Malalas 18.119

Inhalt

Kapitel 119 berichtet von einer Erhebung der Samaritaner und Juden in Kaisareia in Palästina. Während des Aufstands wird der Stadtpräfekt Stephanos gelyncht; daraufhin fährt seine Frau nach Konstantinopel und beklagt sich bei Kaiser Justinian. Wütend über die kritische Lage schickt Justinian den Präfekten Amantios mit der Aufgabe nach Kaisareia, die Mörder zu finden und zu bestrafen. Amantios' brutale Maßnahmen werden in der Bevölkerung mit großer Angst aufgenommen.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Μηνὶ ἰουλίῳ ἰνδικτιῶνος δʹ στασιάσαντες οἱ Σαμαρεῖται καὶ οἱ
2
Ἰουδαῖοι ἐν Καισαρείᾳ Παλαιστίνης, ποιήσαντες τὸ ἓν εἰς ἀλλήλους ὡς ἐν
3
τάξει μερικῶν ἐπῆλθον τοῖς χριστιανοῖς τῆς αὐτῆς πόλεως καὶ πολλοὺς
4
κατέσφαξαν τῶν χριστιανῶν. ἐπῆλθον δὲ καὶ ἐπόρθησαν τὰς ἐκκλησίας.
5
καὶ τοῦ ἄρχοντος τῆς αὐτῆς πόλεως Στεφάνου τοῦ ἐπίκλην Σύρου ἐξελ-
6
θόντος πρὸς βοήθειαν τῶν χριστιανῶν ἐπῆλθον οἱ αὐτοὶ Σαμαρεῖται,
7
κἀκεῖνον κατέσφαξαν ἐν τῷ πραιτωρίῳ, καὶ τᾶ πράγματα αὐτοῦ πάντα
8
καθήρπασαν. δὲ γυνὴ τοῦ αὐτοῦ ἄρχοντος Στεφάνου, ἀνελθοῦσα ἐν
9
Κωνσταντινουπόλει, προσῆλθε τῷ αὐτῷ βασιλεῖ. καὶ ἀκούσας ό βασι-
10
λεὺς τὰ γεγονότα ὑπὸ τῶν Σαμαρειτῶν καὶ θυμωθείς, ἐκέλευσε τῷ ὄντι
11
τότε ἄρχοντι τῆς ἀνατολῆς Ἀμαντίῳ ἐκζητῆσαι τά γενόμενα καὶ τὸν
12
φόνον τοῦ αὐτοῦ Στεφάνου. ὅστις Ἀμάντιος δεξάμενος ἀποκρίσεις βασι-
13
λικὰς καὶ ἀπελθὼν ἐν Καισαρείᾳ, καὶ ἀναζητήσας τοὺς πεποιηκότας τοὺς
14
φόνους καὶ εὑρών, τοὺς μὲν ἐφούρκισεν, | ἑτέρους δὲ ἀπεκεφάλισεν καὶ
15
ἄλλους ἐδεξιοκόπησε καί τινας ἐδήμευσεν· καὶ ἐγένετο φόβος μέγας ἐν τῇ
16
πόλει Καισαρείας καὶ ἐν τοῖς ἀνατολικοῖς μέρεσιν.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Μηνὶ ἰουλίῳ ἰνδικτιῶνος δ': Die vierte Indiktion fällt hier in den Zeitraum von September 555 bis August 556 n.Chr.; damit müsste also der Juli des Jahres 556 gemeint sein. Diese Angabe ist allerdings insofern problematisch, als in den nachfolgenden beiden Kapiteln XVIII 120 und 121 die – chronologisch späteren – Monate Dezember und Mai derselben Indiktion genannt werden. Aus Theoph. 230,25 de Boor lässt sich zudem mit einiger Sicherheit eine weitere, in der verkürzten Version des Baroccianus durch μετ’ ὀλίγας ἡμέρας aufgelöste Tagesangabe ergänzen, die sich auf den 13. Juli derselben Indiktion bezieht (XVIII 121, 7). Für Stein 1949, 374, Anm. 2 deutet das auf einen Schreibfehler bei der Indiktionsangabe hin; das hier geschilderte Ereignis legt er deswegen (unter Berufung auf Mich. Syr. IX 31, der in das 28. Regierungsjahr Justinians datiert) auf Juli 555 statt 556. PLRE IIIA (Amantius 2), 52–54 wiederholt diese Ansicht. Dagegen haben Mango/Scott 1997, 337f., Anm. 1 geltend gemacht, dass auch die Excerpta de insidiis die 4. Indiktion angeben, weswegen an dieser Datierung keine ernsthaften Zweifel bestehen können (Ps.-Dion. 114 Witakowski mit Datierung auf das 863. Jahr der seleukidischen Ära [= 551/52 n. Chr. kann angesichts der ebenfalls späteren Entstehung und der allgemeinen Tendenz zur Verschiebung von Ereignissen ausgeklammert bleiben). Damit ist davon auszugehen, dass die chronologische Reihung des Berichtes an dieser Stelle aufgehoben wird. Solche Ungenauigkeiten sind in der Chronographie nicht außergewöhnlich (Mango/Scott 1997, ebd.; für [mögliche ähnliche Fälle XVIII 77, 1; XVIII 100, 1; XVIII 111, 1) und bezeugen, dass die präzise chronologische Verortung jedes einzelnen Ereignisses in der Schrift eine eher untergeordnete Rolle spielt: Vgl. dazu allgemein Kulikowski 2017, 211. (Jonas Borsch)
