Malalas 16.14

Inhalt

Anastasius untersagt Kopidermie-Verträge. Außerdem schreibt er vor, dass fürderhin eine kaiserliche Erlaubnis für eine rechtmäßige Adoption erforderlich sei. (Florian Battistella)

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ ἐξεφώνησεν ὁ αὐτὸς βασιλεὺς διάταξιν,
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ὥστε μὴ ποιεῖν τινα ἔγγραφον κοπιδερμίας, μήτε δὲ αὐτὸ τὸ ὄνομα τοῦ
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κοπιδέρμου ὀνομάζεσθαι, μήτε τὸ πρᾶγμα γίνεσθαι, τῆς αὐτοῦ νομοθε-
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σίας ἐχούσης οὕτως, ὅτι· ῾ἡμῖν ἐστιν εὐχὴ τοὺς ἐν ζυγῷ δουλείας ἐλευθε-
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ρεῖν· πῶς οὖν ἀνεξόμεθα τοὺς ἐν ἐλευθερίᾳ ὄντας ἄγεσθαι εἰς δουλικὴν
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τύχην;᾽ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς ἕτερον ἐξέθετο θεῖον τύπον, ὥστε μηδένα
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δίχα σάκρας τινὰ τεκνοποιεῖσθαι, μήτε ἄρρεν μήτε θῆλυ, ἀλλὰ ἀπὸ θείας
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σάκρας, διὰ τὸ καὶ τὸ τεκνοποιούμενον ἔχειν δίκαιον υἱοῦ νομίμου καὶ
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θυγατρὸς εἰς τὸ καὶ ἐξ ἀδιαθέτου κληρονομεῖν τὴν οὐσίαν τοῦ τεκνο-
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ποιουμένου αὐτόν.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/6 ἐξεφώνησεν ὁ αὐτὸς βασιλεὺς διάταξιν, ὥστε μὴ ποιεῖν τινα ἔγγραφον κοπιδερμίας, μήτε δὲ αὐτὸ τὸ ὄνομα τοῦ κοπιδέρμου ὀνομάζεσθαι, μήτε τὸ πρᾶγμα γίνεσθαι, τῆς αὐτοῦ νομοθεσίας ἐχούσης οὕτως, ὅτι· ῾ἡμῖν ἐστιν εὐχὴ τοὺς ἐν ζυγῷ δουλείας ἐλευθερεῖν· πῶς οὖν ἀνεξόμεθα τοὺς ἐν ἐλευθερίᾳ ὄντας ἄγεσθαι εἰς δουλικὴν τύχην;᾽: Nach Thurn/Meier 2009, 416 Anm. 95 könnte sich Kopidermie "auf die vielfach sklavenähnliche Situation von Kleinbauern" beziehen, "doch wurde auch die Annahme vertreten, Anastasios' Verbot beziehe sich auf ein Verbot der Kastration und des Handels mit Eununchen." Die erste These scheint Stein 1949, 207 mit Anm. 5 zu vertreten. Einen gewissen Wiederhall findet dieser Gedanke in der Gesetzgebung des Anastasius zu adscripticii, die für μισθωτοί den generellen Fortbestand der Freiheit betont (vgl. CJ XI,48,19; Haarer 2006, 212; s. auch CJ XI,48,23; anders: u.a. Sirks 2008, S. 129f., der in CJ XI,48,19 (und XI,48,23) die gesetzmäßige Befreiung von coloni adscripticii erkennen möchte).

Chilmead, der erste Herausgeber der Chronographia, sah ebenfalls eine Verbindung zur Sklaverei, dachte bei dem Verbot jedoch an eine gegen Sklaven besitzende Juden gerichtete Maßnahme (vgl. Baldwin 1981a, S. 118 mit Anm. 5). Ein kurzer Blick auf die erhaltene spätantike Gesetzgebung zeigt aber, dass auch in justinianischer Zeit Juden der Sklavenbesitz nicht generell untersagt war, nur der Erwerb und Besitz von christlichen Sklaven (vgl. CTh III,1,5; XVI,9,3–5; Const. Sirm. 4; CJ I,3,54,8–11; I,10,2).

Der Vorschlag des Bezugs von κοπιδερμία auf Eunuchen und Kastration wurde von Baldwin 1981a, 118 mit Anm. 7 in die Diskussion eingebracht. Die Worte κοπιδερμία und κοπίδερμος waren seiner Meinung nach in allgemeinem Gebrauch, was sich auch durch deren Präsenz in Glossaren sowie in dem Aesop zugeschriebenen Sprichwort zeige (XVI 14, 3). Es handele sich daher um einen umgangsprachlichen Ausdruck, was im Zusammenhang der Bezeichnung von Sklaven und Eunuchen nicht unüblich sei. Baldwin 1981a, 118 Anm. 7 verweist in diesem Zusammenhang auf Jones 1964 II,854; III,287 und das Wort Galata, das "evidently a colloquialism for slave dealer" gewesen sei sowie auf das Wort Θλαδίας, mit dem Eunuchen bezeichnet wurden. Abgesehen davon, dass Galata bei den beiden betreffenden Quellenstellen niemals bereits für sich alleine, sondern erst durch die Verwendung zusammen mit mercator (vgl. Amm. Marc. XXII,7,8) bzw. ductor (vgl. Claud. In Eutr. I,58–59) sowie durch den Kontext die Bedeutung Sklavenhändler erhält, scheint auch die juristische Überlieferung Baldwins These Schwierigkeiten zu bereiten.

