Malalas 18.121

Inhalt

Kapitel XVIII 121 thematisiert eine Brotknappheit in Konstantinopel, die zu Unruhen in der Hauptstadt führt. Da der Kaiser sich durch Akklamationen in Anwesenheit eines persischen Gesandten kompromittiert fühlt, veranlasst er unverzüglich die Bestrafung mutmaßlicher Anstifter (nämlich einiger Anhänger der Blauen Partei und nicht näher definierter "Vornehmer"). Darüber hinaus berichtet der Abschnitt über das Auftreten von Blitz und Donner.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Μηνὶ μαΐῳ τῆς αὐτῆς ἰνδικτιῶνος ἐγένετο σπάνις ἄρτου ἐν
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Κωνσταντινουπόλει, καὶ πρὸς μὲν ὀλίγον ἐστενώθησαν οἱ ἄνθρωποι, καὶ
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ἔκραξαν τῷ αὐτῷ βασιλεῖ ἐν γενεθλίῳ συνθεωροῦντος τῷ αὐτῷ βασιλεῖ
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πρεσβευτοῦ Περσῶν· καὶ ἀγανακτήσας ὁ αὐτὸς βασιλεὺς κελεύει Μουσω-
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νίῳ τῷ ὄντι ἐπάρχῳ πόλεως, καὶ κατεσχέθησαν ἐκ τοῦ Βενέτου μέρους
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καὶ ἐκολάσθησάν τινες τῶν ἐνδόξων ἀνδρῶν. κατέσχεν δὲ ἡ αὐτὴ σπάνις
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τοῦ ἄρτου ἐπὶ μῆνας τρεῖς. καὶ μετ’ ὀλίγας ἡμέρας ἐγένοντο ἀστραπαὶ
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καὶ βρονταὶ φοβεραὶ ἐν διαφόροις πόλεσιν, ὥστε καὶ πολλοὺς βλαβῆναι.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Μηνὶ μαΐῳ τῆς αὐτῆς ἰνδικτιῶνος: Der Rückverweis auf "dieselbe Indiktion" bezieht sich auf die vierte Indiktion (genannt in Malal. XVIII 119), mithin auf das Jahr 555/56, wie auch Theoph. 230,17–27 bestätigt (29. Regierungsjahr Justinians = 555/56). Die chronologische Reihung ist in dieser Passage (XVIII 119–121) aufgelöst; vgl. zu dieser Problematik XVIII 119, 1; XVIII 120, 1. Datierung auf 556 bei Allen 1979, 16; Meier 2004a, 668. Dagegen datiert Stathakopoulos 2004, 303 auf Mai–Juli 555; dem liegt jedoch ein Fehler bei der Auflösung der Indiktionen zugrunde: 4. Indiktion = September 555 bis August 556; vgl. Bagnall/Worp 2004, 150. Ein Teil der Episode, nämlich die Akklamationen im Hippodrom, lassen sich taggenau bestimmen, da sie ἐν γενθλίῳ (bzw. ἐν γενθλιακῷ θεωρίῳ: Theoph. 230,19 de Boor), also auf die Geburtsfeier Konstantinopels am 11. Mai gelegt werden. (Jonas Borsch)
1/2 μαΐῳ: Wie erst von Bury 1897, 230 gesehen, steht der Monatsname bereits in der Handschrift O (f. 316) richtig im Dativ; der Genitiv μαίου bei Chilmead 1691, II, 232 geht auf einen Lesefehler zurück, der auch Dindorf 1831, 488 zur falschen Angabe "μαίου Ox." im kritischen Apparat verleitete (Dindorf hatte allerdings den richtige Kasus μαΐῳ in seinem Text konjektural wieder hergestellt). (Laura Carrara)
1/7 σπάνις ἄρτου: Zu σπάνις + Genitiv 'Mangel (an)' in der Malalas-Chronik XVIII 95, 1. (Laura Carrara)
1/7 σπάνις ἄρτου: Engpässe bei der Versorgung mit bestimmten Gütern waren in der (Spät-)antike und insbesondere in Metropolen wie Rom oder Konstantinopel keine Seltenheit. Dazu allgemein VIII 22, 6; XII 33, 10; XVIII 95, 1; vgl. auch spezifisch zu Byzanz Stathakopoulos 2004, 35–56; zu den Schwierigkeiten, die die Versorgung der spätantiken Reichsmetropolen mit Lebensmitteln immer wieder bereitete, Teall 1959 (unter Konzentration auf Konstantinopel; Durliat 1990, 323–381 (mit Blick auf Alexandria und Antiochia).

