Malalas 16.20

Inhalt

Mal. XVI 20 berichtet über einen Traum des Anastasius, in dem ihm sein Ende angekündigt wird. (Olivier Gengler)

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Μετὰ δὲ ὀλίγον καιρὸν εἶδεν ἐν ὁράματι ὁ αὐτὸς βασιλεὺς Ἀναστά-
2
σιος, ὅτι ἔστη ἐναντίον αὐτοῦ ἀνήρ τις τέλειος, λευχείμων, βαστάζων
3
κώδικα γεγραμμένον, καὶ ἀναγινώσκων καὶ ἀναπτύξας τοῦ κώδικος
4
φύλλα πέντε καὶ ἀναγνοὺς τὸ τοῦ βασιλέως ὄνομα εἶπεν αὐτῷ· ῾ἴδε, διὰ
5
τὴν ἀπληστίαν σου ἀπαλείφω δεκατέσσαρα.᾽ καὶ τῷ ἰδίῳ δακτύλῳ αὐ-
6
τοῦ ἀπήλειψε, φησίν. καὶ διυπνίσθη ταραχθεὶς ὁ αὐτὸς Ἀναστάσιος βα-
7
σιλεύς, καὶ προσκαλεσάμενος Ἀμάντιον τὸν κουβικουλάριον καὶ πραιπό-
8
σιτον διηγήσατο αὐτῷ τὴν τοῦ ὁράματος ὀπτασίαν. ὅστις | Ἀμάντιος
9
εἶπεν αὐτῷ· ῾εἰς τὸν αἰῶνα ζῆθι, βασιλεῦ· ἐνύπνιον γὰρ εἶδον κἀγὼ ἐν
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ταύτῃ τῇ νυκτί, ὅτι ὡς ἑστηκὼς κἀγὼ ἐναντίον τοῦ ὑμετέρου κράτους
11
ὄπισθέν μου ἐλθὼν χοῖρος, ὥσπερ σύαγρος μέγας, καὶ δραξάμενος τῷ
12
στόματι τὴν ἀρχὴν τῆς χλαμύδος καὶ τινάξας κατήγαγέν με εἰς τὸ ἔδαφος
13
τῆς γῆς, καὶ ἀνήλωσέν με κατεσθίων καὶ καταπατῶν.᾽ καὶ προσκαλεσά-
14
μενος ὁ βασιλεὺς Πρόκλον τὸν Ἀσιανὸν φιλόσοφον, τὸν ὀνειροκρίτην,
15
ὄντα πάνυ ἐπιτήδειον, εἶπεν αὐτῷ ˂τὸ ὅραμα, ὁμοίως δὲ καὶ Ἀμάντιος·
16
ὁ δὲ ἐσαφήνισεν αὐτοῖς˃ τὴν τοῦ ὁράματος δύναμιν καὶ ὅτι μετὰ χρόνον
17
τελειοῦνται.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/5 εἶδεν ... καὶ ὅτι μετὰ χρόνον τελειοῦνται..: Laut Meier überzeugen die modernen Versuche, die Zahlensymbolik der Traumvision zu erschließen und die Zahlen entweder mit den Regierungsjahren des Anastasius oder mit der Reihenfolge der nach Konstantin regierenden Kaiser in Verbindung zu bringen kaum. Die Zahlen dürften aber - ganz typisch für apokalyptische Diskurse - den Zeitgenossen verständlich gewesen sein (Meier 2009, S. 55).

Die Deutung von Proklos begrenzt die Botschaft der beiden Traumvisionen auf den bald zu erwartenden Tod von Anastasios und Amantios; auf die Zahlensymbolik wird nicht eingegangen. Demnach wusste Anastasius Malalas zufolge, dass sein Ende bald kommen würde. Dass er laut Marc. Comes, s.a. 518, Theod. Lect. §524, 151,24 XVI 22, 2 unerwartet verstarb, könnte sich trotzdem mit der Version von Malalas harmonisieren lassen: der genaue Todeszeitpunkt wurde schließlich dem Kaiser laut Chronographia nicht geoffenbart.

