Malalas 18.48

Inhalt

Kapitel 48 enthält eine knappe Notiz über die Bereitstellung eines Jahreseinkommens von 4000 solidi für den ξενών (Hospiz) von Antiochia durch Justinian.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ παρεσχέθη ἐτησία πρόσοδος ἐν τῷ ξενῶνι
2
Ἀντιοχείας νομισμάτων τετρακισχιλίων ὑπὸ τοῦ αυτοῦ εὐσεβοῦς βασι-
3
λέως.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ: Wohl Herbst/Winter 529 n. Chr. – Siehe zu dieser und ähnlichen Zeitformeln in der Chronik den philologischen Kommentar ad XVIII 40 Z. 1.
1/1 Ἐν τῷ ξενῶνι: Die Präposition ἐν ist hier eigentlich überflüssig, denn das Verb παρέχω konstruiert regulär mit einfachem Dativ, vgl. die Fülle an Beispielen bei LSJ s.v. παρέχω. Man könnte diese Wendung für ein weiteres Einzelbeispiel der extremen Verbreitung der Präposition ἐν in der Sprache des Malalas halten, jenseits der klassischen Funktionen dieser Präposition; vgl. dazu allgemein Rüger 1895, 47–49. Vielleicht schwingt hier aber auch ein lokaler Gedanke mit, nämlich, dass das dem Hospiz geschenkte Geld auch dort aufbewahrt wurde, was wiederum ἐν + Dativ als eine übliche Ortbestimmung erklären und rechtfertigen würde.
1/6 παρεσχέθη: XVII 7, 1
1/6 παρεσχέθη ἐτησία ... ὑπὸ τοῦ ... βασιλέως: Geläufige, bereits klassische Konstruktion mit Passiv und ὑπό mit Genitiv, die auch von der Malalas-Chronik beibehalten und regulär eingesetzt wird: vgl. allgemein dazu Rüger 1895, 34–35, mit Stellenangaben.
1f./9 ἐν τῷ ξενῶνι Ἀντιοχείας: Die Bezeichnung ξενών bezog sich im klassischen Griechisch zunächst keineswegs auf einen medizinisch/pflegerischen Gegenstand, sondern beschrieb die Gästezimmer eines Palastes (so etwa Eur. Alc. 543; 547; vgl. noch Ios. BI 5, 177–178). In einer aus dem syrischen Raum stammenden Inschrift des 3. Jahrhunderts n. Chr. begegnet der Begriff erstmals als terminus für eine öffentlich-städtische Einrichtung zur Beherbergung offizieller (und vielleicht auch anderer) Reisender: Waddington 1870, 2524 =
Sartre-Fauriat/Sartre 2014, 47–49. Etwa ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. taucht der Begriff des ξενών dann mit zunehmender Häufigkeit im christlich-karitativen Bereich auf: So berichtet etwa die ins frühe 5. Jahrhundert gehörende Vita Porphyrii, dass Porphyrios in Gaza einen ξενών eingerichtet habe, in dem reisende Glaubensbrüder für drei Tage kostenfreie Aufnahme fanden (Marc.Diac. V.Porph. 53). Durch Stiftungen von Kirchenoffiziellen, staatlichen Würdenträgern, Angehörigen des Kaiserhauses oder Privatleuten befördert, entwickelte sich zwischen Spätantike und mittelbyzantinischer Zeit ein immer größer werdendes Netz derartiger Plätze, die der Fürsorge für mittellose Reisende, Bedürftige und wohl auch Kranke gewidmet waren (Hiltbrunner 1988, 617 entschlüsselt mit Bezug auf die christliche Frühzeit ξενών als „Sammelbegriff“ für christliche Herbergen; vgl. zur Verbreitung des ξενών in Byzanz und den östlichen Provinzen vom 4. – 6. Jahrhundert n. Chr. Constantelos 1991, 141–144). Spätestens seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. scheint der Aspekt der Krankenversorgung stärker in den Vordergrund getreten zu sein: So sprach man die bekannte, nach ihrem Stifter Samson benannte Pflegestätte in Konstantinopel, die von Prokop als Einrichtung "für bedürftige und schwerkranke Menschen" definiert wird (Procop. Aed. I 2,14), allgemein als ξενών an (zur wohl bis ins 15. Jahrhundert reichenden Geschichte dieses Hauses Constantelos 1991, 144-147). In der Weltchronik finden sich zwei Parallelstellen für die Verwendung von ξενών, die jedoch keine letzte Sicherheit über Malalas' Verständnis des Begriffes zulassen, da hier rein additiv Stiftungen aufgeführt werden: Malal. XIII 3; XVII 19. In der nur bei Theophanes (240, 19 de Boor) überlieferten Version von