Malalas 15.4

Inhalt

Mal. XV 4 berichtet über ein Erdbeben, das Gabala in der Syria I traf, und die Reaktion des Basiliskos hierauf: Er gewährt 50 Litren Gold.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας Βασιλίσκου καὶ Μάρκου τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ
2
ἔπαθεν ὑπὸ θεομηνίας πόλις τῆς πρώτης Συρίας ὀνόματι Γάβαλα μηνὶ
3
γορπιαίῳ εἰς τὸ αὖγος· καὶ ἐχαρίσατο τῇ αὐτῇ πόλει ὁ βασιλεὺς Βασι-
4
λίσκος εἰς ἀνανέωσιν χρυσίου λίτρας νʹ.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας Βασιλίσκου καὶ Μάρκου τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ: Mit Formulierungen wie der vorliegenden wird in der Chronographia gerne die Hinwendung zu einem neuen Thema angekündigt, wobei das vorliegende Ἐπὶ δὲ τῆς (αὐτοῦ) βασιλείας gerade in Buch XV besonders präsent ist: XV 4, 1. Im vorliegenden Fall ist darüber hinaus auffällig, dass von der βασίλεια des Basiliskos (und des Markus) gesprochen wird, denn in der Forschung wird Basiliskos in der Regel als Usurpator angesehen (vgl. e.g. Begass 2018, 307; 309; Brennecke 1998, 37--39; Feld 2005, 244; 249 u.ö.). Da Basiliskos durch die Kaiserin an die Macht kam (s. Mal. XV 3), kann man allerdings durchaus die Ansicht vertreten, es handele sich bei ihm um einen legitimen Kaiser. Die Wortwahl belegt somit eine kaiserzentrierte, legitimistische Perspektive der Chronographia, auf die auch Alpi 2006 speziell für Zenons und Anastasius' Regierungszeiten hinweist. Die Bezeichnung Basiliskos' als Kaiser ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der Chronographia. Auch Malchus fr. 3 (416 Blockley) = Suda Β 164 Adler spricht von ihm als oströmischem Kaiser (generell zur späteren Bewertung des Basiliskos: Blaudeau 2003, 171--185). Zu Basiliskos' Leben: XIV 44, 3; zu seinem Sohn Markus: XV 3, 9. (Florian Battistella)
1/1 Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας Zehn der insgesamt 16 von Thurn festgelegten Abschnitte in Buch XV beginnen mit einem präpositionalen Ausdruck, wie ein Blick auf die Anfänge zeigt:

