Malalas 18.124 1–12 = 55–66 (Thurn)
τε παλαιὸν τὸ γενόμενον ὑπὸ Κωνσταντίνου καὶ τὸ κτισθὲν ὑπὸ Θεοδο-
σίου, καὶ ἐκκλησιῶν δὲ μέρη κατέπεσον, ἐξαιρέτως δὲ τὰ ἐπέκεινα τοῦ
5 (59)
Ἑβδόμου· καὶ ὁ κίων δὲ ὁ ὢν ἐν Σεκουνδιαναῖς σὺν τῇ στήλῃ κατηνέχθη·
10 (64)
σεσι προσκαρτεροῦντες ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ. ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς Ἰουστινιανὸς
οὐκ ἐφόρεσε στέμμα ἐπὶ ἡμέρας τριάκοντα.
Kapitel-Kommentar
Mal. 18.120 - Mal. 18.124
Die folgenden Kapitel zeigen eine dichte Reihe von Katastrophen und Unglücksfällen: Sie setzen mit einem „Massensterben“ (θνῆσις ἀνθρώπων) in XVIII 120 ein – es folgen eine Hungersnot sowie ein gewaltiges Gewitter (Kap. 121), ein Feuer (Kap. 122), ein Erdbeben (Kap. 123). Den Höhepunkt und (vorläufigen) Endpunkt erreicht die Schilderung mit dem in XVIII 124 geschilderten weiteren Erdbeben.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Μηνὶ δεκεμβρίῳ ἰνδικτιῶνος ϛʹ: „Im Monat Dezember der sechsten Indiktion“, d.h. Dezember 557 n. Chr. Die Datierung ist präzise und schließt chronologisch passend (wenngleich mit einem Abstand von 9 Monaten) an den vorangehenden Abschnitt an. Sie wird durch Theoph. 231, 14–15 bestätigt, der als Tagesangabe den 14. ergänzt. Dazu passend verzeichnen zwei konstantinopolitanische liturgische Bücher ([_Syn. Eccl. Const._] 308,29–32; Typicon 130,13–14) den 14. Dezember als Jahrestag einer ἀπειλῆς τοῦ σεισμοῦ (vgl. die hiesige Formulierung Z. 9). Die ausführlichste Beschreibung des Bebens bei Agathias (V 3–5) kommt ohne präzise Datierung aus, doch setzt er das Ereignis in die Zeit der Brumalien (des auf pagane Ursprünge zurückgehenden, aber noch in byzantinischer Zeit begangenen „Namensfestes“: vgl. ODB 1 [1991], 327f., s.v. Brumalia [F. R. Trombley]), die vom 24. November bis zum 17. Dezember dauerten (Frendo 1975, 137, Anm. 3). Spätere Autoren haben das Ereignis z.T. verlegt (Ps. Dion. 126 Witakowski: 14. Januar 568), z.T. nur grob eingeordnet (Cedr. 416.1, 1–10 Tartaglia: 31. Regierungsjahr Justinians = 557/58 n. Chr.; Georg. Mon. 642, 12–22 de Boor, Mich. Syr. IX 29 = 246 Chabot = 353 Moosa, Zon. XIV 9,6: unter Justinian). Mit Datierung auf 557 n. Chr. schon Capelle 1924, 347. 14. Dezember 557 bei Downey 1955, 598; vgl. Croke 1981, 124; Ambraseys 2009, 208. 14. bis 23. Dezember (wegen der zehntägigen Dauer der Erschütterungen: siehe Z. 9f.) bei Guidoboni 1989, 702 und Guidoboni/Comastri/Traina 1994, 341. Anders McCail 1967, 243, der das Ereignis mit dem bei Agathias geschilderten Beben in der Levante 551 n. Chr. synchronisiert (XVIII 112; vgl. auch die Zusammenlegung beider Ereignisse bei Mich. Syr. IX 29). Dazu Guidoboni/Comastri/Traina 1994, 345; Ambraseys 2009, 209.
1/6 ἔτερος: Die Aussage, dass „im Monat Dezember der sechsten Indiktion ein *anderes* Erdbeben stattfand“, scheint dieses Kapitel auf dem ersten Blick zeitlich, gedanklich und inhaltlich eng mit dem vorausgehenden, das selbst ganz passend von einem Erdbeben handelt (April 557, XVIII 123, 1), zu verbinden. Das würde bedeuten, dass trotz des nicht ganz zu vernachlässigenden zeitlichen Abstandes zwischen den beiden Ereignissen (immerhin neun Monate: April - Dezember 557), die Chronographia für diese Zeitspanne nicht(s) (viel) mehr zu berichten wusste als das, was heute in O zu lesen ist. Denn hätten zwischen den heutigen Kapiteln 123 und 124 in der ursprünglichen Version mehrere andere Berichte (i.e. konkret: Textseiten) gestanden, dann wäre ἔτερος als Rückverweis sinnlos oder zumindest schwer nachvollziehbar/verortbar gewesen. ἔτερος könnte ein Hinweis darauf sein, dass bereits der Urtext kursorisch war und dass diese Knappheit der Darstellung nicht (oder nicht immer) erst auf den Urheber der O-Version zurückzuführen ist.
