmen zum Opfer [passives Verhaltensmuster. Oft werden auch die Folgen der Ungnade explizit beschrieben bzw. erwähnt: entweder Amtsenthebung (XV 15, XVII 12) oder Enteignung (mit dem Verb δημεύω; hier – noch dazu mit Exil – und im Kapitel XVIII 131, das allerdings Thurns Ergänzung aus Theophanes ost) oder aber auch (unverhoffte) Rehabilitierung (XVIII 22; XVIII 111). Die Folgen der kaiserlichen Ungunst für Belisar in XVIII 141 sind in der Handschrift O nicht enthalten, werden aber in den Excerpta de insidiis 175,18 de Boor beschrieben (Belisar wurde weder enteignet noch ausgewiesen, sondern in sein Haus eingesperrt).


1f./6 ἠγανακτήθη ὁ ἀπὸ ὑπάτων Πρίσκος, ὁ ἀπὸ νοταρίων τοῦ αὐτοῦ βασιλέως: Bei Priskos (PLRE IIIB (Priscus 1), 1051) handelt es sich um den ehemaligen Sekretär Justinians und Ehrenkonsul des Jahres 529 n. Chr., der zudem im selben Jahr comes excubitorum war, vgl. neben der Malalas-Stelle auch Theoph. I 186,15–17, die Excerpta de Insidiis 171,35–172,5 sowie Procop. Anecd. 16,7.
Den Quellen zufolge geriet er in einen Konflikt mit Theodora, die er in der Version der Excerpta de Insidiis 171,35–172,5 unziemlich behandelt hatte bzw. die ihn in der Version Prokops daraufhin bei ihrem Ehegatten anschwärzte (vgl. Procop. Anecd. 16,8; diese Vorinformation fehlt bei Malalas), woraufhin Priskos nach Kyzikos verbannt wurde. Vor allem Prokop schmückt die Geschichte um Priskos mit weiteren Details aus: Seinen Ausführungen zufolge wurde Priskos nicht auf Geheiß Justinians dazu gezwungen, die Priesterweihe zu empfangen um fortan ein Leben als Kleriker zu führen, sondern musste auf Wunsch Theodoras (bei Unwissenheit Justinians) eine Tonsur vornehmen lassen, vgl. Procop. Anecd., 16,9–10. Prokop ergänzt auch Details zum Charakter des Übeltäters: Er sei von übler Art gewesen und habe seinem Herrn Justinian in Nichts nachgestanden, vgl. Procop. Anecd., 16,7. Allen Versionen gemeinsam ist die Erwähnung, dass das Vermögen des Priskos konfisziert wurde. Die Excerpta de insidiis, die möglicherweise eine ältere Version der Malalas-Chronik bewahren (vgl. Mango/Scott 1997, 306f. Anm. 1), bezeugen für die Verbannung selbst einen etwas anderen Verlauf: Demnach sei Priskos zunächst in Kyzikos festgesetzt worden, von dort jedoch ins benachbarte Artake geflohen, wo er Schutz in einem Heiligtum suchte. Erst daraufhin habe man seine Priesterweihe erzwungen und ihn nach Nikaia (Bithynien) geschickt.
1f./7 ὁ ἀπὸ ὑπάτων […] ὁ ἀπὸ νοταρίων: ὁ ἀπὸ + Genitiv Plural eines Amtsnamens bezeichnet bei Malalas einen *ehemaligen* Inhaber solchen Amtes, siehe Rüger 1895, 36f. mit weiteren Beispielen (darunter am auffallendsten, weil nicht wie sonst auf Staatsämter bezogen, Malal. X 31 Διονύσιος ὁ ἀπὸ φιλοσόφων: Dionysius Areopagita ist ein 'ehemaliger Philosoph', nun aber Bischof und Christ).

Der nun in Ungnade gefallene Priskos war also Ex-Konsul und Ex-Notar: Zur Institution des Honorarkonsulats XVIII 14, 22 zu Malal. XVIII 14, zum Ausdruck Ἰωάννην τὸν ἀπὸ ὑπάτων. Neben diesen zwei Stellen aus Buch XVIII ist ἀπὸ ὑπάτων noch in X 1 (Quirinius), XV 9 (Theoderich), XVI 12 (2x, Johannes der Paphlagoner), XVII 12 (Theodoros) belegt; für ἀπὸ νοταρίων lässt sich dagegen nur eine weitere Stelle zitieren, XVIII 4 Πέτρου στρατηλάτου <τοῦ ἀπὸ νοταρίων τοῦ βασιλέως>, die allerdings eine Ergänzung von Thurn aus Chron. Pasch. 618,11–12 ist.