1f./5 στασιάσαντες οἱ Σαμαρεῖται καὶ οἱ Ἰουδαῖοι: Zu den Samaritanern („Samariter“ bezeichnet spezifisch die Einwohnerschaft von Samaria), einer im 5./4. Jh. v.Chr. aus dem Judentum heraus entstandenen Religionsgemeinschaft, vgl. den Abschnitt "Inhalt" ad Malal. XVIII 35 sowie XVIII 35, 2f.. Ihr Verhältnis zum Judentum war von Spannungen geprägt, doch hatten beide Gruppen auch viele sprachliche wie lebensweltliche Gemeinsamkeiten: Crown 1986, 98; RAC 29 (2019), 455–475, s.v. Samaritaner (M. Meier/E. Enß).

Das hier beschriebene Ereignis reiht sich in eine ganze Serie von Samaritaneraufständen des 5. und 6. Jahrhunderts ein (dazu Crown 1986, 125–137; Sivan 2008, 107–142). Malalas berichtet über insgesamt drei dieser Aufstände (vgl. eine kommentierende Darstellung zu den relevanten Passagen bei Pummer 2002, 253–280): Neben der hiesigen Stelle betrifft das eine Rebellion unter Zenon (XV 8) sowie den umfassenden und folgenreichen Samaritaneraufstand zu Beginn der Regierungszeit Justinians (529 n. Chr.; XVIII 35). Eine weitere Notiz informiert über das Überlaufen von 50.000 Samaritanern zu den Persern im Jahr 531 (XVIII 54). Der Aufstand des Jahres 556 ist als Reaktion auf eine Reihe von repressiven Maßnahmen vonseiten Justinians interpretiert worden, die ihrerseits (auch) als Folgen des Aufstandes von 529 zu verstehen sind: Crown 1986, 135f.; Sivan 2008, 140–142, vgl. Pummer 2002, 267f. Erst 553 war Nov. 146 veröffentlicht worden, deren Maßnahmen sich nicht nur gegen die Juden, sondern möglicherweise auch und gerade gegen die Samaritaner richteten (Sivan 2008, 138–140), was deren ungewöhnlichen Zusammenschluss befördert haben könnte. Sollte dem so sein, stünden diese Maßnahmen in Kontrast zu der zwei Jahre früheren Nov. 129, die explizit Maßnahmen zur Erleichterung der Situation der Samaritaner von Kaisareia erließ (zusammenfassend Noethlichs 2007, 63f.). Beide Texte deuten jedenfalls auf ein gespanntes Verhältnis Roms zu den hebräischen Gruppen hin. Als konkreter Auslöser des Aufstandes ist auch das Wiederaufflammen des Krieges mit Persien im Jahr 556 ins Spiel gebracht worden: Crown 1986, 136. (Jonas Borsch)
2f./11 ἐν τάξει μερικῶν: "nach der Art der Parteien", "wie die Parteien". Einziger Fall in Malalas, wo die Parteien mit dem substantivierten Adjektiv μερικός statt μέρος bezeichnet werden (vgl. z.B. VII 5). Vermutlich ist μερικῶν die Vereinfachung eines ursprünglichen Hinweises auf die Πράσινοι und Βένετοι (vgl. die Lesarten von EI, ποιήσαντες τὸ ἕν ὠς ἐν τάξει πρασινοβενέτων, und von Theoph. 230,5-6 de Boor, καὶ ποιήσαντες πρὸς ἀλλήλους ἐν τάξει πρασινοβενέτων. Auch der sonst unverständliche Bezug von Michael dem Syrer auf "Perser" und "Nabatäer" lässt sich als eine Korruption beziehungsweise aus Πράσινοι und Βένετοι erklären (Michael oder seine Quelle haben wahrscheinlich die Namen der Zirkusfaktionen nicht verstanden und sie folglich durch bekanntere ethnische Gruppen ersetzt). (Lea Niccolai)