Alternativ (und im radikalen Gegensatz dazu) könnte man gerade von einer größeren Textauslassung in O ausgehen, welcher u.a. auch die Bezugspassage von ἔτερος zum Opfer fiel: Diese Passage hätte das Beben in Oktober 557 zum Gegenstand haben können, wovon nur Theoph. 231, 13-14 de Boor kurz berichtet und das in der überlieferten Version der Chronographia nicht erscheint. In dieser Hinsicht wäre ἔτερος eher ein Indiz dafür, dass die O-Fassung der Chronographia erhebliche Textverluste auch für die letzten Jahre Justinians erlitten hat. Eine Entscheidung ist auf der Basis des vorhandenen Materials nicht leicht zu treffen; Ambraseys 2009, 208 neigt zu der zweiten Möglichkeit („Theophanes’ source is unknown but it may have been the lost unabridged version of Malalas“).
Alternativ (und im radikalen Gegensatz dazu) könnte man gerade von einer größeren Textauslassung in O ausgehen, welcher u.a. auch die Bezugspassage von ἔτερος zum Opfer fiel: Diese Passage hätte das Beben in Oktober 557 zum Gegenstand haben können, wovon nur Theoph. 231, 13-14 de Boor kurz berichtet und das in der überlieferten Version der Chronographia nicht erscheint. In dieser Hinsicht wäre ἔτερος eher ein Indiz dafür, dass die O-Fassung der Chronographia erhebliche Textverluste auch für die letzten Jahre Justinians erlitten hat. Eine Entscheidung ist auf der Basis des vorhandenen Materials nicht leicht zu treffen; Ambraseys 2009, 208 neigt zu der zweiten Möglichkeit („Theophanes’ source is unknown but it may have been the lost unabridged version of Malalas“).
1/8 ἐν μεσονυκτίῳ: „In der Mitte der Nacht“. Die Spezifizierung der Tageszeit ist in der Chronographia im Zusammenhang mit Erdbeben nicht selten, wobei entsprechende Verweise vornehmlich in den früheren Büchern zu finden sind; in Buch XVIII begegnet trotz der hohen Dichte an Erdbebenschilderungen nur ein weiterer Verweis dieser Art (XVIII 77, 1f.). Die hiesige Angabe wird von Agath. V 3,3 bestätigt (ἀμφί μέσην τῆς νυκτός, „gegen Mitte der Nacht“), der spezifiziert, die Betroffenen seien auf diese Weise im Schlaf von den Erschütterungen überrascht worden.
1/9 μεσονυκτίῳ: Hapax in der Chronographia. Laut dem Attizisten Phrynichos (2. Jahrhundert n. Chr.) war dieses Wort „poetisch“ (Phryn. Ecl. 32 Fischer: Μεσονύκτιον ποιητικόν, οὐ πολιτικόν); diese Einschätzung lässt sich allerdings nicht erhärten, da für dieses Wort auch mehrere Prosa-Belege existieren: vgl. LSJ s.v. μεσονύκτιον.
2/4 ὥστε: Für ὥστε + Infinitiv in der Chronographia zur Einleitung eines Konsekutivsatzes, der zur Angabe der Folgen von Naturkatastrophen dient, siehe Weierholt 1963, 53 unter Nr. 3; allgemein zu den Konsekutivsätze Helms 1971, 363–364, 382–383 (Stellenverzeichnis). Fast identisch ist die Struktur des Anfangs des nahegelegenen Erdbebenkapitels XVIII 118: Ἐν δὲ τῷ αὐγούστῳ μηνὶ / τῆς δευτέρας ἰνδικτιῶνος / ἐγένετο σεισμὸς φοβερός, / ὥστε παθεῖν οἴκους πολλοὺς κτλ. Solche Wiederholungen tragen maßgeblich dazu bei, den Eindruck einer gewissen Formelhaftigkeit der Erdbebensprache in der Chronographia entstehen zu lassen (explizit thematisiert z.B. von Jeffreys 1990e, 228).