Überhaupt ist der Latinismus νοτάριος (angeführt in den Latinismen-Listen von Körting 1879, 15, Festugière 1978, 239, James 1990, 223 und bei Thurn 2000, 519 im Index verborum memorabilium) in der Chronik selten; außer in der Konstruktion ἀπὸ νοταρίων kommt νοτάριος nur zwei weitere Male vor, und zwar in Buch IV, 16 und 18: Dort ist νοτάριος die Amtsbezeichnung eines Mannes namens Tauros (!), der mit seiner Herrin Pasiphae, der Gattin des Kreterkönigs Minos, jene uneheliche Beziehung hatte, woraus der berühmte Minotaur geboren wurde. (Laura Carrara)
2f./5 καὶ δημευθεὶς ἐγένετο διάκονος καὶ ἐπέμφθη ἐν Κυζίκῳ: Priskos wurde dazu gezwungen, Kleriker zu werden, und wurde als Diakon nach Kyzikos geschickt. Zu Kyzikos vgl. auch dessen Erwähnung in Malal. IV 8.
2f./10 ἐπέμφθη ἐν Κυζίκῳ: Ortsbestimmungen mit ἐν + Dat. da, wo man klassisch Richtungsangaben mit εἰς + Akk. erwartet hätte, d.h. nach ganz geläufigen Verben der Bewegung (‚gehen (nach)‘, ‚schicken/geschickt werden (nach)‘ usw.), finden sich sehr oft bei Malalas, vgl. z.B. im Buch XVIII 17 εἰσαγαγεῖν ἐν αὐτῇ, 18 ἠνέχθησαν ἐν Κωνσταντινουπόλει und 35 εἰσελθὼν ἐν Νεαπόλει; alle relevanten Stellen sind gesammelt bei Thurn 2000, 504 im Index graecitatis. Auch das umgekehrte Phänomen – d.h. εἰς + Akk. statt ἐν + Dat. für das Verweilen an einem Orte – ist bei Malalas sehr häufig: alle relevanten Stellenangaben wieder bei Thurn 2000, 504. Horrocks 2010a, 246f. erklärt diese „locative/allative ‘confusion’ between [en + dative and [is (eis) + accusative“ als eine Folge der inneren Unbestimmtheit solcher spatialen Präpositionalausdrücke, wo die zwei Aspekte einer jeden Bewegung (‚zu einem Ort gehen‘ und ‚dort sein‘) zumindest gedanklich immer präsent sind; siehe auch die änliche Erklärung von Browning 1983, 36–37.

3/3 Κυζίκῳ: Bei Kyzikos handelt es sich um eine Stadt in Mysia an der Südküste der Propontis auf dem Isthmos der Halbinsel Arktonnesos (Kapıdağ), h. Balkız. Kyzikos verdankte seinen Wohlstand einem Doppelhafen (es handelte sich hier um zwei antike Häfen, die durch einen überbrückten Kanal miteinander in Verbindung standen) und dem großen, fruchtbaren es umgebenden Territorium (vgl. Str. XII 8,11). Gegen Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. wurde es von Milet gegründet, unter persischer Herrschaft wurde es von Tyrannen regiert und schließlich Mitglied im Attisch-Delischen Seebund (vgl. Th. VIII 107). Obwohl Kyzikos regelmäßig von den Persern belagert und umkämpft wurde, gelang es der Stadt dennoch häufig, seine Unabhängigkeit gegenüber dem Perserreich zu wahren. Im Jahr 410 v. Chr. wurde Kyzikos Schauplatz einer kombinierten See- und Landschlacht im Kontext des Peloponnesischen Krieges, die zwischen den Flotten Athens und Spartas vor Kyzikos in der Propontis ausgetragen wurde. In den anschließenden Landkampf griffen auch Truppen des Perserreichs ein. Die Schlacht endete mit einer klaren Niederlage der Spartaner, deren Flotte vollständig vernichtet wurde, vgl. Th. VIII 97–109; Xen. HG., I 1,1ff., Plu Alc. 17ff.