Kaiser Konstantin I. untersagte durch CJ IV,42,1 jegliche Kastration auf römischen Staatsgebiet. Kaiser Leo stellte mittels CJ IV,42,2 zudem die Kastration von Römern außerhalb des Imperium Romanum unter Strafe. Da beide Gesetze im Codex Iustinianus unter De Eunuchis zu finden sind, aber keine Regelung von Anastasius, liegt der Verdacht nahe, dass in diesem Bereich keine Neuerung durch diesen Kaiser vorgenommen wurde. Auch ein Bezug des Begriffs κοπιδέρμος speziell auf die Vornahme der jüdischen Beschneidung an christlichen Sklaven kommt nicht in Frage, denn schon Gesetze aus der Zeit vor Anastasius verbieten dies (vgl. CTh III,1,5; XVI,8,26=CJ I,9,16; CTh XVI,9,1). Zum Vokabular im Zusammenhang mit Eunuchen s. auch Messis 2014, 31–45, wo man das Wort Kopidermie vergeblich sucht. (Florian Battistella)
2/6 κοπιδερμίας: Laut Thesaurus Linguae Graecae ist das Wort nur an dieser Stelle bezeugt. Auch das Μέγα Λεξικόν της Ελληνικής Γλώσσης von Dimitrakos gibt s. vv. κοπιδερμία und κοπίδερμος nur diese Malalas-Stelle an, im zweiten Fall fälschlicherweise (s.u.). Zur älteren (Nicht-)Behandlung der Wörter in Lexika s. auch Baldwin 1981a. (Florian Battistella mit Kamil Choda)
3/1 κοπιδέρμου: Das Wort κοπίδερμος ist sonst laut Thesaurus Linguae Graecae nur unter den Aesop zugeschriebenen Sprichwörtern belegt. Dort heißt es: Ὄνος καὶ κοπίδερμος μίαν τύχην ἔχουσιν (Aesop. prov. 15). Im lateinischen Sprachraum ist es durch Glossaria belegt: Gloss. II 353,20 zeigt, dass die Wiedergabe von κοπίδερμος durch copidermus erfolgte. Bei Gloss. V 444,60; 457,2; 501,10 wird dieses Wort mit flagellum bzw. flagellare in Verbindung gebracht. Eine Beziehung zum Sprachfeld der Sklaverei ist demnach, wie auch Baldwin 1981a, 118 feststellt, höchst wahrscheinlich, die Übersetzung von κοπίδερμος mit "tattooist", wie sie von Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 225 vorgenommen wurde, hingegen eher abwegig. (Florian Battistella)
6/2 ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς: Häufig führt diese Formulierung ein neues Thema ein und eröffnet zugleich ein neues Kapitel in der Edition von Thurn (XVI 3, 19). Es wäre zu überlegen, ob dieses Phänomen auch hier greift, denn es geht zwar zweimal um Gesetzgebung, jedoch zu zwei sehr unterschiedlichen Themen. (Florian Battistella)
6/2 ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς ἕτερον ἐξέθετο θεῖον τύπον, ὥστε μηδένα δίχα σάκρας τινὰ τεκνοποιεῖσθαι, μήτε ἄρρεν μήτε θῆλυ, ἀλλὰ ἀπὸ θείας σάκρας, διὰ τὸ καὶ τὸ τεκνοποιούμενον ἔχειν δίκαιον υἱοῦ νομίμου καὶ θυγατρὸς εἰς τὸ καὶ ἐξ ἀδιαθέτου κληρονομεῖν τὴν οὐσίαν τοῦ τεκνοποιουμένου αὐτόν: Hänel 1965, 263 vermutet, dass CJ VI,58,15,1, ein Rechtstext Justinians, auf diese Festlegung Anastasius' verweist. Sowohl dort wie auch in Just. Inst. III,5,1 geht es um das Erbrecht von emancipati. Wie aus diesen beiden Rechtstexten ersichtlich ist, galten sie dank Anastasius als voll erbberechtigten Brüdern quasi gleichgestellt. Von der Erfordernis einer kaiserlichen Bestätigung ist in den genannten Rechtstexten jedoch nichts zu lesen. Sie wird jedoch in einem anderen, ebenfalls emancipati betreffenden Kontext erwähnt. Ein an den Prätoriumspräfekten Konstantin (PLRE II (Aspar Alypius Constantinus 19), 315) gerichtetes Schreiben des Anastasius führt aus: Liberos qui nostrae legis auctoritate per oblationem precum et imperiale rescriptum sui iuris effecti fuerint, ad similitudinem ceterorum, qui emancipati ex antiquo iure sunt, collationes facere iubemus compelli secundum ea, quae super ceteris emancipatis statuta sunt. Auch CJ VI,58,11 und VIII,48,5, die wohl zum selben Rechtstext oder zumindest in zeitliche Nähe gehören, sprechen sowohl von emancipati als auch von Bitten und kaiserlichen Bestätigungen. Die drei letztgenannten Rechtstexte sind im Juli 502 zu verorten. Von einer Gleichberechtigung spricht allerdings schon CJ V,30,4 vom 1. April 498: Frater emancipatus, qui in germani sui vel sororis successionem omnes inferiores seu prolixiores gradus non tantum cognatorum, sed etiam agnatorum antecedere a nobis pro nostra dispositione iussus est ...
Hieraus ergibt sich, dass das Thema spätestens kurz vor Ende des 5. Jahrhunderts Anastasius' Aufmerksamkeit auf sich zog. Die kaiserlichen Reskripte könnten gleichwohl erst später erforderlich geworden sein. Der von Malalas beschriebene Sachverhalt muss daher um die Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert, spätestens im Jahre 502 angesetzt werden.