In der Chronographie begegnen "Mangel" und Versorgungsengpässe besonders oft im letzten, auf Konstantinopel konzentrierten Teil von Buch XVIII (vgl. XVIII 95; XVIII 131 = Theoph. 234,20–235,1 de Boor; XVIII 139; XVIII 147 = Theoph. 239, 23–25 de Boor). Zeitlich korrespondiert das vermehrte Aufkommen dieser Nachrichten in etwa mit dem Ausbruch der Justinianischen Pest" ab 541/42. Vgl. dazu mit einer weitgehend auf Malalas und von ihm abhängigen Chroniken beruhenden Liste Meier 2004a, 332 Anm. 164, die für die Jahre 543 bis 562 Notizen zu sechs verschiedenen Jahren umfasst. Prokop stellt für 541/42 einen expliziten Zusammenhang zwischen Pest und Hungersnot her (BP II 23,19): Öffentliches Leben und Arbeit seien durch die Krankheitswelle zum Zusammenbruch gelangt, weswegen es zu einem Mangel an Brot und anderen Lebensmitteln gekommen sei. Die Verbindung kann wohl v.a. in Ernteausfällen gesehen werden: Allen 1979, 16. Für die Annahme eines Zusammenhanges zwischen der Seuche, einem in den Quellen hervorscheinenden Mangel an Arbeitskräften und den wiederholten Versorgungsschwierigkeiten vgl. bereits Teall 1959 95f. sowie Leven 1987, 145; Meier 2005, 96; Meier 2016a, 280. Die Nähe zwischen Seuche und Hungersnot wird bereits in der klassischen Literatur durch das Begriffspaar λιμός/λοιμός evoziert: Dazu Garnsey 1988, 25f. (Jonas Borsch)
2/1 Κωνσταντινουπόλει: Zur Alternanz der Benennungen 'Konstantinopel' und 'Byzanz' für die Reichshauptstadt am Bosporus in der Malalas-Chronik, insbesondere im Buch XVIII, und zu deren möglichen Implikationen bezüglich der Verfasserfrage bzw. Genese des finalen Teiles dieses Buches XVIII 77, 1. (Laura Carrara)
2/3 πρὸς μὲν ὀλίγον: Zu πρὸς ὀλίγον 'für kurze Zeit' in der Malalas-Chronik XVIII 124, 10.

Dindorf 1831, 488 schlägt in seinem Apparat vor, die Partikel μέν an dieser Stelle zu tilgen und verweist dabei auf die Verwendung von πρὸς ὀλίγον *ohne* μέν wenige Zeilen später in Malal. XVIII 124 καὶ πρὸς ὀλίγον κατενύγησαν οἱ ἄνθρωποι. Wenn Dindorf Recht hat, dann nicht primär wegen der Parallelstelle in Kap. 124, sondern deshalb, weil μέν an dieser Stelle keine präzise Funktion hat und nicht zu einem δέ korrespondiert. Malalas' Verwendung der Partikel ist jedoch frei und darf nicht an klassischen Maßstäben gemessen werden; siehe zu dem ähnlich gelagerten Fall von γάρ in Malal. XVIII 116 (überflüssig zwischen κράτος und νικήσας, und deshalb zu streichen?) XVIII 116, 2ff.. (Laura Carrara)
3/1 ἔκραξαν τῷ αὐτῷ βασιλεῖ: κράζω ist das übliche Verb der Malalas-Chronik für laut vorgetragene Proteste, Kundgebungen oder Akklamationen der Bevölkerung, siehe die Belege bei Thurn 2000, 488 im "Index verborum ad res Byzantinas spectantium", darunter die identische Phrase ἔκραξαν τῷ αὐτῷ βασιλεῖ in XIV 2. Bei den meisten Malalas-Belegen von κράζω folgt auf das Verb ein Direktzitat mit dem Wortlaut der Rufe der Menschenmenge (was übrigens einer der wenigen Anwendungsbereiche der direkten Rede in der Malalas-Chronik ist). Vor dem Hintergrund dieses Usus ist es möglich, dass die nur bei Theoph. 230, 18-19 de Boor wörtlich zitierte Akklamation der hungrigen Bevölkerung gegen Justinian (δέσποτα, εὐθηνίαν τῇ πόλει, "Herr, Wohlstand für die Stadt") auf eine längere Fassung des Malalas-Textes zurückgeht; zum Verhältnis zwischen dem Theophanes- und dem Malalas-Text siehe auch Rochow 1983, 470.

