Malalas 18.13 1–17 = 34–50 (Thurn)

Inhalt

Kapitel 13 beschäftigt sich mit dem Verband der sabirischen Hunnen, im speziellen mit der nach dem Ableben ihres Mannes an die Macht gekommene Hunnenfürsten Boa, der es gelang, mehrere Hunnenanführer gegeneinander auszuspielen und sie schließlich Justinian, mit dem sie sich verbündet hatte, auszuliefern.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1 (34)
Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ προσερρύη Ῥωμαίοις ῥήγισσα ἐκ τῶν Σα-
 
βείρων Οὕννων, γυνή τις βάρβαρος ἀνδρεία καὶ πλήθει καὶ φρονήσει,
 
ὀνόματι Βώα ῥήγισσα, χήρα, ἔχουσα δὲ μικροὺς υἱοὺς δύο καὶ ὑπ' αὐ-
 
τὴν χιλιάδας ἑκατόν· ἥτις ἐδυνάστευσε τῶν Οὑννικῶν μερῶν μετὰ τὴν
5 (38)
τοῦ ἰδίου ἀνδρὸς Βλὰχ ἀποβίωσιν. καὶ προτραπεῖσα ὑπὸ τοῦ βασιλέως
 
Ἰουστινιανοῦ ξενίοις πολλοῖς μαργαρίτων καὶ βασιλικῆς φορεσίας καὶ
 
σκευῶν διαφόρων ἐν ἀργύρῳ καὶ χρημάτων οὐκ ὀλίγων, συνελάβετο
 
δορυαλώτους καὶ ἄλλους ῥῆγας δύο ἀπὸ ἄλλου ἔθνους Οὕννων ἐν-
 
δοτέρων ὀνόματι. Τύραγγα καὶ Γλώμην, οὕστινας ἦν προτρεψάμενος
10 (43)
Κωάδης ὁ τῶν Περσῶν βασιλεὺς εἰς τὸ συμμαχῆσαι αὐτῷ κατὰ
 
Ῥωμαίων. καὶ παραλαβοῦσα αὐτοὺς ἡ αὐτὴ Βώα ῥήγισσα παριόντας
 
ἐπὶ τὰ Περσικὰ διὰ τῆς χώρας αὐτῆς πρὸς Κωάδην, βασιλέα Περσῶν,
 
μετὰ πλήθους βοηθείας χιλιάδων κʹ. ὧντινων τὰ πλήθη κατεσφάγη ἐν τῇ
 
συμβολῇ· τὸν δὲ ἕνα ῥῆγα αὐτῶν ὀνόματι Τύραγξ συλλαβομένη δέσμιον
15 (48)
ἔπεμψεν ἐν Κωνσταντινουπόλει τῷ βασιλεῖ Ἰουστινιανῷ, καὶ ἐφούρκισεν
 