Das Thema beschäftige Anastasius jedoch auch später noch. Im Jahr 517 wird er mit CJ V,27,6 noch einmal in einer ähnlichen Frage aktiv. Er regelt den Erbanteil von Kindern, die ihr Vater mit einer dauerhaft mit ihm lebenden Frau gezeugt, aber nicht adoptiert hatte. Nach den Bestimmungen folgt der Zusatz: Filios insuper vel filias iam per divinos adfatus a patribus suis in adrogationem susceptos vel susceptas huius providentissimae nostrae legis beneficio et iuvamine potiri censemus. Dies scheint auf eine bereits bestehende Rechtspraxis zu verweisen. Das Erbrecht selbst blieb gleichwohl ein schwieriges Terrain, denn auch Justinian sah sich zu Regelungen in diesem Bereich genötigt (XVIII 20, 7f.). (Florian Battistella)
7/4 τεκνοποιεῖσθαι: Neben Mal. XVI,14 wird das Wort in der Chronographia nur noch bei I,1; I,4 und I,14 verwendet. (Florian Battistella)
Parallelüberlieferung
Einige Rechtstexte könnten mit den hier geschilderten Maßnahmen des Anastasius in Verbindung stehen. Eine tatsächliche Parallelüberlieferung fehlt jedoch. Die slawische Fassung (Istrin 1994, 345; Tvorogov 1999, 355f.) ist wesentlich kürzer: Lediglich der Abschnitt ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς ... τὴν οὐσίαν τοῦ τεκνοποιουμένου αὐτόν wird übersetzt. Allerdings lässt sie die Wörter Sohn und Tochter nicht zweimal, sonder dreimal erscheinen (+Spinka/Downey+1940 116f. übersetzten folgendermaßen: "At that time the Czar issued a prohibition that no one could adopt a son or daughter without a written permision, but securing the written permission, he could adopt a son or daughter, and such as adopted son or daughter could become an heir of bis property".) Die einleitende Formel "At that time the Czar" entspricht den Wörtern, mit denen der griechische Text dieses Kapitels beginnt (Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ ἐξεφώνησεν ὁ αὐτὸς βασιλεὺς ...) und nicht der Formel, mit der der zweite Abschnitt, den die slawische Fassung als einzigen übersetzt, beginnt.
Literatur
Baldwin (1981a): Baldwin, Barry: κοπιδερμία/κοπίδερμος, Glotta, 1981, 117-118.
Dimitrakos (1936): Dimitrakos, D.: Μέγα λεξικόν ὅλης τῆς Ἑλληνικῆς γλώσσης, 1936 ff..
Haarer (2006): Haarer, Fiona K.: Anastasius I. Politics and Empire in the Late Roman World, Cambridge, 2006.
Hänel (1965): Hänel, Gustav: Corpus Legum ab imperatoribus Romanis ante Iustinianum latarum..., 1965.
Istrin (1994): Istrin, V. M.: Истрин В. М. Хроника Иоанна Малалы в славянском переводе/Chronika Ioanna Malaly w slawjanskom perewode, 1994.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Jones (1964): Jones, A.H.M.: The Later Roman Empire 284-602, Oxford, 1964.
Sirks (2008): Sirks, A. J. Boudewijn: The Colonate in Justinian's Reign, JRS, 2008, 120-143.
Spinka/Downey (1940): Spinka, Matthew/Downey, Glanville: Chronicle of John Malalas: Books VIII–XVIII. Translated from the Church Slavonic by M. Spinka in collaboration with G. Downey, Chicago, 1940.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Tvorogov (1999): Tvorogov, O. V. et alii: Letopisec Ellinskij i Rimskij/Летописец Еллинский и Римский, 1999.