ἔκραξαν ist die sigmatische Aoristbildung von κράζω, der starke Aorist ἔκραγον ist bei Malalas nicht belegt, siehe Merz 1911, 28 Anm. 2; Wolf 1911, 67–68. (Laura Carrara)
3/1 ἔκραξαν τῷ αὐτῷ βασιλεῖ ἐν γενεθλίῳ: Zu Unruhen innerhalb der konstantinopolitanischen Bevölkerung – insbesondere unter den Zirkusparteien (XVIII 1, 8) – kam es, wenn man Zeugen wie Malalas Glauben schenken darf, in der zweiten Hälfte der Regierungszeit Justinians sehr häufig: Malal. XVIII 99, 105, 108, 117, 135, 139, vgl. auch auf Basis der Parallelüberlieferung Malal. XVIII 131, 132, 147, 150, 151. (Jonas Borsch)
3f./7 συνθεωροῦντος τῷ αὐτῷ βασιλεῖ πρεσβευτοῦ Περσῶν: Im Partizip συνθεωροῦντος könnte – neben und zusammen mit der Grundbedeutung 'mitschauen' – auch noch die altklassische technisch-politische Bedeutung des Verbes mitschwingen: act as a θεωρός and go to a festival together (LSJ s.v. συνθεωρέω II). Dies würde gut sowohl zum Subjekt des Partizips an dieser Stelle – ein offizieller Gesandter der Perser – als auch zum beschriebenen Anlass der 'Schau' – Staatsfeierlichkeiten anlässlich des Gedenktages der Gründung von Konstantinopel – passen. In dieser Bedeutung wird das Verb συνθεωρέω mit dem einfachen Dativ konstruiert, vgl. Aristoph. V. 1187 ὡς ξυνεθεώρεις Ἀνδροκλεῖ καὶ Κλεισθένει, hier wäre es τῷ αὐτῷ βασιλεῖ. (Laura Carrara)
3f./7 συνθεωροῦντος τῷ αὐτῷ βασιλεῖ πρεσβευτοῦ Περσῶν: Die Anwesenheit des persischen Gesandten fällt in den Rahmen von Friedensverhandlungen mit Persien, die einen langjährigen Konflikt um Lazika beendeten. 557 handelte man einen Waffenstillstand aus; 561/62 kam es schließlich zu einem Friedensschluss (zu diesem Frieden Men. Prot. Fragm. 6 Blockley; vgl. Stein 1949, 516–521; Winter/Dignas 2001, 61f.; Leppin 2011a, 319f.). Agathias, der in einiger Ausführlichkeit über den Konflikt in Lazika berichtet, erwähnt in Zusammenhang mit diesen Verhandlungen für 557 (Agath. IV 30,8–10) die Reise eines hochrangigen persischen Emissärs, eines gewissen "Zich" (Ζίχ) nach Konstantinopel, der dort wohl im Herbst des Jahres den Waffenstillstand abschloss. Diesen Mann hat Bury 1923 II, 120 mit dem hier von Malalas erwähnten Gesandten identifiziert. Dass sich derselbe Gesandte bereits seit Mai 556 in Konstantinopel aufhielt, ist allerdings unwahrscheinlich, da Agathias dessen Aufbruch im Anschluss an Ereignisse berichtet, die bereits in das Jahr 557 gehören. Es kann sich demnach durchaus um eine andere Person handeln: Stein 1949, 517 Anm. 2. (Jonas Borsch)
4/4 ἀγανακτήσας: Zum 'zornig sein', ausgedrückt durch Formen des Verbs ἀγανακτέω, als Motor der Handlung, dabei v.a. der Aktionen Kaisers Justinian, in der Malalas-Chronik XVIII 41, 2f. und Jeffreys 1990e, 228. (Laura Carrara)