2/6 τὰ δύο τείχη Κωνσταντινουπόλεως: Es folgt eine auffällig präzise Beschreibung der durch das Erdbeben entstandenen Schäden an, die sich durch Theoph. 231, 15–28 noch ergänzen lässt. Die Stadtmauern machen dabei (durchaus ihrer Bedeutung für das spätantike Konstantinopel entsprechend) den Anfang. Dabei bezieht er sich auf die beiden die Stadt zur Landseite hin absichernden Mauern, während die zur See hin gelegenen Verteidigungsanlagen wie auch die von Anastasios errichteten „langen Mauern“ unerwähnt bleiben. Der konstantinische Schutzwall ist heute nicht mehr erhalten und kann entsprechend in seinem Verlauf nur noch ungefähr rekonstruiert werden (vgl. Berger 1988, 207f.). Die weiter westlich gelegene, unter Theodosius fertiggestellte „große Mauer“ (τὸ μέγα τεῖχος) schützte die Stadt vom Marmarameer bis zum Goldenen Horn auf einer Länge von ca. 6,5 km. Der 12 m hohe und ca. 5 m starke Bau war zusätzlich durch eine Vormauer und einen Graben gesichert. Nach gängiger Ansicht war die Hauptmauer mit insgesamt 96 Wehrtürmen versehen (zu Verlauf, Topographie und Architektur vgl. Müller-Wiener 1977, 286–296; Asutay-Effenberger 2007). Gegen die vielen Erdbeben der Region versuchte man den Bau offensichtlich durch flexible Verbindungsglieder zwischen Türmen und Hauptwall zu schützen (vgl. Asutay-Effenberger 2007, 3). Dennoch haben die Mauern in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Schäden durch Erdbeben genommen. Die Chronographia erwähnt solche Schäden nur für 554 (XVIII 118) und 557 n. Chr., das [_Chronicon Paschale_] ([_ad ann._] 447) berichtet außerdem, dass die Stadtmauern beim Erdbeben von 447 n. Chr. in Mitleidenschaft gezogen wurden (vgl. zu diesem Beben auch XIV 22; zur Diskussion um mögliche Schäden an der theodosianischen Mauer Asutay-Effenberger 2007, 39–50).
3/5 ὑπὸ Κωνσταντίνου ... ὑπὸ Θεοδοσίου: ὑπὸ + Genitiv gibt nicht konkret den Namen des verantwortlichen ‚Baumeisters‘ an, sondern des Herrschers, auf dessen Wirkung bzw. Initiative die Baumaßnahme zurückzuführen ist: Vgl. ganz ähnlich IV 8 ἐγένετο ἐκκλησία τῆς ἁγίας καὶ θεοτόκου Μαρίας ὑπὸ Ζήνωνος βασιλέως, ferner Rüger 1895, 34–35.
4/10 ἐπέκεινα τοῦ Ἑβδόμου: Dies ist der einzige Beleg für das Adverb ἐπέκεινα in der Chronographia; ἐπέκεινα wird hier benutzt wie eine Präposition mit Genitiv: ‚jenseits von‘. Rüger 1895, 10–11 u. 18 bewertete auch diese isolierte ἐπέκεινα-Okkurrenz als eine Unregelmäßigkeit des letzten Buches und somit als einen weiteren Beweis zugunsten der von ihm vertretenen These des späteren und fremden Ursprungs dieses Buches. Für sich genommen vermag ἐπέκεινα wenig zu beweisen: Die präpositionale Verwendung dieses Adverbs ist nicht an sich anstößig oder spät bzw. ‚vulgärgriechisch‘ (siehe die Belege unter LSJ s.v. ἐπέκεινα I 1). Das Fehlen von ἐπέκεινα in den ersten siebzehn Büchern der Chronographia könnte auch zufällig sein, da das Wort nicht sonderlich häufig ist.
4f./2 καὶ ἐκκλησιῶν δὲ μέρη κατέπεσον, ἐξαιρέτως δὲ τὰ ἐπέκεινα τοῦ Ἑβδόμου: Die Darstellung konzentriert sich von hier ab auf Schäden im westlichen Umland Konstantinopels. Hebdomon (= „Siebtes“) lautet der Name eines sieben Meilen westlich des Milion (zentraler Meilenstein von Konstantinopel) gelegenen Vorortes am Marmarameer. Der Ort ging auf ein Militärlager zurück und war seit Valens (364 n. Chr.) Proklamationsort mehrerer Kaiser (vgl. Demangel 1945; ODB 2 [1991], 907, s.v. Hebdomon [C. Mango]; Külzer 2008, 391–395). Die Namen einiger betroffener Kirchen werden in Theoph. 231, 17–20 (auf die Chronographia zurückgehend?) konkretisiert: Namentlich nennt Theophanes die Kirche des heiligen Samuel, eine Kirche der Gottesmutter von Petalas sowie eine St. Vincent-Kirche, von denen jedoch nur die erstere außerhalb von Theophanes bekannt ist (vgl. Mango/Scott 1997, 340, Anm. 3–5 ). Da die Einstürze bei beiden Autoren ‚jenseits‘ (τὰ ἐπέκεινα) des Hebdomon lokalisiert werden und sich überdies ein großer Teil der Überlieferung speziell auf das noch weiter westlich gelegene Rhegion (XVIII 124, 6) bezieht, kann man das Epizentrum des Bebens wohl im Umland dieser beiden Orte suchen (vgl. dazu auch Ambraseys 2009, 208 der das Beben unmittelbar vor der Nordküste des Marmarameeres verortet). Theoph. 231, 27–28 ergänzt noch einen einzelnen Schadensfall in Konstantinopel, nämlich das Herabfallen einer Arcadiusstatue auf dem Forum Tauri (Theodosiusforum). Nicht erwähnt werden in hiesiger Stelle Schäden an der Hauptkirche von Konstantinopel, der Hagia Sophia. Der im Mai 558 erfolgte Einsturz ihrer Kuppel wird von ihm nachträglich auf Risse zurückgeführt, die durch eines oder mehrere Erdbeben – wahrscheinlich spezifisch das hier diskutierte Ereignis – entstanden seien: XVIII 128. Hier spielten aber offensichtlich architektonisch bedingte statische Probleme (ebenfalls) eine zentrale Rolle: XVIII 128, 2f..