Malal. XVIII 148 wird zwar der ξενών des Samson (bzw. dessen vorübergehende Zerstörung) erwähnt; da der Bau Theophanes selbst aber zweifelsohne unter dem im Mittelalter verbreiteten Namen bekannt war, lassen sich auch hieraus keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Begriffsverwendung bei Malalas ziehen. Die Übersetzung des Begriffes als "Hospital/Hospiz" bei Thurn/Meier 2009, 470 und als "hospice" bei Jeffreys/Jeffreys/Scott ist also zumindest aus der Malalas-Chronik selbst heraus keine Zwangsläufigkeit. Dass die mit dem Begriff primär assoziierten Funktionen sich im Verlauf der Spätantike verschoben haben, kann vielleicht damit erklärt werden, dass viele ξενῶνες bereits vor dem 5./6. Jahrhundert über Krankenstationen verfügten. Eine Inschrift des 5. Jahrhunderts n. Chr. spricht von einem integrierten nosokomeion: vgl. Miller 1985, 28 sowie Milik 1960, 149 (mit abweichender Lesung); zum Begriff allgemein Constantelos 1991, 122. Eine bereits vorhandene medizinisch-pflegerische Funktion hätte demnach den ursprünglichen Zweck im Verlauf der Jahrhunderte sukzessive überlagert: Miller 1985, 28. Allgemein zur Begriffsgeschichte (mit weiterer Evidenz) Miller 1985, 27–29. Zu Funktionsweisen byzantinischer Hospitäler Horden 2008.
Mit Blick auf Antiochia weiß Johannes Chrysostomos bereits für das Jahr 381 n. Chr. von einem ξενών mit offenbar rein karitativer Funktion zu berichten (Chrys. Ad Stagirium a daemone vexatum III, 13 [PG 47, 490), bei dem es sich womöglich um jene Einrichtung handelte, deren Gründung in Malal. XIII 3 Konstantin dem Großen zugeschrieben wird. Laut Malal. XVII 19 errichtete Justinian nach dem zerstörerischen Erdbeben von 526 n. Chr. erneut einen ξενών in der Stadt. Es ist davon auszugehen, dass er damit auf die Zerstörung eines oder mehrerer Vorgängerbauten reagierte (so implizit bereits Downey 1961, 553, Anm. 207). Das nach der hier zur Diskussion stehenden Stelle von Justinian zugewiesene jährliche Einkommen dürfte eben jenem Neubau zugutegekommen sein. Als Anlass für die Spende gerade zu diesem Zeitpunkt (i. e. etwa drei Jahre nach dem Beben von 526) wäre die Wiederherstellung bzw. Inbetriebnahme des Gebäudes denkbar. Im Vergleich zu Wiederaufbaumaßnahmen infolge von anderen Stadtkatastrophen, wie man sie etwa für die Kaiserzeit archäologisch belegen kann, ist das eine sehr kurze Zeitspanne: Vgl. etwa Hanfmann 1983, 141–143 zum Wiederaufbau nach dem so genannten „Zwölfstädtebeben“ 17 n. Chr. (bis in claudische Zeit) und Andreau 1973, 374; 378 zu den Arbeiten in Pompeji nach dem Erdbeben von 62 n. Chr. (im Jahr des Vesuvausbruchs 79 n. Chr. noch nicht abgeschlossen). Diese Einschätzung gilt erst recht, wenn man bedenkt, dass in Antiochia 528 n. Chr. ein zweites großes Beben eingetreten war, das angeblich alle eben erst wieder aufgebauten (oder vielleicht doch eher im Bau befindlichen?) Gebäude erneut zum Einsturz gebracht hatte (Malal. XVIII 27). Nach dem Persereinfall 540 n. Chr. wurde dann angeblich abermals ein Neubau nötig: Prokop berichtet in den Bauten (Procop. Aed. II 10, 25), Justinan habe im Rahmen der folgenden Erneuerung Häuser für kranke Bettler sowie für Fremde errichten lassen (vgl. dazu Downey 1961, 553, Anm. 207, s. allerdings zur Problematik der sich überschneidenden Berichterstattung bei Malalas und Prokop XVII 19, 1).
Wie derjenige von Antiochia wurde auch der Xenon des Samson in Konstantinopel von Justinian mit jährlichen Mitteln (ἐτησία πρόσοδος) ausgestattet, und zwar nach Aussage Prokops (Procop. Aed. I 2, 17) in einem Zuge mit dem Neubau nach seiner Zerstörung während des Nika-Aufstandes 532 n. Chr. Leider gibt Prokop keine Angaben über die Höhe der gewährten Gelder, so dass ein direkter Vergleich der den Häusern zur Verfügung gestellten Summen nicht möglich ist.