αὐτὸν πέραν ἐν τῷ ἁγίῳ Κόνωνι. ὁ γὰρ Γλὼμ ὁ ἄλλος ῥὴξ τῶν αὐτῶν
 
Οὕννων ἐσφάγη ἐν τῇ συμβολῇ ὑπὸ τῶν πολεμίων τῆς ῥηγίσσης.
Philologisch-Historischer Kommentar
1f./9 ἐκ τῶν Σαβείρων Οὕννων: Bei den Sabiren (in den Quellen meist Σάβιροι, Σαβίροι und Σάβειροι genannt) handelt es sich um einen den Hunnen verwandten Verband. Im 6. Jh. n. Chr. lebten sie neben einer Vielzahl anderer Gruppierungen in den Steppen des Schwarzen Meeres, wo nach dem Tod Attilas keine neue Macht eine dominante Stellung erringen konnte. In den Jahren 515 und 548 n. Chr. unternahmen sie Einfälle nach Armenien. Gegenüber Ostrom und dem Persischen Reich verfolgten sie eine Politik wechselnder Bündnisse. Sie wurden gemeinsam mit den übrigen Verbänden der Region innerhalb von wenigen Jahren von den Awaren unterworfen. Walter Pohl betont allerdings, dass dies nicht das Ende des Sabirenreiches bedeutete, das auf jeden Fall bis zur Zeit des Tiberios II. Bestand hatte (Pohl 2005, 203f.; Pohl 1988, 39).
1ff./1 Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ ... ὑπὸ τῶν πολεμίων τῆς ῥηγίσσης. Die in Kapitel XVIII 13 erwähnten Ereignisse und Personen finden sich auch bei Theoph. 175,12–23, Cedr. 644,1–12 und Joh. Nik. 90, 61–65, also nur bei Autoren, die Malalas als Quelle benutzt haben. Folglich lässt sich die Historizität der einzelnen Persönlichkeiten sowie derer Handlungen nicht mit Gewissheit überprüfen. Bis auf wenige Details stimmen die Berichte der vier Autoren weitestgehend überein. Theophanes gibt als Namen der beiden hunnischen Könige Στύραξ und Γλώνης an und nennt die hunnische Königin Βωαρήξ, was darauf zurückzuführen ist, dass der Chronist ein folgendes rex nicht als Titel erkannt hat, sondern als Teil des Namens betrachtet hat. Dies scheint auch für Kedrenos zuzutreffen, der die Königin Βαρήζ nennt und die beiden unterlegenen Könige als Στύρακα und Γλώην bezeichnet.
Johannes von Nikiu weicht von den übrigen Autoren im Wesentlichen in zwei Punkten ab. Zum einen gibt er die Namen der beiden hunnischen Könige, die von Boa überwältigt wurden, mit „Astêrâ“ und „Aglânâ“ wieder, und damit völlig anders als die übrigen Quellen. Ferner berichtet er, die Königin Boa habe Justinian reich beschenkt, während Malalas davon spricht, dass Boa Geschenke vom römischen Kaiser erhalten habe, der sie damit für die römische Sache gewinnen konnte. Bei Theophanes und Kedrenos wiederum werden keinerlei Geschenke erwähnt.
3/1 ὀνόματι Βώα: Boa übernahm nach dem Tod ihres Mannes Blach die Herrschaft über einen Teil der sabirischen Hunnen. Vermutlich im Jahr 528 verbündete sie sich mit den Römern gegen zwei hunnische Könige, die sich auf die Seite der Perser gestellt hatten. Abgesehen von dieser Malalas-Stelle ist sie noch bei Theoph. AM 6020, Joh. Nik. 90,61–5 und Cedr. I 644 bezeugt, die alle auf Malalas basieren (PLRE IIIA, 234).
3f./5 ἔχουσα δὲ ... ὑπ' αὐτὴν χιλιάδας ἑκατόν: Im klassischen Griechisch wird zur Bezeichnung des Unterworfenseins bzw. der Abhängigkeit meist ὑπό + Dativ verwendet (LSJ s.v. B.II.2., Kühner/Gerth §442, II.2.c.), vgl. z.B. Hdt. VII 11, 16f.: ἵνα ἢ τάδε πάντα ὑπὸ Ἕλλησι ἢ ἐκεῖνα πάντα ὑπὸ Πέρσῃσι γένηται, Th. I 32, 5: ἐσόμεθα ὑπ’ αὐτοῖς. Auch ὑπό + Akkusativ (vgl. LSJ s.v. C.II. , KG §442, III.3.) findet sich im klassischen Griechisch, doch hat diese Verwendung oftmals eine andere Nuance, indem hiermit ausgedrückt wird, dass etwas unter jemandes Macht gebracht wird (entsprechend der Bedeutung 'unter ... hin'), vgl. z.B. Th. I 110,2: Αἴγυπτος δὲ πάλιν ὑπὸ βασιλέα ἐγένετο, 4, 60, 2: εἰκός ... αὐτοὺς τάδε πάντα πειράσασθαι ὑπὸ σφᾶς ποιεῖσθαι, dagegen 6,86,4f.: τὴν Σικελίαν μέχρι τοῦδε μὴ ὑπ’ αὐτοὺς εἶναι (van Herwerden hat an dieser Stelle allerdings ὑπ’ αὐτοῖς  konjiziert). Bei anderen Autoren finden sich dann zahlreiche Belege für eine rein lokative Verwendung, z.B. Hdt. VII 108; Arist. HA 488a10; X. Cyr. III 3, 6. (Johann Martin Thesz)