5/3 ὁ κίων δὲ ὁ ὢν ἐν Σεκουνδιαναῖς: „Die Säule, die sich in Sekundianai befindet“ (Thurn/Meier 2009, 518f.). Sekundianai (Procop. Aed. I 11,16: Iucundianai) bezeichnet einen von Justinian errichteten Palast im Hebdomon (XVIII 114, 1f.). Die Säule kann möglicherweise mit einem bei Johannes Lydos erwähnten dortigen Standbild Justinians identifiziert werden (Joh. Lyd. mag. III 35 = 124, 10–12 Wünsch): Nach Ps. Dion. 126 Witakowski war das fragliche Monument von einer Statue eben dieses Kaisers bekrönt gewesen. Theophanes (231, 24–28 de Boor) ergänzt abermals zusätzliche Informationen: Demnach wurde die Säule nicht einfach zu Boden geschleudert, sondern bohrte sich acht Fuß tief in den Erdboden. Ähnlich äußern sich Ps. Dion. 126 Witakowski und Mich. Syr. 9,29 = 246 Chabot, denen zufolge die Säule zunächst in die Luft geschleudert wurde. Der gesamte Vorgang erinnert stark an das, was in XVIII 118, 4 über eine Statue auf dem Konstantinsforum berichtet wird – mit dem Unterschied, dass es an besagter Stelle nur um die Lanze einer (wohl auf einer Säule stehenden) Statue geht, während Theophanes und die syrischen Autoren gleich eine ganze Säule in den Boden sinken lassen wollen und so den Rahmen des physikalisch Möglichen zweifelsohne sprengen. Diese Zusätze (ob eigenständig hinzugefügt oder bereits aus der Chronographia entnommen, ist nicht zu entscheiden) unterstreichen den Eindruck, dass das Geschehen direkt durch Gott bewirkt wurde.
6/3 Ῥηγίου: Einleuchtende Korrektur von Chilmead 1691, II, 233 Anm. 2 für die überlieferte Schreibweise Ῥιγίου (mit Chilmead sowohl Dindorf 1831, 489 als auch Thurn 2000, 419). Der Name dieses damaligen Vorortes von Konstantinopel war sicherlich Ῥήγιον; davon zeugen z.B. Procop. Aed. IV 8 (4 Nennungen), Steph. Byz. ρ 23 Billerbeck/Neumann-Hartmann (Ῥήγιον, πόλις Ἑλληνίς) sowie Cedr. 416.1, 4 Tartaglia und Georg. Mon. 642, 16 de Boor (Parallelstellen zu diesem Erdbeben). In O liegt ein klarer itazistischer Fehler vor, genauso wie in der Parallelstelle bei Theophanes (Theoph. 231, 22 de Boor), die 'Ρήγειον liest. Rhegion ist ein an einer durch einen Kanal mit dem Marmarameer verbundenen Lagune ca. 20 km westlich von Konstantinopel gelegener Vorort, direkt an der Verbindungsstraße in Richtung Thessaloniki ([_Via Egnatia_]). Nach Prokops Bericht (Procop. aed. IV 8,5–17) wurde hier unter Justinian die Straße ausgebaut und eine Brücke angelegt. Aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage nahe der Hauptstadt ist Rhegion häufig als Schauplatz innerkonstantinopolitanischer Konflikte belegt (z.B. Begrüßung des Usurpators Phokas [602–610 n. Chr.] durch Anhänger der Grünen Partei). Zur Stadtgeschichte ODB 3 (1991), 1788, s.v. Rhegion (A. Kazhdan); Külzer 2008, 615–618.
Dass Rhegion, wie hier betont, besonders stark von dem Beben betroffen war („Ganz besonders viel brach von Rhegion ein“ – τοῦ δὲ Ῥηγίου πάνυ πολλὰ κατέπεσαν, Übs. Thurn/Meier 2009, 519), bestätigt auch der Befund in den weiteren Quellen: So hebt etwa auch Agathias (V 3,9) den Ort besonders hervor. Er spezifiziert in diesem Zusammenhang zudem, bei Rhegion handele es sich um den „Hafen“ (τό ἐπίνειον) von Konstantinopel: Daraus hat man geschlossen, dass gerade auch die dortigen Hafenanlagen durch das Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen wurden; sie scheinen allerdings bald wiederrichtet worden zu sein (Külzer 2008, 615). Theoph. 231, 22–24 äußert sich besonders drastisch zu den Zerstörungen in Rhegion: Ihm zufolge wurde die Stadt so stark zerstört, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen war. Auch hier bieten Ps. Dion. 126 Witakowski und Mich. Syr. 246 sehr Ähnliches. Theophanes fügt zudem abermals die Namen zweier zerstörter Kirchen hinzu (St. Stratonikos und St. Kallinikos), die Mango/Scott 1997, 340, Anm. 8 sonst unbekannt sei. St. Stratonikos wird aber auch in Verbindung mit dem barbarischen Anfall gegen Konstantinopel in der Chronographia und von Theophanes erwähnt: XVIII 129, 6f..