4/4 ἀγανακτήσας ὁ αὐτὸς βασιλεὺς: Zum Zorn des Kaisers als Handlungsmovens in der Chronographia XVIII 119, 9f.. In diesem Fall bezieht sich der Zorn offensichtlich auf die Peinlichkeit, dass das Volk Justinian in Anwesenheit eines auswärtigen Diplomaten mit Forderungen (und seinen Stadtpräfekten mit Schmähungen: XVIII 121, 4f.) überzogen hatte. Explizit bekräftigt dies ein bei Theophanes überlieferter Zusatz (230,22–23 de Boor): ἐλύπησαν γὰρ τὸν βασιλέα, ὅτι ἐπὶ τοῦ πρεσβευτοῦ τῶν Περσῶν κατέκραζον αὐτοῦ οἱ δῆμοι ("Sie hatten ja den Kaiser verärgert, weil die Demen in Gegenwart der Gesandten der Perser gegen ihn in eine Akklamation ausgebrochen waren", Übers. Thurn/Meier 2009, 337). (Jonas Borsch)
4f./9 Μουσωνίῳ τῷ ὄντι ἐπάρχῳ πόλεως: Musonios (PLRE IIIB (Musonius 1), 906) findet als Stadtpräfekt (ἐπάρχος πόλεως) auch in Nov. 134 vom 1. Mai 556 Erwähnung. Theophanes (230,19–20 de Boor) berichtet, dass sich die durch die Versorgungsschwierigkeiten ausgelösten Akklamationen auch gegen Musonios richteten: Demnach habe das Volk ihn (anlässlich der Geburtsfeierlichkeiten der Stadt, s.o. XVIII 121, 1) mit Beschimpfungen überzogen (ἀνέσκαψαν). Dass sich die Wut des Volkes im Fall von Unruhen gegen den Stadtpräfekten (zum Amt XVIII 18, 6f.) richtete, findet sich bei Malalas mehrfach (siehe insbes. Malal. XVIII 71, 119, 135), weshalb es inhaltlich plausibel erscheint, dass dieser Theophanes-Satz auf ihn zurückgeht. Musonios fungierte im hiesigen Fall aber nicht nur als Zielscheibe des Volkszornes, sondern erhielt vom Kaiser auch den Auftrag, die Bestrafung durchzuführen. (Jonas Borsch)
5/7 κατεσχέθησαν: Νeue (d.h. unklassische, erst in der hellenistischen κοινή belegte) schwache Aoristform von κατέχω 'festnehmen', siehe Merz 1911, 30. (Laura Carrara)
5f./7 κατεσχέθησαν ἐκ τοῦ Βενέτου μέρους καὶ ἐκολάσθησάν τινες τῶν ἐνδόξων ἀνδρῶν: Es handelt sich hier um einen der eher seltenen Fälle, in denen die Zirkusparteien im Zusammenhang mit Unruhen erwähnt werden, die explizit auf soziale Probleme – in diesem Fall die erwähnte Brotknappheit – zurückgehen (vgl. zu dieser Frage allgemein Cameron 1976, 271–296). Offensichtlich ging man auf Seiten der Obrigkeit davon aus, dass Parteigänger der Blauen die für den Kaiser peinlichen Vorgänge (mit)ausgelöst hatten. Überraschender ist, dass in diesem Zuge explizit auch τινες τῶν ἐνδόξων ἀνδρῶν ("einige der vornehmen Männer", Übers. Thurn/Meier 2009, 518f.) genannt werden, die ebenfalls in Verdacht standen, die Unruhe angestachelt zu haben – vielleicht befürchtete man, oppositionelle Angehörige der Oberschicht könnten sich an die Spitze des aufgebrachten Volkes setzten, wie es 532 im "Nika-Aufstand" geschehen war, der 556 sicherlich noch nicht vergessen war (Malal. XVIII 71). Womöglich nutzte Justinian aber auch schlichtweg die Insurrektion aus, um politisch missliebige Personen unschädlich zu machen. (Jonas Borsch)
