Malalas 17.4 1–3 = 27–29 (Thurn)

Inhalt

Mal. XVII 4 verzeichnet das Erscheinen eines aufsehenerregenden Kometen. Die vage Datierungsformel in Kombination mit abweichenden chronologischen Angaben in der von Malalas unabhängigen Überlieferung deuten darauf hin, dass das Ereignis gezielt gleich an den Anfang der Regierungszeit Justins verlegt wurde.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Ἐν δὲ τῇ ἀρχῇ τῆς αὐτοῦ βασιλείας ἀνῆλθεν <εἰς πὲραν> ἐν τῇ ἀνα-
 
τολῇ φοβερὸς ἀστήρ, ὀνόματι κομήτης, ὅς εἶχεν ἀκτῖνα πέμπουσαν ἐπὶ
 
τὰ κάτω, ὅν ἔλεγον εἶναι πωγωνίαν· καὶ ἐφοβοῦντο.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐν δὲ τῇ ἀρχῇ τῆς αὐτοῦ βασιλείας: Diese Zeitangabe, die in der gesamten Chronographia nur hier belegt ist, ist besonders ungenau, und dies vielleicht mit Absicht. Der durch die umgebenden Textabschnitte gesetzte chronologische Rahmen nämlich lässt daran denken, dass der "Beginn der Regierung dieses selben Kaisers" gleich die ersten Monate nach Juli 518 meint: XVII 6 weist ausdrücklich auf das erste Regierungsjahr hin; auch XVII 3 und XVII 5 sind Ende 518 bzw. Anfang 519 zu verorten. Diese Datierung findet sich ebenfalls im Chronicon Paschale und bei Theophanes. Chinesische Quellen, die den Kometen ebenfalls erwähnen, datieren sein Erscheinen hingegen erst auf Oktober 520 (den 1. oder 7.: Kronk 1999, I, 85 mit Ping-Yü 1962, 164); vgl. Meier 2004a, 344 mit 657 und 658, Anm. 18 zur Datierungsdiskussion. Es ist also zu vermuten, dass die Erwähnung der Himmelserscheinung mit Absicht in direkte Verbindung zu Anfang von Justins Regierung gesetzt wurde. Dies entspricht einer gängigen Praxis, denn auch für die Todeszeitpunkte von Herrschern lassen sich ähnliche suggestive Zuordnungen außergewöhnlicher Naturphänomene beobachten: Conti 2016. (Olivier Gengler mit Florian Battistella, Jonas Borsch)
1/9 <εἰς πὲραν>: Die Ergänzung von Thurn stammt aus dem Chronicon Paschale 612,15 und findet anscheinend in der slavischen Fassung des Textes eine indirekte Bestätigung (cf. die von Thurn rekonstruierte gr. Fassung des slavischen Textes im apparatus seiner Edition: τῆς ἑσπέρας ἐν τῇ ἀνατολῇ). O hat hier nur die Angabe ἐν τῇ ἀνατολῇ.