Dass Rhegion, wie hier betont, besonders stark von dem Beben betroffen war („Ganz besonders viel brach von Rhegion ein“ – τοῦ δὲ Ῥηγίου πάνυ πολλὰ κατέπεσαν, Übs. Thurn/Meier 2009, 519), bestätigt auch der Befund in den weiteren Quellen: So hebt etwa auch Agathias (V 3,9) den Ort besonders hervor. Er spezifiziert in diesem Zusammenhang zudem, bei Rhegion handele es sich um den „Hafen“ (τό ἐπίνειον) von Konstantinopel: Daraus hat man geschlossen, dass gerade auch die dortigen Hafenanlagen durch das Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen wurden; sie scheinen allerdings bald wiederrichtet worden zu sein (Külzer 2008, 615). Theoph. 231, 22–24 äußert sich besonders drastisch zu den Zerstörungen in Rhegion: Ihm zufolge wurde die Stadt so stark zerstört, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen war. Auch hier bieten Ps. Dion. 126 Witakowski und Mich. Syr. 246 sehr Ähnliches. Theophanes fügt zudem abermals die Namen zweier zerstörter Kirchen hinzu (St. Stratonikos und St. Kallinikos), die Mango/Scott 1997, 340, Anm. 8 sonst unbekannt sei. St. Stratonikos wird aber auch in Verbindung mit dem barbarischen Anfall gegen Konstantinopel in der Chronographia und von Theophanes erwähnt: XVIII 129, 6f..
6/6 κατέπεσαν: Dritte Person Plur. des starken Aorists des Verbes καταπίπτω, jedoch mit der α-Endung aus der schwachen (ersten) Aoristflexion. Das Eindringen der α-Endung in den starken Aorist ist ein sich über Jahrhunderte vollziehendes Phänomen gewesen, das bereits im klassischen Griechisch in Ansätzen vorhanden war (vgl. exemplarisch den Wechsel zwischen ἥνεγκον und ἥνεγκα); zur Position der Chronographia in dieser Entwicklung siehe Wolf 1911, 66 und Merz 1911, 33–35 mit Sammlung der relevanten Formen; ferner Festugière 1979, 239.
An sich wäre die hier überlieferte Form κατέπεσαν völlig akzeptabel. Etwas irritierend ist aber, dass nur zwei Zeilen davor κατέπεσον zu lesen ist (ἐκκλησιῶν δὲ μέρη κατέπεσον): In einem so kurzen Textabschnitt ist vielleicht Einheitlichkeit zu erwarten. Deshalb änderte Chilmead 1691, II, 234 κατέπεσαν in κατέπεσον, und wertete dabei die α-Form offenbar als eine spätere (mittel-)byzantinische Entwicklung. Dindorf 1831, 489 folgte Chilmead, während Thurn 2000, 419 dessen Vorschlag nur im Apparat erwähnt, seiner allgemeinen konservative Haltung bei (kleineren) textkritischen Problemen entsprechend.
An sich wäre die hier überlieferte Form κατέπεσαν völlig akzeptabel. Etwas irritierend ist aber, dass nur zwei Zeilen davor κατέπεσον zu lesen ist (ἐκκλησιῶν δὲ μέρη κατέπεσον): In einem so kurzen Textabschnitt ist vielleicht Einheitlichkeit zu erwarten. Deshalb änderte Chilmead 1691, II, 234 κατέπεσαν in κατέπεσον, und wertete dabei die α-Form offenbar als eine spätere (mittel-)byzantinische Entwicklung. Dindorf 1831, 489 folgte Chilmead, während Thurn 2000, 419 dessen Vorschlag nur im Apparat erwähnt, seiner allgemeinen konservative Haltung bei (kleineren) textkritischen Problemen entsprechend.
6f./7 πολλοὶ ἀπέθανον ἐν τοῖς συμπτώμασιν: Die Erwähnung von Todesopfern verbindet diese Passage mit XVII 16; XVIII 27; XVIII 112 und XVIII 118; insgesamt werden über die Bebenopfer nur selten Angaben gemacht; noch seltener werden konkrete Zahlen angegeben (XVIII 112, 5f.). Auch Agath. V 3,10–11 berichtet in seiner ausführlichen Darstellung des Bebens davon, dass es Todesopfer gegeben habe. Dabei unterscheidet er explizit zwischen „einfachen Leuten“ (ἄνθρωποι [...] τῶν πολλῶν) auf der einen sowie Würdenträgern und Senatsmitgliedern auf der anderen Seite. Von jenen seien viele ums Leben gekommen, von diesen nur einer, nämlich der Ex-Konsul Anatolios, dessen Tod bildreich geschildert und sogar in seiner theologischen Dimension diskutiert wird (Agath. V 4; dazu Meier 2004a, 406). Auch Theoph. 231, 28–29 de Boor, Ps. Dion. 126–127 Witakowski und Mich. Syr. 246 Chabot wiederholen den Hinweis auf die zahlreichen Todesopfer.