Womöglich wird an dieser Stelle gegen die bereits verbreitete Vorstellung, Anastasios habe sich auf seinen Tod nicht vorbereiten können polemisiert. (Kamil Choda)
4f./12 διὰ τὴν ἀπληστίαν σου: Während auch das Chronicon Paschale (I,610 Dindorf) wie Malalas von der ἀπληστία des Anastasios spricht, ist in anderen Überlieferungssträngen dieses Traums von Anastasios' schlechtem Glauben oder sogar seinem Unglauben die Rede (ἀπιστία: Leo Gram. 120,10; Joel 43,16, Johann. Mosch. §38,2889A, oder κακοπιστία: Theoph. 164,1; Cedr. 635,23; Zonaras III 143,7). Patzig 1898 127, denkt, dass Malalas diese chalkedonensischen Autoren inspirierte, weil er selbst Anhänger des Chalcedonense gewesen sei. Černousov 1926, 71 sieht hingegen in dieser Differenz den besten Beleg für eine miaphysitische Überzeugung des Malalas. Motta 2003, 222 weist jedoch mit Recht darauf hin, dass sowohl Habgier als auch falsche religiöse Überzeugungen wesentliche Kritikpunkte an Anastasius waren. Es ist daher keineswegs so, dass, wie Černousov meint, Malalas hier zwingend zu Anastasios' Religionspolitik hätte Stellung nehmen müssen.

Geldgier als Charakterzug des Anastasius oder des (letztlich in seinem Namen agierenden) praefectus praetorio Orientis Marinus (XVI 12, 3) findet sich auch in anderen zeitnahen Quellen: Lyd. mag. 3,46 (dem entsprechen Anth. Pal. 270f., dazu ausführlich Begass 2017, passim); Lyd. mag. 3,49; Joh. Ant. fr. 312; Patr. Or. 35/4, S. 583, 139b-140a; Evagr. HE 3,42; Kyr. VSabae 54 (Kritik an Marinus, der den eigentlich großzügigen Kaiser negativ beeinflusse); Jord. Rom. 359; s. auch das Orakel von Baalbek (Alexander 1967, 19).