2f./11 ἐν τάξει μερικῶν: Zu den Zirkusfaktionen, die im politischen Leben des 6. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielten, XVIII 1, 8. Wenn hier berichtet wird, dass sich Juden und Samaritaner "nach Art der Faktionen" zusammentaten, spielt das auf die beiden wichtigsten Zirkusparteien, die Grünen und Blauen an, die – ähnlich wie Samaritaner und Juden XVIII 119, 1f. – in starker Rivalität zueinander standen und nur im Ausnahmefall gemeinsame Sache machten: Pummer 2002, 268; Sivan 2008, 141. Ein solches Zusammengehen konnte im Falle der Zirkusfaktionen zu einem ernsthaften Problem werden, wie insbesondere der Nika-Aufstand von 532 n. Chr. (vgl. Malal. XVIII 71) sowie einige andere Fälle zeigen, wenngleich eine explizite politische Programmatik auch dort kaum feststellbar ist (vgl. Cameron 1976, 271–296). Der hiesige Einschub, der in der Parallelüberlieferung noch deutlicher hervortritt (XVIII 119, 2f.), betont also die von dem Aufstand ausgehende Gefahr. (Jonas Borsch)
4/4 ἐπῆλθον: Das Verb ἐπέρχομαι regiert gewöhnlich den Kasus Dativ (wie in diesem Kapitel Z. 3 ἐπῆλθον τοῖς χριστιανοῖς, "sie attackierten die Christen"); an dieser Stelle regiert es ad sensum den grammatikalisch von ἐπόρθησαν verlangten Akkusativ ἐκκλησίας: "sie griffen die Kirchen an und plünderten sie". (Lea Niccolai)
4/8 τὰς ἐκκλησίας: Τὰς ἐκκλησίαις τῶν ὀρθοδόξων in EI. Üblicherweise verwendet Malalas den Ausdruck ὀρθόδοξοι nur im Rahmen einer Gegenüberstellung mit den Häretikern (vgl. z.B. XIII 37, wo die Christen, die nicht Arianer sind, als 'Orthodoxe' gekennzeichnet werden; XVII 11, wo die 'Orthodoxen' von dem Patriarchen Euphrasios verfolgt werden; XVIII 42 und XVIII 78, wo Malalas zwischen orthodoxen Christen und Häretikern unterscheidet). Die Verwendung des Ausdrucks in EI, nicht in Bezug auf einen Konflikt zwischen inneren Strömungen des Christentums, sondern zwischen verschiedenen Religionen, ist ungewöhnlich. Gegen eine direkte Gleichsetzung von τῶν ὀρθοδόξων und τῶν χριστιανῶν im Kontext spricht die Tatsache, dass die Christen an früherer Stelle im selben Kapitel einfach als χριστιανοί bezeichnet werden; wenn man nicht davon ausgeht, dass τῶν ὀρθοδόξων ein späterer Zusatz von jemandem ist, der das Adjektiv ὀρθόδοξος in einem breiteren Sinn verstand als Malalas, sieht es aus, als ob der Text sich an dieser Stelle genau auf die ‚orthodoxen' Christen bezieht. Der Hinweis könnte vielleicht das Ergebnis einer Verkürzung der Quelle sein. Wie Malalas bezieht sich Theophanes nur auf die ‚Kirchen' (und nicht auf die ‚Kirchen der Orthodoxen'). Seine Lesart "καὶ ἐκκλησίας κατεύκασαν", die explizit auf einen Brand hinweist, deckt sich allerdings nicht genau mit den Beschreibungen im Baroccianus und EI, die eher von Plünderungen berichten. (Lea Niccolai)
