Malalas 16.2

Inhalt

In Mal. XVI 2 ernennt Anastasius Hierios zum Praefectus Praetorio Orientis. Dieser macht seinerseits einen seiner Verwandten zum comes Orientis. Gegen diesen empört man sich in Antiochia, woraufhin der Kaiser interveniert, indem er u.a. einen neuen comes Orientis ernennt. (Florian Battistella)

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Ἐν δὲ τῇ αὐτοῦ βασιλείᾳ ἐποίησεν ἔπαρχον πραιτωρίων τὸν πατρί-
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κιον Ἱέριον· ὅστις ἐποίησε κόμητα ἀνατολῆς Καλλιόπιον τὸν ἴδιον συγ-
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γενέα. καὶ ὡς ἄρχει, ἐπῆλθον τῷ αὐτῷ Καλλιοπίῳ | οἱ Πράσινοι Ἀντι-
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οχείας ἐν τῷ πραιτωρίῳ· καὶ φυγὼν διεσώθη. τοῦτο δὲ γνοὺς ὁ ἔπαρχος
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Ἱέριος ἀνήγαγεν τῷ βασιλεῖ Ἀναστασίῳ· καὶ εὐθέως προηγάγετο ὁ αὐ-
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τὸς βασιλεὺς κόμητα ἀνατολῆς Κωνστάντιον τὸν Ταρσέα, δοὺς αὐτῷ
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ἐξουσίαν κατὰ πάσης ζωῆς, ἐπειδὴ τὸ Πράσινον μέρος Ἀντιοχείας δημο-
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κρατοῦν ἐπήρχετο τοῖς ἄρχουσιν· ὅστις Κωνστάντιος ἐποίησε τὸν δῆμον
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Ἀντιοχείας εἴκειν κελεύσμασιν ἀρχόντων, ἔτους χρηματίζοντος κατὰ
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Ἀντιόχειαν φμγʹ.
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Ἐφίλει δὲ ὁ αὐτὸς βασιλεὺς τὸ Ῥούσιον μέρος Κωνσταντινουπόλεως,
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τοῖς δὲ Πρασίνοις καὶ Βενέτοις πανταχῇ ἐπεξήρχετο στασιάζουσιν.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐν δὲ τῇ αὐτοῦ βασιλείᾳ: Relative Datierungen, die die Ereignisse einfach unter Herrschaft von Anastasius verorten, werden im Buch XVI mehrmals verwendet. Im vorliegenden Fall wird sie später durch die Erwähnung des Jahres der antiochenischen Ära etwas präzisiert (dazu aber XVI 2, 9). (Kamil Choda mit Florian Battistella)
1/9 τὸν πατρίκιον Ἱέριον: PLRE II (Hierius 6), 558. Bevor er Praefectus Praetorio wurde, hatte er bereits den Titel eines patricius (zu diesem Titel: XIII 27, 15). Als Praefectus Praetorio ist er noch einmal 496 belegt (CJ VI,21,16; Seeck, RE 4,2 (1913), 1458 s.v. Hierios 6). Croke 1984, 86 Anm. 32 hält PLRE II (Hierius 6), 558 für wahrscheinlich identisch mit PLRE II (Hierius 7), 558f. (so u.a. auch Begass 2018 Nr. 103, 144f.; Thurn 2000, 453). Der Vedacht wurde bereits im PLRE-Eintrag geäußert. Wenn diese Gleichsetzung zutreffend ist, dann handelt es sich bei Hierius um den Vater des hier erwähnten Kalliopios sowie des bei Mal. XVIII 26 erwähnten Alexander (zu diesem: XVIII 26, 20), außerdem Großvater des später erwähnten Theodosius (XVI 15, 2). (Florian Battistella, Kamil Choda, Olivier Gengler)
2/7 Καλλιόπιον τὸν ἴδιον συγγενέα: PLRE II (Calliopius 3), 251 = Begass 2018 Nr. 48, 98f., der ihn in Nachfolge von Croke 1984, 86-88 außerdem mit PLRE (Calliopius 4-7), 252f. gleichsetzt, eine These, die auch von Luther 1997, 204 mit Anm. 391 nicht abgelehnt wird. Kalliopios wäre unter diesen Umständen Sohn von Hierios (XVI 2, 1), Bruder von Alexander (XVIII 26, 20) und Vater von Theodosios (XVI 15, 2). (Florian Battistella, Olivier Gengler)
3/2 καὶ ὡς ἄρχει, ἐπῆλθον τῷ αὐτῷ Καλλιοπίῳ οἱ Πράσινοι Ἀντιοχείας ἐν τῷ πραιτωρίῳ: Für diese Unruhen in Antiochia ist das Werk von Malalas die einzige Quelle (Meier 2009, 164). Sie stellen das erste nach der Kaisererhebung des Anastasius erwähnte Ereignis dar. Es wird auf diese Weise von Anfang an die lokale Geschichte Antiochias mit dem Kaiser in Verbindung gebracht. (Kamil Choda)
6/5 Κωνστάντιον τὸν Ταρσέα: Nach PLRE II (Constantius 13), 320f. möglicherweise identisch mit dem Korrespondenten gleichen Namens des Prokopios von Gaza (s. Ep. 48), sonst unbekannt. (Florian Battistella)
9/5 ἔτους χρηματίζοντος κατὰ Ἀντιόχειαν φμγ’: Das Jahr 543 der antiochenischen Ära entspricht dem Jahr 494–495. Da diese Jahresangabe die erste im Buch XVI ist, musste der Leser für die Datierung der Kaisererhebung des Anastasius (Mal. XVI 1) das letzte Kapitel des Buches XV berücksichtigen, das den Tod Zenons, des Vogängers auf dem Kaiserthron, gemäß der Jahreszählung ab Adam angibt. Weil die Jahresangabe außerdem erst am Ende von Mal. XVI 2 steht, also die geschilderten Ereignisse nicht einleitet, ist möglicherweise davon auszugehen, dass sie nur das letzte erwähnte Ereignis betrifft, d.h. die Restaurierung der staatlichen Autorität durch Konstantios. Trotzdem datieren Lounghis/Blysidu/Lampakes 2005 die Ernennungen von Hierios, Kalliopios und Konstantios alle in das Jahr 494 (vgl. RKOR Nr. 228-230). (Olivier Gengler mit Kamil Choda)
11/1 Ἐφίλει δὲ ὁ αὐτὸς βασιλεὺς τὸ Ῥούσιον μέρος Κωνσταντινουπόλεως, τοῖς δὲ Πρασίνοις καὶ Βενέτοις πανταχῇ ἐπεξήρχετο στασιάζουσιν: Dieser Satz (Konjunktion δὲ, Refokalisierung auf den Kaiser) stellt offensichtlich eine neue Sinneinheit dar, die jedoch weder Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 220 noch Thurn 2000, 319f. vom vorangehenden Text abgetrennt haben. Die Zirkusparteien scheinen eine lockere Verbindung zwischen den beiden Abschnitten darzustellen. Mit ähnlichen Sätzen werden die Beziehungen der Herrscher zu den Zirkusparteien öfters beschrieben (vgl. etwa XII 28 zu Claudius und XVIII 1 zu Justinian). Generell zur Bedeutung der Zirkusparteien in der kaiserlichen Politik: XVIII 1, 8.

