Malalas 18.39

Inhalt

Mal. XVIII 39 beschreibt die Neukonstituierung einer Provinz durch Justinian. Dieser trennte von der Provinz Syria I die Städte Laodikeia, Gabala und Paltos ab und gliederte aus der Syria II die Stadt Balaneia aus, um diese Städte mitsamt ihren Territorien zur neuen Provinz Theodorias zu vereinen. Laodikeia wurde Hauptstadt der neuen Provinz und hatte den Status einer Metropole.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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δὲ αὐτὸς βασιλεὺς ἀπεμέρισεν ἀπὸ Ἀντιοχείας τῆς πρώτης Συ-
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ρίας Λαοδίκειαν καὶ Γάβαλα καὶ Πάλτον τὰς πόλεις, καὶ ἁπὸ Ἀπαμείας
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τῆς δευτέρας Συρίας Βαλανέας πόλιν, καὶ ἐποίησεν ἐπαρχίαν, ἥντινα
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ἐπωνόμασεν Θεοδωριάδα, δοὺς αὐτῇ καὶ μητροπολιτικὸν δίκαιον. τὸν δὲ
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ἐπίσκοπον Λαοδικείας οὐκ ἐλευθέρωσεν τοῦ ὑποκεῖσθαι τῷ πατριάρχῃ
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τῆς Ἀντιοχέων πόλεως.
Philologisch-Historischer Kommentar
1f./1 Ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς ἀπεμέρισεν ἀπὸ Ἀντιοχείας τῆς πρώτης Συρίας Λαοδίκειαν καὶ Γάβαλα καὶ Πάλτον τὰς πόλεις: Die erste Neuordnung betrifft Syria I mit einer Ausgliederung der Städte Laodikeia, Gabala und Paltos. Erwähnungen solcher Neuordnungen bzw. Neueinrichtungen von Provinzen finden sich mehrfach bei Malalas: Insgesamt 30 Fälle führt er in den Büchern IX bis XVIII auf (vgl. die Liste bei Métivier 2006, 172) und stellt damit eine der wenigen Quellen dar, die diese Fälle von administrativer Durchdringung alter und neuer Reichsteile überhaupt nennt. Die bisherige Forschung hat bei der Datierung administrativer Maßnahmen Malalas jedoch häufig außer acht gelassen, wie Métivier 2006, 155f. darlegen konnte. Die Angaben zu Einrichtungen von Provinzen folgen bei Malalas einem immer gleichen Schema mit der Nennung des Herrschers, des Aktes der Neueinrichtung und der Modalitäten der Neukonstituierung (z.B. der Hinweis, dass die neue Provinz in Teilen aus Städten anderer Provinzen besteht), der Nennung des Namens der neuen Provinz, der Nennung von besonderen Auszeichnungen wie die Verleihung des Stadtrechtes o.ä. und manchmal der Erwähnung eines Zuständigen für die Provinz, vgl. im Detail Métivier 2006, 157ff. Die Ausführungen des Malalas lassen den Leser erkennen, dass es sich bei der Neukonstituierung von Provinzen um ein „prérogative impériale“ (Métivier 2006, 159) handelt, was einmal mehr die kaiserliche Blickrichtung unterstreicht, aus der heraus dem Leser das Sujet der Chronik präsentiert wird.
Als von Änderungen betroffene Städte werden genannt:
2/4 Γάβαλα: Zur Stadt allgemein: XV 4, 2. Die Zugehörigkeit zur Provinz Theodorias belegt, neben der Chronographia, auch Georg. Cypr. 886–890 (S. 63 Honigmann). (Florian Battistella)
2/6 Πάλτον: Paltos war eine kleine Ortschaft in Syrien an der Küste südlich von Laodikeia, an der Straße von Laodikeia über Orthosias nach Berytos zwischen Gabala und Balaneia gelegen (vgl. Strabon XVI 753 sowie Plinius naturalis historia V 79). Hier befand sich das Lager des Cassius während der Belagerung Laodikeias durch P. Cornelius Dolabella 43 v. Chr. (vgl. Cicero Fam. XII 13). In byzantinischer Zeit war es Bischofssitz und gehörte den Ausführungen in diesem Kapitel zufolge seit 529 zur Provinz Theodorias. Bereits in den 30er Jahren des 7. Jahrhunderts wurde es jedoch durch Araber zerstört, vgl. Spuler 1949, 280f.