4/8 τὰς ἐκκλησίας: Die Excerpta de insidiis ergänzen hier "die Kirchen der Orthodoxen" (XVIII 119, 4). Ob damit auf bestimmte Kirchen angespielt wird, ist unklar (zur Verwendung des Begriffes "orthodox" bei Malalas allgemein XVIII 42, 7; zum möglichen leichten Abweichen im hiesigen Kontext XVIII 119, 4). Angriffe auf Christen und Kirchen gehörten zum Standardprogramm dessen, was Malalas und andere christliche Autoren über die Samaritaneraufstände des 5. und 6. Jahrhunderts berichten: Crown 1986, 127f., 130, 132f., 136; Pummer 2002, 256, 260, 268; vgl. Malal. XV 8, XVIII 35. (Jonas Borsch)
5/2 τοῦ ἄρχοντος: Die Parallelüberlieferung dieser Passage bietet zur Rolle von Stephanos abweichende Darstellungen. Nach dem Baroccianus war Stephanos der ἄρχων der Stadt (d.h. praefectus, cf. Theophanes Lesart ἔπαρχος), während Stephanos in EI und Pseudo-Dionysios als ἀνθύπατος (Prokonsul) der Stadt bezeichnet wird. Interessanterweise kommt das Substantiv ἀνθύπατος in der Weltchronik nur ein anderes Mal vor, in XVIII 141: die Version, in der man ἀνθύπατος lesen kann, ist allerdings ebenfalls nicht die des Baroccianus, sondern stammt aus EI 173,30-175: vgl. Thurn 2000, 426 *15, Εὐσεβίῳ τῷ κόμητι τῶν φοιδεράτων καὶ Ἰωάννῃ τῷ Δομετιόλου Εὐσεβίῳ τῷ αντυπάτῳ καὶ κόμητι ⟨τῶν⟩ φοιδεράτων καὶ Ἰωάννῃ τῷ λογοθέτῃ. In beiden Fällen scheint der Baroccianus eine lectio facilior anzubieten, als ob jemand das weniger erkennbare Amt von ἀνθύπατος durch den allgemeineren Begriff ἄρχων ersetzt hätte. Das gleiche Phänomen scheint sich auch in Zeile 11 zu finden (siehe unten, s.v. ἄρχοντι). (Lea Niccolai)
5/2 τοῦ ἄρχοντος τῆς αὐτῆς πόλεως Στεφάνου τοῦ ἐπίκλην Σύρου: Stephanos, Präfekt oder Prokonsul in Kaisareia, begegnet nur in dieser Malalas-Passage und von ihr abhängigen Textstellen: PLRE IIIB (Stephanus 14), 1186. Die Bezeichnung als Präfekt (ἄρχων) findet sich dabei nur in O, während EI und Pseudo-Dionysios (unter Verwendung des griechischen Lehnwortes: Witakowski 1996, 114, Anm. 484) Stephanos übereinstimmend einen Prokonsul (ἀνθύπατος) nennen. Es ist daher wahrscheinlich, dass der Prokonsul-Begriff durch den Bearbeiter von O zu ἄρχων vereinfacht wurde (XVIII 119, 5). (Jonas Borsch)
5/9 ἐπίκλην: Zur Verwendung von ἐπίκλην im Kontext von Malalas' Phraseologie siehe Jeffreys 1990e, 229; XVIII 101, 1. (Lea Niccolai)
6/2 πρὸς βοήθειαν τῶν χριστιανῶν: Die schwierige Lesart von EI, θέλων βοηθῆσαι τοῦ μὴ εἰσέρχεσθαι ἐν τοῖς εὐκτηρίοις (vermutlich, "willens zu helfen, damit man nicht in die (christlichen) Oratorien eintritt") passt zu dem kürzeren Text im Baroccianus, πρὸς βοήθειαν τῶν χριστιανῶν. Pseudo-Dionysios bietet einen Text, dessen Sinn mehr an EI als an den Baroccianus erinnert ("als der Proconsul der Stadt herauskam, um sie/jene abzuwenden und zu vertreiben", 127.22-23 Chabot, Witakowski 1996, 114). Obwohl schwierig zu lesen, könnte der Text von EI ursprünglich sein. Bei Malalas ist die Verwendung von ‚ἐν + Dativ' im Sinne von "in Richtung auf einen Ort" ganz üblich, sowie der finale Infinitiv mit dem Artikel τοῦ (34 Belege in der Weltchronik, besonders im Buch XVIII, vgl. Weierholt 1963, 51-2). Es sieht aus, als ob der Baroccianus hier abermals die Vereinfachung eines schwereren, ursprünglichen Texts bietet. (Lea Niccolai)