6f./7 κατέσχεν ... ἐπὶ μῆνας τρεῖς: Zu den Verben κατέχω und (häufiger verwendet) ἐπικρατέω mit ἐπί + Akkusativ bzw. einfachem Akkusativ der 'zeitlichen Asdehnung' zur Angabe der Dauer eines Naturphänomens in der Malalas-Chronik XVIII 124, 9f.. (Laura Carrara)
6f./7 κατέσχεν ... ἐπὶ μῆνας τρεῖς: Die dreimonatige Dauer, die hier mit der in den späteren Abschnitten der Chronographia standardmäßig vorkommenden Formel angegeben wird (XVIII 121, 6f.), deutet gemeinsam mit dem Hinweis auf die Not in der Bevölkerung (Z. 2) darauf hin, dass es sich um eine anhaltende und wohl auch ernste Versorgungskrise handelte. Theoph. 230,23–24 ergänzt zwar, dass Wein, Speck und andere Lebensmittel im Überfluss vorhanden gewesen seien, doch bildete Brot gerade für die ärmeren Bürger das wichtigste Grundnahrungsmittel, weswegen eine Brotknappheit für sie besonders einschneidende Konsequenzen hatte: Vgl. Koder 1993, 100; Stathakopoulos 2004, 303f. (Jonas Borsch)
6f./11 σπάνις τοῦ ἀρτου: Zu σπάνις + Genitiv 'Mangel (an)' (sonst immer ohne Artikel) in der Malalas-Chronik XVIII 95, 1. (Laura Carrara)
7/7 μετ’ ὀλίγας ἡμέρας: Theoph. 230,25 hat hier ein präzises Datum, nämlich den 13. Juli (556, vgl. zur Datierungsfrage XVIII 119, 1, XVIII 121, 1). Die hier überlieferte Formel ist denkbar ungenau, zumal in Bezug auf den Hinweis, die vorangegangen geschilderte Brotknappheit habe drei Monate gedauert (Z. 6f.). Es könnte sich hier um eine Vereinfachung der ursprünglichen Datierungsformel handeln, die dem der O-Version von Malalas zugrundeliegenden Kürzungsprozess geschuldet ist. (Jonas Borsch)
7f./6 καὶ .... ἐγένοντο ἀστραπαὶ καὶ βρονταὶ φοβεραὶ... ὥστε καὶ πολλοὺς βλαβῆναι: Der Schlusssatz des hiesigen Kapitels weist mehrere thematische, syntaktische und lexikalische Ähnlichkeiten mit dem ersten Teil von Kap. 103 auf:


Zeitangabe Μηνὶ ἰουνίῳ ἰνδικτιῶνι τῇ αὐτῇ μετ' ὀλίγας ἡμέρας
Hauptgeschehen (Naturphänomen)ἐγένοντο βρονταὶ καὶ ἀστραπαὶἐγένοντο ἀστραπαὶ καὶ βρονταὶ
Qualifizierung durch Adjektivφοβεραὶ πάνυφοβεραὶ
Konsekutivsatz zur Angabe der Folgenὥστε καὶ ἀνθρώπους καθεύδοντας ἐκ τῶν ἀστραπῶν βλαβῆναιὥστε καὶ πολλοὺς βλαβῆναι

Wortmaterial und Satzbau von 18,121 sind allesamt 'formulaisch', d.h. zusammengesetzt aus dem üblichen Katastrophen-Vokabular der Malalas-Chronik:

- Zu φοβερός als Qualifizierung von Naturkatastrophen, insbesondere Erdbeben (aber nicht nur diesen: An der hiesigen Stelle geht es um Donner und Blitze) XVIII 52, 1, XVIII 79, 1.