1ff./6 παρεσχέθη ... ὑπὸ τοῦ αυτοῦ εὐσεβοῦς βασιλέως: Die seit der Kaiserzeit traditionell eine zentrale Rolle einnehmende Herrschertugend der Freigebigkeit (liberalitas, vgl. hierzu für die frühe und hohe Kaiserzeit grundlegend Kloft 1970; zur kaiserlichen Munifizenz Zuiderhoek 2009) ist auch in Malalas‘ Bericht über die Regierung Justinians omnipräsent. Geldspenden, Steuererleichterungen und andere Wohltaten vonseiten des Herrschers werden in der Weltchronik in hohem Regelmaß vermerkt. Ganz in der Tradition der Kaiser früherer Jahrhunderte stehend, spendete Justinian beispielsweise aus Anlass zweier seiner Konsulatsantritte (XVIII 3 [erstes Konsulat; XVIII 80 [drittes Konsulat) oder wurde aktiv, wenn Städte durch Erdbeben Zerstörungen erlitten (XVIII 29; XVIII 37; XVIII 40; XVIII 112). Die in der hiesigen Passage geschilderte Wohltat steht im Kontext christlicher caritas, die in den vorangegangenen Teilen des 18. Buches noch insbesondere als Betätigungsfeld der Kaisergattin Theodora hervorgetreten war (vgl. dazu die Kommentare ad Malal. XVIII 23–25). Hier erscheint nun allein Justinian als Handelnder und wird, zweifelsohne im Zusammenhang mit der christlichen Tat, mit dem Attribut „fromm“ versehen (εὐσεβής; vgl. zum häufig dem spezifischen Kontext geschuldeten Einsatz dieses Begriffes in der Weltchronik den philologischen Kommentar ad Z. 2).
2/7 εὐσεβοῦς: Die in der Chronik wiederkehrende Formel ὁ αὐτὸς βασιλεύς (siehe dazu den philologischen Kommentar ad XVIII 40 Z. 3) wird hier bemerkenswerterweise durch Hinzufügen des Beinamens εὐσεβής variiert. εὐσεβής ist ein Adjektiv von mittlerer Häufigkeit bei Malalas und bezeichnet mit einer einzigen Ausnahme (die gleich die erste Okkurrenz des Beiwortes ist, in V 10 21; siehe zu dieser Stelle spezifisch unten) ausschließlich Kaiser bzw. Kaiserfrauen. Das entspricht einem schon klassischen Usus: vgl. LSJ. s.v. εὐσεβής 2 „as epith. of Emperors, = Pius“, mit den dort gesammelten epigraphischen Belegen. Bei etwa der Hälfte der εὐσεβής-Stellen in der Chronik scheint es so, dass Malalas das Adjektiv nicht bloß dekorativ verwendet, sondern bewusst einsetzt, und zwar mit Rücksicht auf seine Grundbedeutung ‚fromm‘ – also konkret, dass er eine Definition des Kaisers bzw. der Kaiserin durch εὐσεβής gerade dort bringt, wo er bzw. sie auch wirklich eine fromme (d.h. großzügige bzw. mildtätige, nicht so sehr oder immer religiös konnotierte) Tat vollbringt. Als Belege für diese Beobachtung dienen folgende Stellen: XI 9 Z. 3 ὁ δὲ αὐτὸς εὐσεβέστατος Τραϊανός (Trajan gründet neue Bauten im erdbebenzerstörten Antiochia); XI 26 Z. 6 ὁ αὐτὸς εὐσεβέστατος Ἀντωνῖνος (Antoninos lockert das Erbgesetzt); XVII 19 Z. 5 ἡ εὐσεβεστάτη Θεοδώρα (Theodora schenkt dem abermalig erdbebenbetroffenen Antiochia reichlich Mittel); XVIII 23 Z. 5 τὸν εὐσεβέστατον Ἰουστινιανὸν (Text des Testaments des Eulalios: „der sehr fromme Justinian“ soll sich um den Unterhalt der armen Töchter des Verstorbenen kümmern); XVIII 24 Z. 1 ἡ εὐσεβὴς Θεοδώρα μετὰ καὶ τῶν ἄλλων αὐτῆς ἀγαθῶν ἐποίησε καὶ τοῦτο (eine sehr klare Stelle: „die fromme Theodora errichtete unter anderen guten Werken auch dieses“: Sie rettete arme Mädchen vor der Prostitution); XVIII 24 Z. 12 ἡ αὐτὴ εὐσεβὴς βασίλισσα ἠλευθέρωσεν αὐτὰς τοῦ ζυγοῦ τῆς δυστυχοῦς δουλείας (eine weitere klare Stelle: dieselbe Theodora befreit die unglücklichen Mädchen „von dem Joch der Sklaverei“, i.e. von der