6/2 πρὸς βοήθειαν τῶν χριστιανῶν: Der Text von EI präzisiert das Einschreiten des Stephanos (XVIII 119, 6), der offensichtlich vorrangig die Gebetsorte (τοῖς εὐκτηρίοις) schützen wollte – ein beschränkter Einsatz also, der dem römischen Magistrat dennoch zum Verhängnis wurde. (Jonas Borsch)
6/6 ἐπῆλθον: Praktische Konkordanz. Man muss hier als Objekt Stephanos annehmen, der als Subjekt des unmittelbar voranstehenden Genitivus absolutus fungiert. (Lea Niccolai)
7/5 πραιτωρίῳ: Mit dem Begriff Prätorium wurde bereits in spätrepublikanischer Zeit der Amtssitz eines Provinzstatthalters bezeichnet (Cic. in Verr. 2,4,65, vgl. DNP 10 (2001), s.v. Praetorium [B. J. Campbell). In Kaisareia sind zwei entsprechende Gebäude ergraben worden (Patrich 2011b): Das frühere war zunächst als Palast des Herodes entstanden, bevor man es 6 n. Chr. mit der Übernahme Judäas unter direkte Kontrolle Roms zum Sitz des Statthalters bestimmte. Ein weiteres Amtsgebäude entstand im 1. Jh. n. Chr. als Sitz des procurator provinciae (Finanzprokurator). Dieses Gebäude, in der ersten Insula der Stadt in Hafennähe gelegen, avancierte im frühen 4. Jh. zum neuen Prätorium des Provinzstatthalters – wohl, weil das "herodianische" unter Erosion durch das Meer litt – und diente als solches bis zur arabischen Eroberung von 640/41 (Patrich 2011b, 211). Es ist davon auszugehen, dass sich der Bericht auf diesen Bau bezieht. (Jonas Borsch)
7/7 τᾶ πράγματα: Von 14 Belegen für πράγμα in Malalas ist dies der einzige Fall, in dem der Plural des Substantivs im Sinne von "Besitztum" verwendet wird. Festugière 1978 registriert einen einmaligen Gebrauch von πραγματεία als ‚Handel' in Malalas (I 231), der allerdings nicht direkt vergleichbar ist. Es wäre möglich anzunehmen, dass τὰ πράγματα in dieser Passage eine Korruption (vielleicht aus χρήματα?) ist; allerdings kommt der Ausdruck auch in EI vor (ἐπραίδευσαν τὰ πράγματα αὐτοῦ). Wenn er eine Korruption wäre, müsste sie sehr früh passiert sein, da sie in beiden Zweigen der Überlieferung bewahrt ist. Theoph. 230.10 de Boor ersetzt τὰ πράγματα mit τὴν ὑπόστασιν. (Lea Niccolai)
8/9 ἀνελθοῦσα: Übliche Konstruktion (in Malalas) eines Verbums der Bewegung (ἀνέρχομαι) mit ἐν + Dativ. Siehe oben im Kapitel, s.v. πρὸς βοήθειαν τῶν χριστιανῶν. (Lea Niccolai)
8f./2 ἡ δὲ γυνὴ τοῦ αὐτοῦ ἄρχοντος Στεφάνου, ἀνελθοῦσα ἐν Κωνσταντινουπόλει, προσῆλθε τῷ αὐτῷ βασιλεῖ: Dass sich (hochrangige) Untertanen in Notlagen unter persönlichem Erscheinen an den Kaiser wandten, war auch unter byzantinischen Herrschern nicht unüblich und ist in Malalas verschiedentlich belegt: XVII 22; XVIII 27; vgl. auch ein Bittgesuch an den Patriarchen bzw. indirekt die Bürger Antiochias: XVIII 59. Die größte Besonderheit der hiesigen Stelle besteht darin, dass nicht ein Geistlicher oder Amtsträger, sondern die Frau des getöteten Statthalters – erfolgreich – beim Kaiser vorsprach. (Jonas Borsch)