  1. Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν ...
  2. Μετὰ δὲ δύο ἔτη καὶ μῆνας δέκα ...
  3. Καὶ μετὰ τὸ φυγεῖν Ζήνωνα τὸν βασιλέα ...
  4. Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας ...
  5. Καὶ ἐπανῆλθε Ζήνων ...
  6. Καὶ ἐβασίλευσε Ζήνων ...
  7. Ἐπὶ δὲ τῆς τοῦ Ζήνωνος βασιλείας ...
  8. Ἐπὶ δὲ τῆς Ζήνωνος βασιλείας ...
  9. Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας ...
  10. ˂Ἢ˃ μόνον δὲ ῥὴξ Ῥώμης ἐγένετο ...
  11. Ἐπὶ δὲ τῆς βασιλείας Ζήνωνος ...
  12. Ἐν δὲ τῇ βασιλείᾳ τοῦ αὐτοῦ Ζήνωνος ...
  13. Ἡ δὲ βασίλισσα Ἀριάδνη ...
  14. Καὶ γνοὺς Ζήνων ὁ βασιλεὺς ...
  15. Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας ...
  16. Ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς Ζήνων ...
Auch in anderen Büchern markieren Konstruktionen mit Präpositionen häufig den Beginn eines Abschnitts, sodass die eingangs gemachte Feststellung zunächst nicht überrascht. Besonders Konstruktionen mit dem Wörtchen ἐν sind ein häufiges Phänomen, denn man findet sie in Wendungen wie ἐν δὲ τῷ αὐτῷ χρόνῳ oder ἐν δὲ τῇ αὐτοῦ βασιλείᾳ (vgl. nur Mal. XVI 11; 14; 15; 17; Mal. XVII 11; 12; 14; 15; Mal. XVIII 4; 6; 7; 9). In Buch XV kommt ein solcher Ausdruck mit der Präposition ἐν jedoch nur einmal vor (Mal. XV 12). Auch die sonst häufige (allerdings keine Präposition enthaltende) Verbindung Ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς (dazu u.a.: XVI 3, 19) kommt in Buch XV nur einmal vor (Mal. XV 16), sodass von den verbreiteten Einleitungsformulierungen für Ereignisse innerhalb der Regierungszeit eines Kaisers nur ἐπὶ δὲ τῆς βασιλείας bleibt. Durch diese werden sechs der 16 Abschnitte einleitet, was im Vergleich mit den umliegenden Büchern häufig ist, denn Buch XV wird hinsichtlich der absoluten Häufigkeit der Formulierung aus dieser Gruppe nur durch Buch XIV mit zwölf Fällen übertroffen. Da dieses Buch jedoch aus 47 Abschnitten besteht, fällt der Anteil der mit der Wendung ἐπὶ δὲ τῆς βασιλείας beginnenden Abschnitte dennoch mit etwa 25,6% gegenüber 37,5% deutlich niedriger aus. Auch wenn man eine Inkonsequenz Thurns (XIV 35, 4) berücksichtigt und 13 Fälle auf 48 Abschnitte für Buch XIV als Vergleichswert heranzieht, bleibt der modifizierte Wert von gerundet 27,1% gegenüber dem von Buch XV zurück. Noch geringere Prozentsätze ergeben sich bei einer Betrachtung der Bücher XIII (fünf Fälle bei 49 Abschnitten, leicht über 10%; Thurns Texteinteilung ist jedoch inkosenquent: XIII 11, 2; XIII 36, 4), XVI (zwei Fälle bei 22 Abschnitten, knapp über 9%), XVII (zwei Fälle bei 23 Abschnitten, etwa 8,5%). In Buch XVIII kann man die Wendung völlig vernachlässigen, selbst wenn ein Teil des Buches rekonstruiert ist (zwei sichere Fälle bei vielleicht 144 Abschnitten wären weniger als 1,5%). (Florian Battistella)
2/1 ἔπαθεν ὑπὸ θεομηνίας: Klassische Formel des Autors zur Angabe von Erdbeben, verwendet bis einschl. XVIII 40 (dazu: VII 18, 3). (Florian Battistella)
2/4 πόλις τῆς πρώτης Συρίας ὀνόματι Γάβαλα: In der Spätantike eine Hafenstadt von überschaubarer Größe, etwas über 20 km südöstlich von Laodikeia (dazu: XVIII 39, 2), heute Ǧabla ( Kartenansicht). Zum hier beschriebenen Zeitpunkt Teil der Provinz Syria Prima (dazu: XVIII 32, 2f.), gehörte Gabala später zur Provinz Theodorias (dazu: XVIII 39, 2). Der Ort ist erstmals für die zweite Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. belegt; die antiken Überreste, darunter ein (wohl römisches) Theater, stammen vornehmlich aus Hellenismus und Kaiserzeit.

Das ab 324/325 bezeugte Bistum Gabala war vermutlich nicht miaphysitisch; allgemein scheint es in der Regel der kaiserlichen Religionspolitik gefolgt zu sein. Ein Bischof von Gabala namens Severianus wird in einer Passsage der Fragmenta Tusculana erwähnt, die Thurn 2000, 270 als Mal. XIII 45a seiner Edition erfasst hat.

Lit.: Todt/Vest 2014, 1740--1177; Klengel 1971, 120; Benzinger, RE 7,1 (1910), 425 s.v. Gabala 5. (Florian Battistella)
2/10 μηνὶ γορπιαίῳ: Dazu: XIV 36, 2. (Florian Battistella)
3/6 ἐχαρίσατο τῇ αὐτῇ πόλει ὁ βασιλεὺς Βασιλίσκος εἰς ἀνανέωσιν χρυσίου λίτρας ν’ Zuwendungen durch römische Kaiser nach Erdbeben zwecks Wiederaufbau sind in der Chronik umfangreich bezeugt (vgl. Mal. X,3; X,18; X,23; X,29; X,53; XI,8; XI,16; XII,11; XII,28; XII,48; XIII,12; XIV,12; XIV,20; XIV,29; XIV,36; XV,11; XVI,18; XVII,15; XVII,16; XVIII,19; XVIII,28; XVIII,37; XVIII,40; XVIII,112; zu kaiserlichen Maßnahmen generell: XVIII 93, 2; XVIII 112, 10ff..). Der Usurpator Basiliskos versucht mit seinem Verhalten demnach den an einen rechtmäßigen Herrscher gestellten Erwartungen (XVII 14, 9f.; XVIII 48, 1ff.) gerecht zu werden, um seine Legitimität zu stärken.