2/11 Ἀπαμείας: Vgl. hierzu den Kommentar ad Malal. XVIII 8 sowie denjenigen zur Stadtgeschichte Antiocheias ad Malal. XVIII 27): Bei Apameia handelt es sich um eine syrische Stadt am Orontes (beim h. Qal‛at al-Mudik), eine der Metropolen des Seleukidenreiches. Der ursprüngliche Name Pharnake wurde von den Makedonen zwischenzeitlich in Pella, von Seleukos Nikator nach dem Namen seiner Gattin in Apameia geändert. Apameia war Hauptstadt der syrischen Landschaft Apamene und später von Syria II. Sie zählte zu den Zentren seleukidischer Macht und verfügte über ein sehr wehrfähiges Kastell, das schließlich von Pompeius zerstört wurde. In der Spätantike gewann Apameia vor allem als christliche Stadt an Bedeutung. Unter Justinian wurde sie neu befestigt, nachdem sie sich 540 kampflos den Persern unter Chosroes I. ergeben hatte, vgl. Malal. XVIII 87 sowie Procop. Pers. II 11. Nach ihrer weitgehenden Zerstörung durch Chosroes II im 7. Jh. spielte Apameia in der Nachfolgezeit keine große Rolle mehr; vgl. dazu Benzinger 1894, 2663–2664.
2f./9 καὶ ἁπὸ Ἀπαμείας τῆς δευτέρας Συρίας Βαλανέας πόλιν: Aus der Provinz Syria II, deren Hauptstadt Apameia war, gliederte Justinians die Stadt Balaneia aus.
3/1 τῆς δευτέρας Συρίας: Zu Syria II vgl. die Ausführungen weiter oben sowie den Kommentar ad Malal. XVIII 32): Diese Provinz wurde 415 n. Chr. nach einer Aufteilung von Syria Coele in zwei Teile eingerichtet: Syria Prima mit der Hauptstadt Antiocheia und Syria Secunda mit der Hauptstadt Apameia.
3/4 Βαλανέας: Bei dieser Stadt handelt es sich um die südlichste Küstenstadt der Provinz Syria, die früher zum Gebiet von Arados gehörte (vgl. Strabon XVI 753). Die Stadt lag der Beschreibung des Plinius zufolge an der Grenze zwischen Syria Coile und Phoinike (vgl. Plinius naturalis historia V 79). In der hier beschriebenen Aktion Justinians wird diese Stadt von Syria II gelöst und der neuen Provinz Theodorias zugeschlagen. Zur Stadtgeschichte vgl. Benzinger 1896, 2816f.
3/9 ἥντινα: ἥντινα steht bei Malalas in über einem Drittel der Fälle mit Verben des Benennens, vgl. Weierholt 1963, 29. (Fabian Schulz)
3f./6 καὶ ἐποίησεν ἐπαρχίαν, ἥντινα ἐπωνόμασεν Θεοδωριάδα, δοὺς αὐτῇ καὶ μητροπολιτικὸν δίκαιον: Die neu eingerichtete Provinz benannte Justinian wohl nach seiner Ehefrau Theodora (PLRE IIIB (Theodora 1), 1240f.; zu ihrer Person vgl. den Kommentar ad Malal. XVIII 24) Theodorias. Die einschlägige Fachliteratur verlegt die Einrichtung der Provinz Theodorias in das Jahr 528, obwohl sie der Darstellung und den Zeitangaben des Malalas folgend eigentlich in das Jahr 529 zu datieren ist, vgl. Honigmann 1934, 1803f. sowie Mango 1991b, 2049. In XVIII 31 hatte Malalas bereits über die Umbenennung einer Stadt in Θεοδωριάs berichtet, vgl. den Kommentar ad XVIII 31,2. Die Provinz Theodorias hatte in der hier beschriebenen Form noch im 7. Jh. bestand, wie Georgios Kyprios bezeugt (descriptio orbis Romani 886–890).