9f./6 καὶ ἀκούσας ό βασιλεὺς τὰ γεγονότα ὑπὸ τῶν Σαμαρειτῶν καὶ θυμωθείς: Die wütende Reaktion des Kaisers (und dessen anschließendes Handeln) sind typische Bestandteile von Malalas' Berichten über Aufstände oder andere Unbotmäßigkeiten: Vgl. neben dieser Stelle allein für Justinian Malal. XVIII 4, 41, 54, 57, 111, 121, 141 (indirekt XVIII 22, 43) sowie insbes. XVIII 35 zum Samaritaneraufstand von 529 mit gleich mehreren Verweisen auf die Wut des Kaisers. Zorn, in antiken Texten klassisch ein Ausweis des Tyrannen, ist in der Chronographie nicht per se negativ besetzt. Für viele Herrscher bildet er ein handlungsleitendes Motiv: Dazu zählen mythische Figuren (z.B. Perseus: II 13; Laios von Theben: II 17), pagane oder christliche Kaiser (z.B. Caligula: X 20; Nero: X 30, 35, 36, 37; Anastasios: XVI 4, 15, 16) oder persische Großkönige (Kavadh I.: XVIII 30). Vgl. dazu auch XVIII 41, 2f. sowie Jeffreys 1990e, 228. (Jonas Borsch)
11/2 ἄρχοντι: Die Lesart ἄρχοντι wird nicht vom Rest der Überlieferung dokumentiert: In EI und Theophanes wird Amantios als στρατηλάτης (d.h. magister militum) bezeichnet. Obwohl die Rolle von στρατηλάτης anderswo im Baroccianus vorkommt und nicht völlig unbekannt ist (vgl. dagegen die Alternanz ἄρχων / ἀνθύπατος oben im Kapitel), scheint es auch hier, als ob in der O-Version eine Vereinfachung der Amtsbestimmungen erkennbar wäre. (Lea Niccolai)
11/2 ἄρχοντι τῆς ἀνατολῆς Ἀμαντίῳ: Amantios (PLRE IIIA (Amantius 2), 52–54) ist möglicherweise identisch mit einem in V. Sym. Iun. 161 erwähnten Amantios, der zu Lebzeiten dieses Heiligen als Magistrat in Antiochia harte Maßnahmen gegen Altgläubige und Häretiker vorgenommen hatte. Die Bezeichnung als ἄρχων τῆς Ἀνατολῆς (bzw. στρατηλάτης in EI und Pseudo-Dionysios: XVIII 119, 11) dürfte sich auf eine Funktion als magister militum bzw. magister utriusque militum beziehen (ebd., 52f.), die aber, wie auch der Samaritaneraufstand, nicht in das Jahr 555 (ebd., 52), sondern in das Jahr 556 gehört (siehe XVIII 119, 1). Die Vita Symeonis bezeugt, dass der Magistrat vor seinem Erscheinen in Antiochia bereits für sein harsches Vorgehen gegen Missetäter bekannt war, was gut zu den hier im Folgenden geschilderten, brutalen Strafaktionen gegen die Aufständischen passt. (Jonas Borsch)
12/5 ὅστις: Siehe XVIII 42, 7. (Lea Niccolai)
14/6 ἐφούρκισεν: φουρκίζω, "erhängen": Latinismus aus furca, vgl. Festugière 1978, 241. In Malalas kommt das Verb nur zweimal und ausschließlich im XVIII. Buch vor, hier und in Kapitel 13. Der Beleg in XVIII 13 hat die besondere Lesart ἐφούλκισεν (vielleicht eine Korrektur von ἐφούρκισεν, vgl. Thurn 2000 ad loc.); in XVIII 119 sieht man dagegen auf der Seite 316r des Baroccianus ganz klar, dass zwischen die Zeilen ein kleines Lambda und oben die Lesart ἐφούρκισεν geschrieben wurde. Die Verwirrung könnte vielleicht auf Unklarheit über die Aussprache gründen. (Lea Niccolai)