Noch einmal spiegeln hier das Chronicon Paschale und die slavische Übersetzung eine ähnliche Vorlage wider, die vom O-Text abweicht. Die Wörter εἰς πὲραν bilden offensichtlich eine lectio difficilior, aber die Bedeutung des Ausdrucks in diesem Kontext scheint schwer zu fassen. Die Zeitangabe ἑσπέρας kommt dafür regelmäßig in den Katastrophenberichten der Chronographia vor (XVIII 77, 1f.) und wäre hier ebenfalls passend. Wenn der O-Text in diesem Fall überhaupt zu ergänzen ist, wäre also ἑσπέρας (eher ohne Artikel) zu bevorzugen. (Olivier Gengler)
2/2 φοβερός: Die besondere Rolle der Furcht (φόβος: I 8, 8) in der Chronographia thematisiert bereits Scott 1985, 103f. Nach Meier 2004a, 344f. und Meier 2007d, 577–583 konstituiert φόβος ein zentrales Element der Justin- und insbesondere Justinian-Darstellung. Justinians Zeitalter ist demnach ein "Zeitalter der Angst" (Meier 2004a, 345): Gott verbreitet Furcht unter den Menschen, indem er Katastrophen entsendet; der Kaiser selbst wiederum tut es ihm nach, etwa durch den Erlass von Edikten, die Verfolgung Homosexueller oder das Niederschlagen von Aufständen (XVII 18; XVIII 18; XVIII 71; XVIII 119); er imitiert also Gottes Eingriffe. Gleichermaßen wie Naturkatastrophen als Auslöser von "kathartische[n] Effekte[n]" (Meier 2007d, 581) verstanden werden können, kommt dabei dem furchterregenden Handeln des Kaisers in der durch die Chronik vertretenen Interpretation offenbar eine heilsame Wirkung zu: "Malalas quite obviously sees a reign of terror as proper and right" (Scott 1985, 103). Nach Scott steht Malalas damit im Gegensatz zu Prokop, der die gleiche Diagnose stellt – allgemeine Angst –, sie dem Kaiser aber negativ auslegt. Die Interpretation des Malalas ist insofern neuartig, als sie sie den "Faktor Angst", letztlich in Anlehnung an zeitgenössisch verbreitete Gedanken einer kathartischen Wirkung von kollektivem Unglückserleben, als "Element" auffasst, "das einer krisengeschüttelten Gesellschaft Kohärenz und Halt zu verleihen vermag" (Meier 2007d, 582). Einem solchen Verständnis gemäß verwiese die Schilderung eines Schrecken hervorrufenden Himmelszeichens nicht vordergründig auf zeitgenössisches Krisenempfinden und Endzeiterwartungen, sondern auch und vor allem – und zwar als Antwort auf solche zukunftsskeptischen Deutungen – auf die mächtige und ordnende Präsenz Gottes. (Jonas Borsch)
2/5 κομήτης: Die äthiopische Fassung der Chronik von Johannes von Nikiu spricht (XC 5) von einem Offizier ("capitaine" in Zotenbergs Übersetzung; Charles' Übersetzung korrigiert stillschweigend den Text) wegen einer Verwechslung zwischen κομήτης und κόμης entweder durch Johannes von Nikiu selbst oder zwischen ihren koptischen Äquivalenten durch den Autor der arabischen Paraphrase, die als Vorlage der äthiopischen Fassung diente. S. Zotenberg 1883, 381 Anm. 5, mit Booth 2012, 556–568 für andere Beispiele. (Olivier Gengler)
3/6 πωγωνίαν: πωγωνίας, lit. ‚Bärtiger‘, gilt schon bei Aristoteles, Meteorologica 344a23 als metaphorische Bezeichnung für einen Kometen (LSJ s.v. πωγωνίας II). Das Wort findet in der Chronographia nur an dieser Stelle Verwendung. (Olivier Gengler)
3/7 καὶ ἐφοβοῦντο: Dieser knappe Hinweis fasst als Effekt des Kometen in Kurzform zusammen, was in XVIII 52 deutlich länger ausgeführt wird: dort nämlich werden angebliche naturräumliche und soziale Effekte beschrieben (XVIII 52, 4f.). Auch in XVII 4 wird jedoch der Schreckens-Charakter des Ereignisses hervorgehoben, der offenbar ein wesentliches Element des Geschehens darstellt. Ganz ähnlich lässt sich Ps.-Dion. 21 Witakowski zu dieser Thematik aus, wo für das Jahr 524/25 in fast baugleichem Aufbau auf einen sehr ähnlichen Kometen verwiesen wird; der allgemeine Schrecken, den dieser verursacht habe, wird dort eingehend beschrieben und darüber hinaus mit Zukunftsängsten in Verbindung gebracht ("deutlich aus der ex-eventu-Perspektive": Meier 2004a, 343). Nach Meier (ebd.; vgl. auch Witakowski 1991, 259) handelt es sich um die miaphysitische Ausdeutung des Ereignisses durch Johannes von Ephesos (der sicher eine Vorlage der "Dionysios"-Chronik bildet). In diesem Sinne auch für die sehr ähnliche Version in Mich. Syr. II 170 Mango/Scott 1997, 252, Anm. 20: "[Michael Syrus], reporting the Monophysite view". Angesichts der Ähnlichkeit der Kometenbeschreibungen ist aber keineswegs auszuschließen, dass hier Überreste eines längeren Wortlautes der Malalas-Tradition vorliegen. Ein Hinweis auf die Dauer der Erscheinung, wie er sich in XVIII 52 findet, fehlt in der gesamten griechischen/syrischen Überlieferung zu diesem Kometen; vgl. jedoch Anon. Vales. 84. (Jonas Borsch)
Parallelüberlieferung
Literatur
Arjava (2005): Arjava, A.: The Mystery Cloud of 536 CE in the Mediterranean Sources, Dumbarton Oaks Papers, 2005, 73–94.
Booth (2012): Booth, Phil: Shades of Blues and Greens in the _Chronicle_ of John of Nikiou, Byzantinische Zeitschrift, 2012, 555 601.
Conti (2016): Conti, Stefano: Ende des Herrschers – Ende der Welt? Naturkatastrophen und der Tod des Kaisers, Erdbeben in der Antike. Deutungen – Folgen – Repräsentationen, 2016, 61–72.
Gundel (1921): Gundel, Wilhelm: s.v. Kometen, RE XI 1, 1921, 1143–1193.
Kronk (1999): Kronk, Gary W.: Cometography, Cambridge, 1999.
Meier (2004a): Meier, Mischa: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen, 2004.
Pandey (2013): Pandey, Nandini B.: Caesar's comet, the Julian star, and the intervention of Augustus, Transactions of the American Philological association, 2013, 405–449.
Ping-Yü (1962): Ping-Yü (Peng Yoke), Ho: Ancient and mediaeval observations of comets and novae in Chinese sources, Vistas in Astronomy, 1962, 127 225.
Ramsey/Licht (1997): Ramsey, John T.; Licht, A. Lewis: The comet of 44 B.C. and Caesar's funeral games, Atlanta, 1997.
Rosenberger (1998): Rosenberger, Veit: Gezähmte Götter. Das Prodigienwesen der römischen Republik, Stuttgart, 1998.
Schove (1984): Schove, D. Justin: Chronology of Eclipses and Comets. AD 1 – 1000, Dover, New Hampshire, 1984.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik., Stuttgart, 2009.
Witakowski (1991): Witakowski, Witold: Sources of Pseudo-Dionysius for the Third Part of his Chronicle, Orientalia Suecana, 1991, 252–275.
Zotenberg (1883): Zotenberg, H.: Chronique de Jean, évêque de Nikiou, Paris, 1883.