5/4 Βλὰχ: König über einen Teil der sabirischen Hunnen und Ehemann der Boa. Neben Malalas bei Theoph. AM 6020, Joh. Nik. 90,62 und Cedr. 644 erwähnt (PLRE IIIA (Blach), 233).
5/5 ἀποβίωσιν: Statt des üblicheren τελευτήν. Der Ausdruck ist nachklassisch, bei Malalas außerdem XIV 4 (274, 51); *XVIII 148 (431, 29) [aus Theophanes ergänzt]. Sehr häufig in der späteren byzantinischen Literatur vgl. z.B. Iust., Edictum contra Origenem 82, 15; 84, 1; Cosm. Ind. Top. X 68. 74; Chron. Pasch. 576, 17; Theophylactus Simocatta, Hist. 8, 11, 8, 1; Io.D., Oratio prima in dormitionem sanctae Dei genitricis Mariae 10, 13, Oratio secunda in dormitionem sanctae Dei genitricis Mariae 2, 48; 3, 28; 18, 41; Psell. Chronographia 6; Theod. 10, 4; Zon. III 489, 12. (Johann Martin Thesz)
6/7 φορεσίας: 'Kleidung', 'Gewänder' (nicht vor Malalas belegt); bei Malalas außerdem noch 19, 51; 24, 83. 85. 9; 240, 95; 360, 39; 375, *25; 395, *9; 398, 78f. In der byzantinischen Literatur dann häufiger verwendet, z.B. Chron. Pasch. 79, 10. 13; 85, 5; 218, 3; Io. Ant., Fr. 61, 1, 2; Fr. 214, 7, Theoph. 232, 10; Cedr. 1, 35, 2f. (Johann Martin Thesz)
7f./9 συνελάβετο δορυαλώτους καὶ ἄλλους ῥῆγας δύο: Diese Aussage stimmt nicht überein mit der Darstellung 14ff., nach der nur der eine König (Tyranx) gefangengenommen wurde, während der andere (Glom) in der Schlacht umkam. Außerdem ist die Formulierung καὶ ἄλλους ῥῆγας δύο streng genommen unlogisch, da sie voraussetzt, dass bereits davon berichtet wurde, wie irgendwelche anderen Könige gefangengenommen wurden. Ein in sich stimmiger Text ist hingegen bei Teophanes und Kedrenos überliefert. Vgl. Theoph. 175, 15–22: αὕτη τοὺς προτραπέντας παρὰ Κουάδου, βασιλέως Περσῶν, δύο ῥῆγας ἀπὸ ἄλλου ἔθνους Οὔννων ἐνδοτέρων, ὀνόματι Στύραξ καὶ Γλώνης, τοῦ συμμαχῆσαι αὐτῷ κατὰ Ῥωμαίων, παρέλαβεν ἡ αὐτὴ Βωαρὴξ παριόντας διὰ τῆς χώρας αὐτῆς ἐπὶ τὰ Περσικὰ μετὰ χιλιάδων κʹ· οὓς καὶ κατέκοψεν, καὶ τὸν μὲν ἕνα ῥῆγα αὐτῶν, τὸν λεγόμενον Στύρακα, συλλαβομένη δέσμιον εἰς τὴν Κωνσταντινούπολιν τῷ βασιλεῖ ἔπεμψεν, τὸν δὲ Γλώνην ἐν τῷ πολέμῳ ἔσφαξεν und Cedr. 644, 5–11: αὕτη τοὺς προτραπέντας παρὰ Καβάδου τοῦ βασιλέως Περσῶν δύο ῥῆγας ἀπὸ ἄλλου ἔθνους Οὕννων ἐνδοτέρων, Στύρακα καὶ Γλώην, τοῦ συμμαχῆσαι αὐτῷ κατὰ Ῥωμαίων, περιόντας διὰ τῆς χώρας αὐτῆς ἐπὶ τὰ Περσικὰ μετὰ χιλιάδων εἴκοσιν ἐκράτησε, καὶ τὸν λαὸν πάντα κατέκοψε. καὶ τὸν μὲν Στύρακα δέσμιον τῷ βασιλεῖ ἐν Κωνσταντινουπόλει ἔπεμψεν, ὁ δὲ Γλώης ἐν τῷ πολέμῳ ἐσφάγη. Möglicherweise sind diese beiden Texte näher am Ur-Malalas. (Johann Martin Thesz)
9/3 Τύραγγα: Der hunnische König Tyranx war ein Verbündeter des Perserkönigs Kabades, konnte aber diesem nicht zur Hilfe gegen die Römer kommen, da er von Boa gefangen genommen und Justinian übergeben wurde, der ihn kreuzigen ließ. Außer bei Malalas ist er bei Theoph. AM 6020, Joh. Nik. 90,65 und Cedr. 644 bezeugt (PLRE IIIB (Tyranx), 1346).
9/5 Γλώμην: Auch er ein hunnischer, mit den Persern verbündeter König, der von den Soldaten der Königin Boa im Kampf niedergemacht wurde. Bezeugt ist er nur in Zusammenhang mit Tyranx bei den oben bereits zitierten Autoren (PLRE IIIA (Glom), 538).