7f./2 τινὲς δὲ καὶ μεθ’ ἡμέρας ἐκ τῶν καταληφθέντων ὑπὸ τῶν συμπτωμάτων διεσώθησαν: Zur lebenden Bergung von Verschütteten, einem realistischen und gleichzeitig gerade in dramatisierenden Bebenberichten beliebten Motiv XVIII 118, 7f.. Im hiesigen Kontext kann man den Hinweis in Beziehung zu theologischen Debatten setzen, wie sie sich etwa bei Agath. V 4 (mit skeptischer Position gegenüber der Idee der göttlichen Gerechtigkeit) abzeichnen. Theoph. 231, 29–31 de Boor spezifiziert den Zeitraum, nach welchem die Verschütteten gerettet wurden, mit zwei oder drei Tagen: Die Dopplung μεθ' ἡμέρας ... μετὰ δύο καὶ τρεῖς ἡμέρας könnte darauf hindeuten, dass es sich um eine nachträgliche Ergänzung handelt. Zu μεθ’ ἡμέρας, „nach einigen Tagen“: VI 3, 22.
8/9 ἐν ταῖς ἔξω πόλεσιν: „in den außerhalb liegenden Städten“. Zur Verwendung von ἔξω in der Chronographia: II 11, 43. Dies ist der einzige Beleg für ἔξω in der Funktion und an der Stelle eines attributiven Adjektivs, zwischen Artikel und Bezugsnomen: vgl. für diese Konstruktion die Belege in LSJ s.v. ἔξω I 2, z.B. Thuc. I 68 τὰ ἔξω πράγματα „die auswärtigen Geschäfte“. ἐν ταῖς ἔξω πόλεσιν entspricht dem Sinn nach etwa der adjektivischen Formulierung ἐν ... ταῖς ἐξωτικαῖς πόλεσιν in XVIII 42.
Welche weiteren Städte im Umland von Konstantinopel neben Rhegion und dem Hebdomon noch von dem Beben getroffen worden sein könnten, ist unsicher. Guidoboni/Comastri/Traina 1994, 344 diskutieren unter Verweis auf Vita Sym. Iun. 106 = 86/108–109 van den Ven, ob das Beben auch in Nikomedia, Nizaea und in Städten nahe Illyrien Schäden anrichtete, die hier ohne präzise Datierung mit einem Beben in Konstantinopel und Rhegion in Verbindung gebracht werden. Vgl. bereits den Kommentar von Van den Ven+1970, 108, Anm. 1, der den Verweis darauf, dass das Beben sich in der Nacht ereignet hatte, mit Agath. V 3,3 parallelisiert (vgl. zum Zeitpunkt des Bebens auch XVIII 124, 1). Dagegen Ambraseys 2009, 209, der zu Recht auf das Fehlen von Hinweisen auf Nikomedia, Nizaea oder Illyrien in den zeitgenössischen Quellen hinweist und die Vermutung äußert, dass hier mehrere Ereignisse zusammengelegt wurden.
Welche weiteren Städte im Umland von Konstantinopel neben Rhegion und dem Hebdomon noch von dem Beben getroffen worden sein könnten, ist unsicher. Guidoboni/Comastri/Traina 1994, 344 diskutieren unter Verweis auf Vita Sym. Iun. 106 = 86/108–109 van den Ven, ob das Beben auch in Nikomedia, Nizaea und in Städten nahe Illyrien Schäden anrichtete, die hier ohne präzise Datierung mit einem Beben in Konstantinopel und Rhegion in Verbindung gebracht werden. Vgl. bereits den Kommentar von Van den Ven+1970, 108, Anm. 1, der den Verweis darauf, dass das Beben sich in der Nacht ereignet hatte, mit Agath. V 3,3 parallelisiert (vgl. zum Zeitpunkt des Bebens auch XVIII 124, 1). Dagegen Ambraseys 2009, 209, der zu Recht auf das Fehlen von Hinweisen auf Nikomedia, Nizaea oder Illyrien in den zeitgenössischen Quellen hinweist und die Vermutung äußert, dass hier mehrere Ereignisse zusammengelegt wurden.
9/8 ἀπειλὴ: Mit der Bedeutung ‚Unheil‘ und im Bezug auf Naturereignisse bzw. Naturphänomene kommt ἀπειλή in der Chronographia neben dieser Stelle auch noch in XVII 16 (Z. 33: Antiochiabeben 526 n. Chr.) und XVIII 127 (Pestausbruch) vor; sonst ohne Bezug auf (Natur-)Katastrophen und mit der üblichen Bedeutung ‚Drohung‘ in V 37 (ἐκφυγόντος τὴν τοιαύτην ἀπειλήν) und XVIII 52 (ἅλλα πολλὰ ἀπειλῆς πεπληρωμένα).