4/2 Θεοδωριάδα: Zur Etymologie: XVIII 31, 2. (Fabian Schulz)
4/4 αὐτῇ: Thurn verweist im Apparat auf eine Parallelstelle, die nahelegt, dass αὐτῇ mit Laodikeia zu verbinden ist. Denn Georgios Kyprios bezeugt, dass Laodikeia die Metropolis war, die über Paltos, Balaneai und Gabala stand (descriptio orbis Romani 886–890). (Fabian Schulz)
4/6 μητροπολιτικόν δίκαιον: μητροπολιτικόν δίκαιον bezeichnet im Singular und im Plural das Metropolrecht. Dieser Ausdruck erscheint zuerst bei Sozomenos, der über einen Streit der Bischöfe von Jerusalem und Kaisareia περὶ μητροπολιτικῶν δικαίων berichtet (IV 25,2,2). Euagrios bezeugt die Verleihung von μητροπολιτικὰ δίκαια an Chalkedon durch Kaiser Markian (HE 92,4). Die Akten des Konzils von Chalkedon erwähnen einen Brief von Valentinian I. und Valens, der Nikaia τὸ μητροπολιτικὸν δίκαιον verliehen habe (ACO, Concilium universale Chalcedonense 2,1,3.61.30). Auch Justinian spricht in zwei Novellen vom Metropolrecht. Novelle 31, die die Neuorganisation der Provinz Armenien darlegt (536), hält fest: „Aber in Sachen Priesterschaft, über die wir oft gesprochen haben, soll alles beim Alten bleiben: Weder beim Metropolrecht noch bei Ordinationen soll es irdendeine Änderung oder Neuerung geben“ – Τὰ μέντοι περὶ τὰς ἱερωσύνας, καθὰ πολλάκις εἰρήκαμεν, μένειν κατὰ τὸ πρότερον βουλόμεθα σχῆμα, οὐδὲν οὔτε περὶ τὸ μητροπολιτικὸν δίκαιον οὔτε περὶ τὰς χειροτονίας τοῦ πράγματος ἀμειβομένου ἢ καινιζομένου (Iust. Nov. 31,2). Novelle 131 aus dem Jahr 545 setzt erst die Rechte des Erzbischofs im neugegründeten Iustiniana Prima fest und bestätigt dem Erzbistum im zurückeroberten Karthago die alten Rechte. Dann heißt es: „Und die anderen Städte und ihre Bischöfe, denen in verschiedenen Orten Metropolrecht verliehen wurde, sollen für immer solche Vorrechte genießen“ – καὶ αἱ ἄλλαι δὲ πόλεις καὶ οἱ τούτων ἐπίσκοποι, οἷς ἐν διαφόροις τόποις μητροπολιτικὸν δίκαιον παρεσχέθη, τοῦ τοιούτου προνομίου εἰς τὸ διηνεκὲς ἀπολαυέτωσαν (Iust. Nov. 131,4). Bistümer in Metropolen genossen also besonderen Schutz. Zum spätantiken Stadtrecht: XVIII 31, 3. (Fabian Schulz)
4f./8 τὸν δὲ ἐπίσκοπον Λαοδικείας οὐκ ἐλευθέρωσεν τοῦ ὑποκεῖσθαι τῷ πατριάρχῃ τῆς Ἀντιοχέων πόλεως: Der Bischof der Stadt Laodikeia wurde nicht freigestellt, sondern unterstand weiterhin dem Patriarchen von Antiocheia. In diesem Satz steckt eine wichtige Information zum Status der neu eingerichteten Provinz: während es im Normalfall üblich gewesen wäre, Laodikeia als Metropolis die ihr territorial unterstellten Bistümer aus Syria I und II (Gabala, Paltus und Balanaia) auch kirchlich zu unterstellen, blieben diese einschließlich der Metropolis selbst der kirchlichen Hierarchie der Provinzen Syria I und II unterstellt. Theodorias kann folglich als eine weltliche, jedoch nicht als eine Kirchenprovinz angesehen werden (vgl. Honigmann 1934, 1803f. sowie Mango 1991b, 2049).
5/3 οὐκ ἐλευθέρωσεν τοῦ ὑποκεῖσθαι: Nach Verben „verhindern“, „aussetzen“, „befreien“ und „aufhören“ steht bei Malalas häufig ein substantivierter Infinitiv im Genitivus separativus, vgl. Weierholt 1963, 51. (Fabian Schulz)
Parallelüberlieferung
Georgius Cyprius descriptio orbis Romani 886–890
Literatur
Benzinger (1894): Benzinger, Immanuel: s.v. Apameia, RE, 1894, 2663–2664.
Benzinger (1896): Benzinger, Immanuel: s. v. Balanaia, RE, 1896, 2816–2817.
Honigmann (1924): Honigmann, Ernst: s.v. Laodikeia am Meere, RE, 1924, 713–718.
Honigmann (1932): Honigmann, Ernst: s.v. Syria, RE, 1932, 1549–1727.
Honigmann (1934): Honigmann, Ernst: s.v. Theodorias, RE, 1934, 1803–1804.
Jones (1971): Jones, Arnold H.M.: The Cities of the Eastern Roman Provinces, Oxford, 1971.
Mango (1991b): Mango, Marlia M.: s.v. Syria, The Oxford Dictionary of Byzantium, 1991, 1997–2000.
Mango (1991c): Mango, Marlia M.: s.v. Theodorias, Oxford Dictionary of Byzantium, 1991, 2049.
Métivier (2006): Métivier, S.: La création des provinces romaines dans la chronique de Malalas, Recherche sur la Chronique de Jean Malalas II, 2006, 155–172.
Nabhani (2009): Nabhani, Omar: Städte Syriens im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, Freiburg, 2009.
Sauvaget (1934): Sauvaget, Jean: Le plan de Laodicée-sur-Mer, Bulletin des études orientales, 1934, 81–114.
Seyrig (1970): Seyrig, Henri: Séleucus I et la fondation de la monarchie syrienne, Syria, 1970, 290–311.
Spuler (1949): Spuler, B.: s.v. Paltos, RE, 1949, 280–281.
Weierholt (1963): Weierholt, Kristen: Studien im Sprachgebrauch des Malalas, Oslo, 1963.