Seine strategisch wichtige Position ließ Kyzikos auch in der Folgezeit häufig zum Streitpunkt zwischen rivalisierenden Mächten werden: so war es im Jahr 67 v. Chr. mit Pompeius gegen Mithradates, später mit Caesar (IGR IV 135) und schließlich mit Brutus (Plut. Brutus 28) gegen Sextus Pompeius verbündet (App. civ. 5,137). Nachdem Kyzikos unter Augustus die Freiheit vorübergehend verloren hatte (Cass. Dio 54,7; 23), gliederte Tiberius die Stadt in die Provinz Asia ein (Tac. Ann. 4,36; Cass. Dio 57,24,6). Nach einem Erdbeben half Hadrian Kyzikos, einen großen Zeustempel zu bauen (Aristeid. 27 und Malal. XI 16), der als eines der sieben Weltwunder galt, vgl. dazu Burrell 2002.
Weitere Erdbeben hatte Kyzikos unter Antoninus Pius und im Jahr 543 unter Justinian zu erleiden, vgl. dazu Malal. XVIII 93; Zonaras XIV 6,37 sowie Cedren. 656,16. Unter Diocletian wurde Kyzikos zur Hauptstadt der Provinz Hellespontos (Hierokles Synekdemos 661,15). Kyzikos war zugleich auch der Metropolitansitz der Provinz und ist in den Notitiae Episcopatuum mit 12 Suffraganbistümern verzeichnet. Dazu zählten Abydos, Baris in Hellesponto, Dardanos, Germa in Hellesponto, Hadrianotherai, Ilion, Lampsacos, Miletopolis, Oca, Pionia, Poimanenon und Troas. Mit Parion und Prokonnessos verfügte Kyzikos zudem über zwei autokephale Erzbistümer (Notitia Episcopatuum Ecclesiae Constantinopolitanae I 131). Zur Geschichte der Stadt Kyzikos vgl. Marquardt 1836, Hasluck 1910, Akurgal 1976, Ehrhardt 1983 sowie Schwertheim 1980/1983.
Parallelüberlieferung
Procop. Anecd. 16,7–10; Theoph. I 186,15–17; Exc. de ins. 171,35–172,5
Literatur
Akurgal (1976): Akurgal, E.: Kyzikos (Belkis or Balkiz) Turkey, The Princeton Encyclopedia of Classical Sites, 1976, 473–474.
Browning (1983): Browning, Robert: Medieval & Modern Greek, Cambridge, 1983.
Burrell (2002): Burrell, Barbara: Temples of Hadrian, not Zeus, Greek, Roman, and Byzantine Studies 43, 2002, 31–50.
Ehrhardt (1983): Ehrhardt, Norbert: Milet und seine Kolonien, Frankfurt, 1983.
Festugière (1978): Festugière, André-Jean: Notabilia dans Malalas. I, Revue de Philologie, 1978, 221–241.
Hasluck (1910): Hasluck, F. W: Cyzicus, Cambridge, 1910.
Horrocks (2010a): Horrocks, Geoffrey: Greek: A History of the Language and Its Speakers, Malden, MA/Oxford/Chichester, 2010.
James (1990): James, Alan: The language of Malalas, 1: General survey, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 217–224.
Jeffreys (1990e): Jeffreys, Michael: The language of Malalas, 2: Formulaic phraseology, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 225–231.
Körting (1879): Körting, Gustav: De vocibus latinis quae apud J. Malalam chronographum Byzantinum inveniuntur, Münster, 1879.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Marquardt (1836): Marquardt, J.: Cyzicus und sein Gebiet, Berlin, 1836.
Psaltes (1913): Psaltes, Stamatios B.: Grammatik der byzantinischen Chroniken, Göttingen, 1913.
Rüger (1895): Rüger, Anton: Studien zu Malalas. Präpositionen und Adverbien. Das 18. Buch. Die konstantinischen Excerpte. Die tuskulanischen Fragmente, Bad Kissingen, 1895.
Schwertheim (1980/1983): Schwertheim, E.: Die Inschriften von Kyzikos und Umgebung (Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien), Bonn, 1980.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.