11/3 παραλαβοῦσα: παραλαμβάνω hier im Sinne von 'einholen, abfangen'. Im klassischen Griechisch wird hierfür καταλαμβάνω (vgl. LSJ s.v. II.1.) verwendet. (Johann Martin Thesz)
15f./7 καὶ ἐφούρκισεν αὐτὸν: Subjektwechsel, wie öfters bei Malalas. Das Verb φουρκίζω leitet sich von dem lateinischen furca ab. Die Bestrafung mit der furca stellte zunächst keine Todesstrafe dar und wurde nur für Sklaven verwendet. Der Nacken des zu Bestrafenden wurde hierbei in die furca gesteckt und seine Arme an den Gabelenden festgebunden. Diese Form der Bestrafung wurde öfters mit einer Zurschaustellung und Geißelung verbunden. Bei der hier beschriebenen Bestrafung handelt es sich jedoch um ein Erhängen mittels der senkrecht aufgestellten furca. Diese Form der Bestrafung trat in der Kaiserzeit an die Stelle der Kreuzigung, die von den Christen abgelehnt und von Konstantin abgeschafft wurde (Mommsen 1899, 921 mit Anm. 1f.; Latte 1940, 1617; Hyldahl/Salomonsen 1991, 346 u. 349; zur Praxis der Kreuzigung im Westen nach Konstantin vgl. Cook 2013). Doch findet sich die Kreuzigung im Codex Theodosianus und wurde auch noch im 6. Jh. praktiziert, wie aus Malal. XVIII 71 (395, 31) hervorgeht. In den Novellae Justinians wurde das Wort crux dann allerdings systematisch durch furca ersetzt.
In der Chronographia findet sich der Begriff φουρκίζω noch XVIII 119, 14 (417, 38. *13). Zahlreiche Belege dann in der byzantinischen Literatur, z.B. Leontius Neapolitanus, Vita et miracula sancti Symeonis Sali 93, 20. 24; 94, 5, Ps.-Anastasios Sinaïta, Disputatio adversus Judaeos 1241, 8; Theoph. 184, 5; 230, 13; 352, 21; 375, 4f. 20; 412, 4; 421, 25; 432, 8. Im Prochiron 39, 17 wird die Bestrafung mittels der furca neben der Verbrennung als Strafe für Überläufer und Verräter genannt: Οἱ πρὸς τοὺς πολεμίους αὐτομολοῦντες καὶ τὰς ἡμετέρας βουλὰς ἐπαγγέλλοντες εἰς φοῦρκαν ἀναρτῶνται ἢ καίονται. Die griechische Bezeichnung für die furca ist δίδυμον ξύλον, (vgl. Suda s.v.) bzw. στῆριγμα (vgl. Plu. 280F: τὸ δὲ ξύλον ἡμεῖς μὲν στήριγμα, Ῥωμαῖοι δέ φοῦρκαν ὀνομάζουσι). (Johann Martin Thesz)
16/3 ἐν τῷ ἁγίῳ Κόνωνι: Dazu: XV 14, 10. (Brendan Osswald)
17/6 ὑπὸ τῶν πολεμίων τῆς ῥηγίσσης: missverständliche Formulierung, der Genitiv τῆς ῥηγίσσης ist nicht possessiv, sondern bezeichnet hier die Zugehörigkeit ('von den Feinden, die auf der Seite der Königin waren'). (Johann Martin Thesz)
Parallelüberlieferung
Theoph. 175, 12–23; Cedr. 644, 1–12; Joh. Nik. XC 61–65; Slav. 29,4–8.
Literatur
Cantarella (1991): Cantarella, Eva: I supplizi capitali in Grecia e a Roma, Mailand, 1991.
Cook (2013): Cook, John Granger: Crucifixion in the West: From Constantine to Recceswinth, ZAC, 2013, 226–246.
Feld (2005): Feld, Karl: Barbarische Bürger. Die Isaurier und das Römische Reich, Berlin u.a., 2005.
Hyldahl/Salomonsen (1991): Hyldahl, Niels/Salomonsen, Borge: s.v. Hinrichtung, RAC, 1991, 342–365.
Latte (1940): Latte, Kurt: s.v. Todesstrafe, RE Suppl., 1940, 1599–1619.
Mommsen (1899): Mommsen, Theodor: Römisches Strafrecht, Leipzig, 1899.
Pohl (1988): Pohl, Walter: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr, München, 1988.
Pohl (2005): Pohl, Walter: Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart u.a., 2005.
Psaltes (1913): Psaltes, Stamatios B.: Grammatik der byzantinischen Chroniken, Göttingen, 1913.
Stritzky (1991): von Stritzky, Maria-Barbara: s.v. Konon, Lexikon für Theologie und Kirche, 1997, 1997.
Trautmann/Klostermann (1934): Trautmann, Reinhold/Klostermann, Robert: Drei griechische Texte zum Codex Suprasliensis II: Das Martyrium von Konon dem Isaurier, Zeitschrift für slavische Philologie, 1934, 1–21.