9f./4 ἡ δὲ αὐτὴ φοβερὰ ἀπειλὴ ἐπεκράτησεν ἐπὶ ἡμέρας δέκα: Dass Erdbeben über einen längeren Zeitraum anhielten, wird in der Chronographia nur zwei Mal berichtet, nämlich hier und in XVIII 118 (40 Tage). Zu den möglichen Implikationen dieser Auffälligkeit XVIII 118, 8. Auf die mehrtägige Dauer der Beben verweist auch Agathias (V 5,1). Theophanes gibt die Dauer ebenfalls mit zehn Tagen an und betont an derselben Stelle, keiner in der damals lebenden Generation habe sich an ein derart schweres Erdbeben erinnern können (231, 32–34); diesen Superlativ wiederholt Ps. Dion. 127 Witakowski. Die Dauer der Erschütterungen steigert sich bei ihm auf 20 Tage (vgl. Mich. Syr. 246 Chabot mit ähnlichen Formulierungen, aber 10 Tagen).
10/4 πρὸς ὀλίγον: „Für kurze Zeit“. Rüger 1895, 12 (f) u. 31 argumentiert, dass die adverbiale Verwendung des Akkusativs Neutrum ὀλίγον mit der Präposition πρός eine auf das letzte Buch beschränkte Verwendung ist (noch einmal anzutreffen in XVIII 121 πρὸς μὲν ὀλίγον ἐστενώθησαν οἱ ἄνθρωποι), und somit unregelmäßig. Auch das sollte laut Rüger – wie alle anderen von ihm gesammelten Indizien – den späteren und fremden Ursprung dieses Buches beweisen. πρός ist tatsächlich eine der wenigen Präpositionen, die im ausführlichen LSJ-Verzeichnis der idiomatischen präpositionalen Verwendungen von ὀλίγος (LSJ s.v. ὀλίγος IV ‚special phrases‘) fehlt. Allerdings lässt sich πρὸς ὀλίγον in der Bedeutung ‚für kurze Zeit, eine beschränkte Zeit lang‘ in der griechischen Prosa bereits vor der Chronographia finden: vgl. Diog. Laert. V 38 πρὸς ὀλίγον ἀπεδήμησε καὶ οὗτος; Hdn. VII 6, 2 ὠς ὅψιν καὶ τύχην ἕχειν πρὸς ὀλίγον; aus der Bibel auch Iac. 4. 14 ἡ [scil. ζώη] πρὸς ὀλίγον φαινομένη. Der reguläre Usus nimmt freilich explizit auch das Substantiv χρόνον dazu.
Wie üblich mit den Argumenten von Rüger, ist auch dieser Befund für sich genommen nicht ausschlaggebend und kann, wenn überhaupt, nur in der Summe eine gewisse Beweiskraft beanspruchen. Bereits Patzig 1896, 352–353 hatte gegen Rüger darauf hingewiesen, dass in II 6 πρὸς μικρόν einmalig und mit der Bedeutung ‚für kurze Zeit‘ vorkommt (ἔμειναν ἐκεῖ πρὸς μικρόν): Wenn man mit Rügers Maßstab misst, so Patzig, dann wäre auch Buch II wegen πρὸς μικρόν als unregelmäßig und davon ausgehend als spät bzw. fremd einzustufen – was natürlich nicht der Fall ist.
Wie üblich mit den Argumenten von Rüger, ist auch dieser Befund für sich genommen nicht ausschlaggebend und kann, wenn überhaupt, nur in der Summe eine gewisse Beweiskraft beanspruchen. Bereits Patzig 1896, 352–353 hatte gegen Rüger darauf hingewiesen, dass in II 6 πρὸς μικρόν einmalig und mit der Bedeutung ‚für kurze Zeit‘ vorkommt (ἔμειναν ἐκεῖ πρὸς μικρόν): Wenn man mit Rügers Maßstab misst, so Patzig, dann wäre auch Buch II wegen πρὸς μικρόν als unregelmäßig und davon ausgehend als spät bzw. fremd einzustufen – was natürlich nicht der Fall ist.
10f./3 καὶ πρὸς ὀλίγον κατενύγησαν οἱ ἄνθρωποι λιταῖς καὶ δεήσεσι προσκαρτεροῦντες ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ: Bittprozessionen gehören zu den typischen Reaktionen der (früh-)byzantinischen Bevölkerung auf Erdbeben und andere Katastrophen. Vgl. zu diesem Phänomen und seinem regelmäßigen Auftauchen in der Chronographia XVIII 55, 1f.. Auffällig ist in diesem Fall, dass die nur kurze Dauer der religiösen Besinnung hervorgehoben wird. Dabei wird offenbar auf den zehntägigen Zeitraum der Nachbeben abgehoben. Ganz ähnlich, aber deutlich ausführlicher und dadurch instruktiver äußert sich Agathias (V 5, 6) zu diesem Sachverhalt: Er betont, die Menschen hätten ihren Lebenswandel nur so lange verändert, wie die Erinnerung an das bedrohliche Ereignis noch frisch gewesen sei; es handele sich deshalb nicht um einen echten Sinneswandel, sondern nur um „a few reluctant and perfunctory concessions to the ideal of charity“ (τῶν μὲν οὖν ἀγαθῶν ἔργων οὕτω δή τι πρὸς ἀνάγκης ἀπογευόμεθα; Übs. Frendo 1975, 141; vgl. dazu Meier 2004a, 409 mit Verweis auf ein ähnliches Motiv bei der Beschreibung der Pest von 542 in Procop. BP II 23,13–16). Auch Theoph. 232, 1–2 betont, die Menschen seien nach einiger Zeit zu ihren schlechten Gewohnheiten zurückgekehrt.