Die Zirkuspartei der Roten war nach Meier 2007c, 233 bedeutungslos. Anastasius' Parteinahme für sie wird häufig als eine Entscheidung interpretiert, die es ihm ermöglichen sollte gegen die beiden großen Zirkusparteien, die Blauen und die Grünen, unparteiisch vorgehen zu können (so etwa Begass 2017, 135, Meier 2009, 170f.; Meier 2007c, 233). Die ältere These, dass die Roten die Grünen unterstützten und Anastasius demnach durch seine Parteinahme für die Roten indirekt die Grünen habe fördern wollen (so verkürzend etwa Foss 2002, 168), wurde von Haarer 2006, 224–229 überzeugend zurückgewiesen.

Diese Entscheidung scheint letztlich nicht vorteilhaft für den Kaiser gewesen zu sein. Hatte er gehofft, dass seine Neutralität ihn davor bewahren würde, auf die Opposition einer der beiden Hauptfraktionen zu stoßen, litt er stattdessen unter der Feindseligkeit beider gleichzeitig, was bereits in dieser Passage, aber auch später (XVI 4, XVI 19; dazu: XVI 19, 1, XVI 19, 2) sichtbar wird, während, wenn er sich für die grüne oder blaue Fraktion entschieden hätte, vermutlich zumindest diese ihn unterstützt hätte (Meier 2007c, 233). (Florian Battistella, Olivier Gengler, Brendan Osswald mit Kamil Choda)
Parallelüberlieferung
Thurn 2000, 319 gibt keine Parallelstellen, aber unter den Zeugen für seinen Text Exc. de insid. 167 an. Der Text der Excerpta lautet: Ὅτι ἐπὶ Ἀναστασίου ἐγένετο ἐν τῷ ἱππικῷ στάσις, καὶ πολλοὶ ἀπέθανον καὶ πολλὰ ἐκαύθη, καὶ ἐξωρίσθησαν οἱ δʹ ὀρχησταί. Eine wirkliche Übereinstimmung mit dem Text des Baroccianus ist also nicht gegeben, weswegen Thurn diese Passage zwischen Mal. XVI 2 und XVI 3 setzen möchte. Eine slawische Fassung dieses Kapitels existiert nicht. (Florian Battistella mit Kamil Choda)
Literatur
Begass (2017): Begass, Christoph: Kaiserkritik in Konstantinopel. Ein Spottepigramm auf Kaiser Anastasius bei Johannes Lydus und in der Anthologia Palatina, Millennium, 2017, 103-150.
Begass (2018): Begass, Christoph: Die Senatsaristokratie des oströmischen Reiches, ca. 457-518. Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen, München, 2018.
Croke (1984): Croke, Brian: Marcellinus on Dara. A Fragment of His Lost De Temporum Qualitatibus et Positionibus Locorum, Phoenix, 1984, 77-88.
Foss (2002): Foss, C.: The Empress Theodora, Byzantion, 2002, 141-176.
Haarer (2006): Haarer, Fiona K.: Anastasius I. Politics and Empire in the Late Roman World, Cambridge, 2006.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Lounghis/Blysidu/Lampakes (2005): Lounghis, T.C./Blysidu, V./Lampakes, S.: Regesten der Kaiserurkunden des oströmischen Reiches von 476 bis 565, Nicosia, 2005.
Luther (1997): Luther, Andreas: Die syrische Chronik des Josua Stylites, 1997.
Meier (2007c): Meier, Mischa: Σταυρωθεὶς δι' ἡμᾶς – Der Aufstand gegen Anastasios im Jahr 512, Millennium, 2007, 157–237.
Meier (2009): Meier, Mischa: Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches, Stuttgart, 2009.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.