Prostitution); XVIII 44 Z. 16 ὡς χριστιανοὶ καὶ εὐσεβεῖς (Kavadhs Definition der oströmischen Kaiser in seinem Brief an Justinian: Weil die Römer fromm sind, können sie unmöglich einen Krieg mit den Persern verursachen wollen); XVIII 48 Z. 2 (vorliegende Stelle: Justinians εὐσέβεια ist thematisch relevant, da er gerade dabei ist, eine Schenkung zu veranlassen). Zu dieser Reihe gehört vielleicht, zumindest indirekt, auch XVII 22 Z. 8 τοὺς αὐτοὺς εὐσεβεῖς βασιλεῖς (gemeint sind hier Justin und Justinian; kurz danach wird gesagt, dass die zugunsten des erbebenzerstörten Antiochia zu ihnen nach Konstantinopel gereiste Gesandtschaft viel erreichen konnte und viele kaiserliche Geschenke mit nach Hause brachte – die Kaiser waren also wirklich εὐσεβεῖς in dem für die Chronik gewöhnlichen Sinn von ‚großzügig‘). Eine andere, kleinere Gruppe von Stellen weicht allerdings von diesem pointierten Usus von εὐσεβής ab. Es handelt sich um XIII 36 Z. 1 ὁ εὐσεβέστατος Γρατιανὸς (Definition des Gratian bei seiner Ernennung zum Kaiser; man könnte eventuell einen Sinnbezug zwischen diesem Hinweis auf Gratians Frömmigkeit und der kurz darauf folgenden Bemerkung, dass er von Natur aus ruhig war [ἥσυχος und gerne Ehren erteilte [τιμητικός, sehen, aber diese Verbindung scheint doch zu weit hergeholt); XIII 37 Z. 5 Θεοδόσιος ὁ Σπανός … ἦν δὲ χριστιανὸς καὶ φρόνιμος καὶ εὐσεβὴς καὶ ἐνδρανής (Porträt des Theodosius I. anlässlich seiner Ernennung zum Kaiser: Seine εὐσέβεια wird durch keinen Hinweis auf eine Tat konkretisiert); XIV 4 Z. 25 τῇ εὐσεβεστάτῃ δεσποίνῃ Πουλχερίᾳ (Theodosius’ Schwester Pulcheria bei einer sehr interessante, aber nicht unmittelbar großzügigen Aktion: der Wahl der Ehefrau für ihren Bruder); XVII 22 Z. 4 γνόντες δὲ οἱ εὐσεβεῖς βασιλεῖς (Justin und Justinian werden so beschrieben bei der Neuzuweisung eines vakanten Amtes, was ein Akt des täglichen Geschäfts eines Kaisers ist und kein Beweis besonderer Mildtätigkeit); XVIII 141 Z. 14 τῷ εὐσεβεῖ βασιλεῖ (Justinian in der Erzählung des gescheiterten Attentates gegen ihn im Jahr 562). In diesen fünf Passagen ist εὐσεβής begleitendes Beiwort, ohne prägnante Verbindung zum Kontext. Zwei letzte Stellen verdienen noch gesonderte Betrachtung, weil sie – freilich in gegensätzliche Richtungen weisende – Indizien über Malalas’ Lateinkenntnisse geben könnten. Die erste fragliche Stelle ist Malal. V 10 Z. 21, wo der trojanische Held Äneas als φρόνιμος, εὐσεβής („besonnen, fromm“) definiert wird: Hier könnte man die Vermutung äußern, dass Malalas absichtlich dieses Adjektiv wählte, um Äneas’ (lateinische) Standardbezeichnung als pius zum Ausdruck zu bringen. Zweideutig bleibt die andere Stelle, Malal. XI 21 Z. 1–2 ἐβασίλευσεν Ἤλιος Ἀντωνῖνος Πῖος εὐσεβὴς ἔτη κγ’: Man könnte meinen, dass die Aneinanderreihung von Πῖος und εὐσεβής kein Indiz dafür ist, dass Malalas die Synonymie der Beinamen bewusst war (eher das Gegenteil – sonst hätte er nur eines der beiden angeführt: Vgl. in diesem Sinne den historischen Kommentar ad Malal. XVIII 30 Z. 10f zu der Kombination zwischen θεῖος und σάκρα, einer redundanten Wiederholung, die als „Hinweis auf schwindende Lateinkenntnisse“ des Malalas interpretiert wird). Vertretbar ist aber auch die gegenteilige Auffassung, nämlich dass Malalas, sehr wohl im Bewusstsein des semantischen Gehaltes des Kaiserbeinamens pius, diesen absichtlich mit seiner griechischen Entsprechung versah, vielleicht zugunsten seiner