Prok. HA 19,4-8 berichtet von einem Staatsschatz in Höhe von 3200 Kentenarien, den Anastasius zusammengetragen, seine Nachfolger aber recht zügig verschleudert hätten. Ähnlich äußert sich Lyd. mag. 3,51. Hauptstoßrichtung dieser Aussagen dürfte eine Kritik an Justin I. und Justinian sein (so auch Begass 2017, 133). Der Sachverhalt an sich zeigt jedoch auch eine gewisse Sparsamkeit, was für manche vielleicht den Anschein von Geiz oder Geldgier erweckte. Anastasius' Nachfolger Justin I. spricht in Bezug auf die Finanzpolitik seines Vorgängers daher nicht völlig grundlos von einer parca subtilitas (vgl. CJ 2,7,25; zur Beurteilung der genannten Summe s. auch Carlà 2009, 354-355). (Florian Battistella mit Brendan Osswald)
5/5 δεκατέσσαρα: Die Zahl fehlt in der von Istrin edierten slawischen Fassung (Istrin 1994, 346; vgl. Spinka/Downey 1940). Bei Tvorogov 1999, 352 ist die Zahl durch ein Indefinitpronomen ersetzt. (Kamil Choda)
6/4 καὶ διυπνίσθη ταραχθεὶς ὁ αὐτὸς Ἀναστάσιος βασιλεύς... Der Unterschied zwischen Zeno, der, nachdem er einen Hinweis auf das Amt seines mutmaßlichen Nachfolgers, erhalten hatte, mit einer Hinrichtung reagiert (XV 16), und Anastasius, der die Deutung seiner Vision einfach zur Kenntnis nimmt, fällt auf. (Kamil Choda)
9/3 ῾εἰς τὸν αἰῶνα ζῆθι, βασιλεῦ᾽: Černousov 1926, 66 Anm. 1 sieht hier eine Nähe zur Bibel: "C'est à peu près ainsi que le prophète Daniel s'adresse à Nabuchodnosor (Livre de Daniel 3,9): βασιλεῦ, εἰς τοὺς αἰῶνας ζῆθι." In Wirklichkeit sind es in Daniel 3,9 aber die Chaldäer, die sich an den König wenden, allerdings nicht, um seinen Traum zu deuten. Es gibt aber ähnliche Formulierungen im Buch Daniel im Zusammenhang mit Traumdeutungen (2,4 und 6,22). In jedem Fall ist davon auszugehen, dass die Wortwahl der Chronographia die Leser an den biblischen Kontext erinnert haben dürfte. (Florian Battistella, Kamil Choda)
14/4 Πρόκλον τὸν Ἀσιανὸν φιλόσοφον: Es handelt sich hier wahrscheinlich nicht um den bei Mal. XVI 16 genannten Proklos, da dies erstens bei dem Zusatz τὸν Ἀσιανὸν eine Verschreibung aus τὸν Ἀθηναῖον voraussetzt und zweitens der bei Mal. XVI 16 erwähnte Proklos bald nach seinem Hauptstadtaufenthalt starb (vgl. Mal. XVI 16). Es handelt sich vielmehr um PLRE II (Proclus 9), 919. Dieser könnte mit PLRE II (Proclus 5), 919, der im karischen Aphrodisias gewirkt haben soll, identisch sein. Entsprechende Belege für eine Übereinstimmung gibt es allerdings nicht, selbst wenn die Bezeichnung als Ἀσιανός mit Goulet, P 291. Proclus, DPhA Vb (2012), 1546 auf die Provinz Asia zu beziehen sein dürfte. Skeptisch hinsichtlich der Existenz des karischen Proklos äußert sich Janiszewskietal. 2015 Nr. 886, 314 angesichts der hagiographischen Züge von Zach. Rhet. VSeveri S. 39 Kugener (PO 2,1), der einzigen Belegstelle für PLRE II (Proclus 5), 919. Unabhängig von diesen Gedanken schreibt Duffy 2007, 10–11, dass dieser Proklos nicht mit Proklos dem Athener identisch sei, aber nichtsdestoweniger eine fiktive Figur. Auch hält Meier 2009, 321 den von Malalas präsentierten Proklos für "nachträglich aus der Figur des 485 verstorbenen historischen Proklos herausgesponnen". Ähnliche Zweifel äußert auch Goulet, P 290: Proclus d'Athènes, DPhA Vb (2012), 1546. Zur Frage der Personen namens Proklos in Mal. XVI 16, s. auch XVI 16, 23. (Florian Battistella mit Brendan Osswald)
14f./8 τὸν ὀνειροκρίτην, ὄντα πάνυ ἐπιτήδειον: Das Komma nach τὸν ὀνειροκρίτην wird (im Gegensatz zu dem vor τὸν ὀνειροκρίτην) durch die Interpunktion in O (fol. 261r, Z. 13) gestützt. Die Partizipialkonstruktion ὄντα πάνυ ἐπιτήδειον erklärt folglich, warum man diesen Traumdeuter rief. (Florian Battistella)
Parallelüberlieferung
Thurn 2000, 334. Ioann. Mosch. PG 87,3 XXXVIII 2888D–2889A; CP 610,10–611,8; Theoph. 163,31–164,8; Theoph. 163,31–164,8; Kedr. 396,6 (617,57–69 Tartaglia); Leo Gramm. 120,8–10; Theod. Scut. 91,3–7 (Sathas); Theod. Scut. 2,163 (Tocci); Cram. Anecd. Paris. 2,317,1–3; Zon. 3,143,4–7; Ephr. 1106-1109 (44 Lampsidis); Manasses, 2992—3002; Joel 43,14–17. Die slawische Fassung (Istrin 1994, 346f. und Tvorogov 1999, 352) ist übersetzt, von einigen Auslassungen und Übersetzungsfehlern abgesehen, das ganze Kapitel. (Kamil Choda, Brendan Osswald)
Literatur
Alexander (1967): Alexander, Paul J.: The Oracle of Baalbek, Washington, 1967.
Begass (2017): Begass, Christoph: Kaiserkritik in Konstantinopel. Ein Spottepigramm auf Kaiser Anastasius bei Johannes Lydus und in der Anthologia Palatina, Millennium, 2017, 103-150.
Begass (2018): Begass, Christoph: Die Senatsaristokratie des oströmischen Reiches, ca. 457-518. Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen, München, 2018.
Carlà (2009): Carlà, Filippo: L'oro nella tarda antichità: aspetti economici e sociali, Torino, 2009.
Chilmead (1691): Chilmead, Edmund: Johannis Antiocheni cognomento Malalae Historia Chronica … nunc primum edita cum Interpret. & Notis Edm. Chilmeadi …, Oxonii, 1691.
Fichera (2019): Fichera, Regina: Divining to Gain (or Lose) the Favour of Usurpers: the Case of Pamprepius of Panopolis (440–484), 2019, 219-240.
Istrin (1994): Istrin, V. M.: Истрин В. М. Хроника Иоанна Малалы в славянском переводе/Chronika Ioanna Malaly w slawjanskom perewode, 1994.
Janiszewskietal. (2015): Janiszewski, P. [u.a.]: Prosopography of Greek Rhetors and Sophists of the Roman Empire, Oxford, 2015.
Juhász (2014): Juhász, Erika: Die Abschriften des _Chronicon Paschale_, Juhász, Erika, 2014, 45 51.
Lampe (1969): Lampe, G.W.H.: A Patristic Greek Lexicon, Oxford, 1969.
Meier (2009): Meier, Mischa: Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches, Stuttgart, 2009.
Motta (2003): Motta, Daniela: L'imperatore Anastasio tra storiografia ed agiografia, MedAnt, 2003, 195-234.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Tvorogov (1999): Tvorogov, O. V. et alii: Letopisec Ellinskij i Rimskij/Летописец Еллинский и Римский, 1999.
Černousov (1926): Černousov, E.: Études sur Malalas, Byzantion, 1926, 65-72.