- Zu ὥστε + Infinitiv qua Einleitung eines Konsekutivsatzes, der die Beschreibung der Folgen der im Hauptsatz erwähnten Naturkatastrophe beinhaltet, XVIII 124, 2. (Laura Carrara)
7f./10 ἐγένοντο ἀστραπαὶ καὶ βρονταὶ φοβεραὶ ἐν διαφόροις πόλεσιν, ὥστε καὶ πολλοὺς βλαβῆναι: Donner und Blitz werden von Malalas wiederholt aufgezeichnet; außerhalb eines omina-/Zeichenkontextes begegnen sie aber erst im auf Konstantinopel fokussierten letzten Teil des 18. Buches: XVIII 103, 1. Hier interessieren sie offensichtlich aufgrund ihrer potentiell katastrophalen Wirkung, doch werden sie in der Parallelüberlieferung zu dieser Stelle auch mit einem anderen Punkt in Verbindung gebracht, der für die Schilderung der vorangegangenen Brotknappheit von Bedeutung ist: Theoph. 230,26–27 erklärt, es sei zu starken Regenfällen gekommen, ὥστε ἀπὸ πολλῆς ἀβροχίας οὖσαν κορεσθῆναι τὴν γῆν ("so that after the long drought the land was soaked", Mango/Scott 1997, 337). Es hatte also eine längere Trockenperiode gegeben, die dem Leser zudem als bekannt vorausgesetzt wird: Das könnte darauf hinweisen, dass die Brotknappheit nicht (nur) mit dem Ausbleiben von auswärtigen Getreidelieferungen (etwa aus Alexandria: Stathakopoulos 2004, 304) zusammenhing, sondern (auch) mit schwachen Ernten im Umland von Konstantinopel. Auch die These eines die Versorgungsschwierigkeiten bedingenden Arbeitskräftemangels (s.o. XVIII 121, 1) wird dadurch nicht gestützt. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass es sich bei dem Hinweis auf einen erst auf Theophanes zurückgehenden Zusatz handelt, vgl. zur Stelle Rochow 1983, 470. (Jonas Borsch)
8/4 ἐν διαφόροις πόλεσιν: Vg. die identische Phrase in Malal. XVIII 120 zur Lokalisierung des in jenem Kapitel erwähnten Naturereignisses (Pest) und dort XVIII 120, 2 zum Adjektiv διαφόροι 'einige, diverse' in der Malalas-Chronik. (Laura Carrara)
Parallelüberlieferung
Theoph. 230, 17–27 de Boor
Literatur
Allen (1979): Allen, P.: The "Justinianic" Plague, Byzantion, 1979, 5–20.
Bagnall/Worp (2004): Bagnall, Roger S./Worp, K. A.: Chronological systems of Byzantine Egypt, Leiden, 2004.
Bury (1897): Bury, John B.: Johannes Malalas: The Text of the Codex Baroccianus, ByzZ, 1897, 219–230.
Bury (1923): Bury, John B.: History of the Later Roman Empire, London, 1923.
Cameron (1976): Cameron, Alan: Circus factions: Blues and Greens at Rome and Byzantium, Oxford, 1976.
Chilmead (1691): Chilmead, Edmund: Johannis Antiocheni cognomento Malalae Historia Chronica … nunc primum edita cum Interpret. & Notis Edm. Chilmeadi …, Oxonii, 1691.
Dindorf (1831): Dindorf, Ludwig: Iohannis Malalae Chronographiae ex recensione L. Dindorfii, Bonn, 1831.
Durliat (1990): Durliat, J.: De la ville antique à la ville byzantine, Paris/Padua, 1990.
Garnsey (1988): Garnsey, P.: Famine and Food-Supply in the Graeco-Roman World, 1988.
Jeffreys (1990e): Jeffreys, Michael: The language of Malalas, 2: Formulaic phraseology, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 225–231.
Koder (1993): Koder, Johannes: Gemüse in Byzanz. Die Versorgung Konstantinopels mit Frischgemüse im Lichte der Geoponika, Wien, 1993.
Leven (1987): Leven, Karl-Heinz: Die "Justinianische" Pest, Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, 1987, 137–161.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Meier (2004a): Meier, Mischa: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen, 2004.
Meier (2005): Meier, Mischa: "Hinzu kam auch noch die Pest ..." Die sogenannte justinianische Pest und ihre Folgen, Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas, 2005, 86–107.
Meier (2016a): Meier, M.: The 'Justinianic Plague': The Economic Consequences of the Pandemic in the Eastern Roman Empire and Its Cultural and Religious Effects, Early Medieval Europe, 2016, 267–292.
Merz (1911): Merz, Ludwig: Zur Flexion des Verbums bei Malalas, Pirmasens, 1911.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Stathakopoulos (2004): Stathakopoulos, D. Ch.: Famine and Pestilence in the Late Roman and Early Byzantine Empire, Aldershot/Burlington, 2004.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Teall (1959): Teall, John L.: The Grain Supply of the Byzantine Empire, 330-1025, Dumbarton Oaks Papers, 1959, 87-139.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Winter/Dignas (2001): Winter, Engelbert/Dignas, Beate: Rom und das Perserreich. Zwei Weltmächte zwischen Konfrontation und Koexistenz, Berlin, 2001.
Wolf (1911): Wolf, Karl: Studien zur Sprache des Malalas, Tl. 1: Formenlehre, Diss. München, 1911.