Die vorliegende Stelle ist innerhalb des Baroccianus die einzige, an der eine konkrete Gesamtsumme, die für den Wiederaufbau nach einem Erdbeben bereitgestellt wurde, benannt wird. Im Rahmen des fünften Bebens, das Antiochia heimsuchte, werden zwar verschiedene Summen präzise genannt, aber auch einige nur ungenaue Angaben gemacht (vgl. XVII,16-18; XVII,22).

Da ein Kentenarion bereits Einhundert librae/λίτραι entspricht und Justin I. zum Aufbau Antiochias nach dem fünften Beben über 40 Kentenarien aufwendet (XVII 22, 12ff.), kann die Summe des Basiliskos auf zweierlei hindeuten. Zum einen darf an eine geringere Zerstörung und entsprechend niedrigere Kosten beim Wiederaufbau gedacht werden. Vielleicht darf hierfür die Größe des Ortes mit in Rechnung gestellt werden. Zum anderen könnten Basiliskos aber auch tatsächlich weniger Mittel zur Verfügung gestanden haben. Immerhin war er nicht der einzige der Anspruch auf den Kaiserthron erhob. Prok. BV I 7,19 behauptet jedenfalls, Basiliskos habe sich durch φιλοχρηματία überall unbeliebt gemacht (s. auch Malchus fr. 9,3 (416 Blockley)). (Florian Battistella)
Parallelüberlieferung
Chron. Zuqnin, s.a. 791 (Übers. Chabot 170) stimmt inhaltlich mit der vorliegenden Stelle überein. Joh. Nik. LXXXVIII 35 berichtet über das Beben und außerdem gibt er an, dass "a terrible unlooked-for pestilence" Konstantinopel heimgesucht habe. Die slawische Fassung (Istrin 1994, 334f.; Tvorogov 1999, 348) übersetzt den Abschnitt Ἐπὶ δὲ τῆς αὐτοῦ βασιλείας Βασιλίσκου καὶ Μάρκου τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ ἔπαθεν ὑπὸ θεομηνίας πόλις τῆς πρώτης Συρίας ὀνόματι Γάβαλα sorgfältig. Hierauf folgt direkt der Abschnitt, der dem Satz καὶ ἐχαρίσατο τῇ αὐτῇ πόλει ὁ βασιλεὺς Βασιλίσκος εἰς ἀνανέωσιν χρυσίου λίτρας ν’ entspricht, wobei die hier kursiv gesetzten Wörter nicht ins Slawische übersetzt wurden. Das Verzeichnis der nicht-übersetzten Stellen bei Istrin 1994, 365 kann in die Irre führen, zieht man den slawischen Text selbst nicht heran.
Literatur
Alpi (2006): Alpi, Frédéric Nicolas: L’orientation christologique des livres XVI et XVII de Malalas. Les règnes d’Anastase (491–518) et de Justin Ier (518–527), Recherches sur la Chronique de Jean Malalas II, 2006, 227–242.
Begass (2018): Begass, Christoph: Die Senatsaristokratie des oströmischen Reiches, ca. 457-518. Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen, München, 2018.
Blaudeau (2003): Blaudeau, Philippe: Antagonismes et convergences, MedAnt, 2003, 155-193.
Brennecke (1998): Brennecke, Hanns Chr.: Chalkedonense und Henotikon, 1998, 24-53.
Feld (2005): Feld, Karl: Barbarische Bürger. Die Isaurier und das Römische Reich, Berlin u.a., 2005.
Istrin (1994): Istrin, V. M.: Истрин В. М. Хроника Иоанна Малалы в славянском переводе/Chronika Ioanna Malaly w slawjanskom perewode, 1994.
Klengel (1971): Klengel, H.: Syria Antiqua, Leipzig, 1971.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Todt/Vest (2014): Todt, Klaus-Peter; Vest, Bernd Andreas: Syria, Wien, 2014.
Tvorogov (1999): Tvorogov, O. V. et alii: Letopisec Ellinskij i Rimskij/Летописец Еллинский и Римский, 1999.