Um die mit dem Erdbeben verbundenen, offenbar als heilsam angesehenen Schrecken in Erinnerung zu halten, wurde für dieses wie schon für andere Beben ein Gedenktag in den liturgischen Kalendern verankert, an dessen Morgen eine durch den Patriarchen angeführte Prozession stattfand: Vgl. Syn. Eccl. Const. 308,29–32; Typicon I 130,13–24; dazu Croke 1981, 124f.; vgl. schon XVIII 124, 1.
Um die mit dem Erdbeben verbundenen, offenbar als heilsam angesehenen Schrecken in Erinnerung zu halten, wurde für dieses wie schon für andere Beben ein Gedenktag in den liturgischen Kalendern verankert, an dessen Morgen eine durch den Patriarchen angeführte Prozession stattfand: Vgl. Syn. Eccl. Const. 308,29–32; Typicon I 130,13–24; dazu Croke 1981, 124f.; vgl. schon XVIII 124, 1.
11/2 προσκαρτεροῦντες: Thurn 2000, 520 verzeichnet diese (und nur diese) Okkurrenz des Verbes προσκαρτερέω in seinem Index verborum memorabilium: und glossiert mit „me dedi“. προσκαρτερέω kommt in der [_Chronographia_] bereits in VI 14 vor, ebenfalls mit Dativ: τρεῖς δὲ αὔτη ([_scil._] Judith) προσκαρτερήσασα αὐτῷ ([_scil._] Holofernes) ἡμέρας – eine Stelle, deren Sinn durch die Übersetzung von LSJ s.v. προσκαρτερέω 2 „adhere firmly to a man“ gut erfasst wird (vor der Ermordung bleibt Judith drei Tage [und Nächte] allein bei und mit Holofernes); für vorliegende Stelle eignet sich hingegen die erste LSJ-Übersetzung für προσκαρτερέω, „persist obstinately in“.
11f./6 ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς Ἰουστινιανὸς οὐκ ἐφόρεσε στέμμα ἐπὶ ἡμέρας τριάκοντα: Die Reaktion des Kaisers gehört zu den Elementen, die in den Katastrophenbeschreibungen in der Chronographia am häufigsten begegnen. Dabei stehen insbesondere in den früheren Büchern materielle Zuwendungen im Vordergrund; in den Katastrophenbeschreibungen ab XVIII 55 werden entsprechende Hinweise allerdings insgesamt seltener (XVIII 93, 2; XVIII 112, 10ff.). Die ostentative Trauer und Anteilnahme durch den Kaiser wird in der Chronographia vergleichsweise selten erwähnt (vgl. die ausführliche Schilderung der Reaktion des Justin auf das Beben von 526 in Antiochia: XVII 16). Die aufrichtige Anteilnahme des Kaisers, vielleicht sogar das Vergießen von Tränen, werden jedoch bereits früheren Kaisern wie Marc Aurel und Julian als besonders vorbildliche Reaktion attestiert (vgl. dazu Hostein 2006). Die hier geschilderte Reaktion (Ablegen des Kronreifes für 30 Tage) wird von Theophanes wiederholt, der allerdings 40 statt 30 Tage angibt. Darüber hinaus ergänzt er weitere pietätvolle Handlungen, darunter Spenden an die Armen (231, 2–6 de Boor). Agathias, der in seinem Bericht (V 3–5) sonst ganz ähnliche Punkte anspricht, thematisiert die Reaktion des Kaisers hingegen gar nicht. Der Vergleich bezeugt abermals die typische Schwerpunktsetzung in der Chronographie, in deren Darstellung das kaiserliche Handeln immer wieder ein zentraler Referenzpunkt ist.
12/2 ἐφόρεσε: Indikativ Aorist von φορέω, mit kurz bleibenden Stammvokal wie bereits in Autoren der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, vgl. z.B. Ael. Arist. XLVIII 80 Keil ἐφόρεσα δὲ καὶ ἱμάτιον und ferner Merz 1911, 20 und Festugière 1979, 230 mit Hinweisen auf weitere Stellen in der Chronographia.
Parallelüberlieferung
Griechisch: Agath. V 3–5; Theoph. 231,14–232,6 de Boor; Georg. Mon. 642, 12–22 de Boor; Cedr. 416.1, 1–10 Tartaglia; Syn. Eccl. Const. 308,29–32; Typicon I 130,13–14; Cramer Anecd. II 113,31–114,9; Zon. 14,9,6.
Syrisch: Ps. Dion. 126 Witakowski; Mich. Syr. 9,29 (S. 353 Moosa).
Literatur
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