15/2 ἐδεξιοκόπησε: Einziger Beleg von δεξιοκοπέω ('die rechte Hand schneiden') in dem überlebenden Corpus der Griechischen Literatur. Wundersamerweise bietet EI an dieser Stelle ein einziges Mal (innerhalb der Passage) eine Lesart, die als allgemeiner (und vielleich facilior?) bezeichnet werden kann (ἐχειροκόπησε). Auch Theophanes wählt, wie gewöhnlich, die allgemeinere Form ἠκρωτηρίασε ("verstümmelte"). (Lea Niccolai)
15/8 φόβος: Zur Bedeutung der Angst bei Malalas, die hier durchaus positiv konnotiert sein kann, XVIII 52, 1). Ein auch in der Formulierung nahezu identisches Ende – nach Eingriff des Kaisers kehren Furcht und Ruhe ein – hatte bei Malalas bereits der Samaritaneraufstand unter Zenon genommen (XV 8). (Jonas Borsch)
16/4 ἐν τοῖς ἀνατολικοῖς μέρεσιν: Dieser Zusatz ("und in den östlichen Landstrichen", Thurn/Meier 2009, 517) ist nur in O enthalten; er fehlt in der Parallelüberlieferung der Excerpta de insidiis und bei Pseudo-Dionysios. Der Ausdruck ist jedoch in ähnlicher Form regelmäßig belegt (identische Formulierung in XVIII 59,18; vgl. ἀπὸ τῶν ἀνατολικῶν μερῶν: XVIII 122,2; τὰ ἀνατολικὰ/ἀνατολικώτερα μέρη: XVII 20,3; XVIII 15,8, 70,6), sodass er als aus dem ursprünglichen Text stammendes Element authentisch erscheint. Auch die Beziehung eines lokalen Ereignisses auf übergeordnete Zusammenhänge – Beruhigung des gesamten Ostens durch einen einzelnen Eingriff in Kaisareia – entspricht dem in der Chronographie gängigen Bild. (Jonas Borsch)
Parallelüberlieferung
Griechisch. De insid. 48 (173, 13-29); Theoph. 230, 5-15. Syrisch: Pseudo-Dionys. 863 = 114 Witakowski; Mich. Syr. IX 31 (262).
Literatur
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Crown (1989): Crown, A. D.: The Byzantine and Moslem Period, The Samaritans, 1989, 55–81.
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Festugière (1978): Festugière, André-Jean: Notabilia dans Malalas. I, Revue de Philologie, 1978, 221–241.
Holum (1998): Holum, K. G.: Identity and the Late Antique City: The Case of Caesarea, Religious and Ethnic Communities in Later Roman Palestine, 1998, 157–177.
Holum/Hohlfelder (1988): Holum, K. G.; Hohlfelder, R.: King Herod's Dream. Caesarea on the Sea, New York, 1988.
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Kulikowski (2017): Kulikowski, M.: Malalas in the Archives, Die Weltchronik des Johannes Malalas. Quellenfragen, 2017, 203–215.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Noethlichs (2007): Noethlichs, Karl L.: Jews, Heretics or Useful Farm Workers? Samaritans in Late Antique Imperial Legislation, Bulletin of the Institute of Classical Studies, 2007, 57–65.
Patrich (2011a): Patrich, J.: Studies in the Archaeology and History of Caesarea Maritima, .
Patrich (2011b): Patrich, J.: The Praetoria at Caesarea Maritima, Studies in the Archaeology and History of Caesarea Maritima, 2011, 205–223.
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Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Weierholt (1963): Weierholt, Kristen: Studien im Sprachgebrauch des Malalas, Oslo, 1963.
Witakowski (1996): Witakowski, Witold: Pseudo-Dionysius of Tel-Mahre Chronicle Part III. Translated with notes and introduction by Witold Witakowski, Liverpool, 1996.