weniger lateinkundigen Leser. Allgemein bleibt der Eindruck bestehen, dass εὐσεβής für Malalas kein fixes Schmuckwort ist (anders als z.B. σοφώτατος, was unterschiedslos als eine Art ‚Ehrentitel‘ für jeden erwähnten Schriftsteller – von Herodot bis Palaiphatos – benutzt wird, und sogar für mündliche Informanten: siehe dazu Jeffreys 1990e, 229), sondern ein Begriff, der meistens pointiert und mit Blick auf seinen semantischen Gehalt eingesetzt wird. Wäre εὐσεβής ein bloßes Epitheton Ornans, würde man es (viel) öfter in der Chronik finden, etwa bei jedem ‚guten‘ oder bei jedem christlichen Kaiser. Vielleicht sollte εὐσεβής in der von Michael und Elisabeth Jeffreys hergestellten, sehr umfassenden Liste von Termini, die Malalas in seinen Porträts von Helden, Aposteln und Kaisern standardmäßig benutzt, besser nicht erscheinen (siehe Jeffreys/Jeffreys 1990, 232–240; εὐσεβής auf S. 234 – wo nicht zufällig nur zwei Belege angeführt sind, V 35 und XIII 37 – und auf S. 240).
Patzig 1891, 23–24 wollte das Vorkommen von εὐσεβής in der Chronik von einem anderen Kriterium geleitet wissen als der Kontextbezogenheit. Er glaubte, εὐσεβής sei in der Chronik die formelhafte Definition des bei der Abfassungszeit der betreffenden Stelle noch lebenden Kaisers (bzw. bei den Theodora-Stellen der noch lebenden Kaiserin) – ein bei der Niederschrift der entsprechenden Passagen bereits verstorbener Kaiser sei, ebenfalls standardmäßig, mit dem Epitheton θεῖος bzw. θειότατος bezeichnet. Diese Unterscheidung mag für den offiziellen griechischen Sprachgebrauch (wie aus anderen Autoren ableitbar) oder für die lateinische Sprache (pius vs. divus) Gültigkeit besitzen (Patzig 1891, 24 bringt Belege aus dem Chronicon Paschale und aus der lateinischen Chronik des Marcellinus Comes; weitere Belege bei Patzig 1892, 30); für die Malalas-Chronik ist sie nicht stichfest, da dort auch längst verstorbene Kaiser wie Trajan, Hadrian, Antoninus Pius oder sogar mythische Helden wie Aeneas εὐσεβεῖς sind (siehe die obige Stellenübersicht). Die Tatsache, dass „wo sich sonst noch ein Beiwort bei Erwähnung Justinians und seiner Gemahlin erhalten hat, [… es überall εὐσεβής [ist“ (wie es Patzig 1891, 24 selbst formuliert), ist weniger als chronologisches Indiz auf eine zeitgenössische Abfassung der jeweiligen Stellen zu werten denn als expliziter und kontextberechtigter Hinweis auf die Mildtätigkeit und Güte des so apostrophierten Kaiserpaares. Anders formuliert: Die Voraussetzung, um εὐσεβής genannt zu werden, ist nicht das ‚am-Leben-sein‘ im Moment der Abfassung der fraglichen Passage, sondern (zumindest oft) die Vollziehung einer Tat der εὐσέβεια. Unzählige Nennungen des Kaisers Justinian erfolgen im Buch XVIII ohne Hinzufügung von εὐσεβής, sondern durch die – diesmal tatsächlich standardisierten – Formeln ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς, ὁ δὲ αὐτὸς Ἰουστινιανός o.ä., sodass der Versuch, εὐσεβής im Lichte des jeweiligen Kontexts zu interpretieren legitim und auch ergiebig erscheint (siehe die obigen Ausführungen). Dass εὐσεβής nicht nur von lebenden Herrschern gesagt werden kann, hatte gegen Patzig schon Gleye 1896, 424 mit Anm. 2 eingewendet (θεῖος bzw. θειότατος scheinen hingegen tatsächlich den verstorbenen und deshalb vergöttlichen Kaisern vorbehalten zu sein); siehe auch Gleye 1893, 160.
Parallelüberlieferung
keine
Literatur
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