Malalas 18.140

Inhalt

In XVIII 140 wird ein letztes Mal auf das militärische Geschehen in Italien verwiesen (s. schon XVIII 88, 97, 110, 116): der Chronist berichtet vom Eintreffen neuer Siegesnachrichten und -symbole nach der Eroberung der norditalischen Städte Verona und Brescia durch den Feldherrn Narses.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Καὶ τῷ αὐτῷ μηνὶ ἐπινίκια ἦλθον ἀπὸ Ῥώμης ἀπὸ Ναρσοῦ τοῦ
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πατρικίου, ὡς ὅτιπερ παρέλαβε πόλεις ὀχυρὰς τῶν Γότθων <δύο>, του-
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τέστι Βεροΐαν καὶ Βρίγκας. ἔπεμψε καὶ τὰς τῶν αὐτῶν πόλεων κλεῖς μετὰ
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καὶ τῶν λαφύρων. |
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Καὶ τῷ αὐτῷ μηνὶ ἐπινίκια ἦλθον ἀπὸ Ῥώμης ἀπὸ Ναρσοῦ τοῦ πατρικίου: Das Kapitel XVIII 140 ist inhaltlich und strukturell mit Kapitel XVIII 116 vergleichbar und beginnt mit einem sehr ähnlichen Satz. Vgl. XVIII 140,1–2 mit 116,1–2: Καὶ τῷ αὐτῷ μηνὶ ἐπινίκια ἦλθον ἀπὸ Ῥώμης ἀπὸ Ναρσοῦ τοῦ κουβικουλαρίου καὶ ἐξάρχου Ῥωμαίων.

Die Einnahme von Verona und Brescia (s. unten) markiert nach dem Fall der Stadt Rom die letzte Etappe der Rückeroberung Italiens. Die Details der Operationen sind uns nicht bekannt. Diese Stelle aus derChronographia ist in der Forschung mit einem Feldzug des Narses gegen den gotischen Heerführer Widin sowie den Franken Amingus in Verbindung gebracht worden, dessen zeitliche Fixierung jedoch schwerfällt (Paul. Diac. Hist. Lang. II 2–3, MGH SS rer. Langob. S. 72f.); zwei Menander Protektor zugerechnete Fragmente mit Details zu einer Schlacht zwischen Narses und Amingus nahe Verona gehören wohl in denselben Kontext (Men. Prot. fr. 3,1, 3,2). Die Chronographia erwähnt keine Beteiligung von Franken. S. dazu die ausführliche Diskussion bei Stein 1949, 610–611 mit RE Suppl. 12 (1970) s.v. Narses, 884–885 (A. Lippold); insbes. zu Menander jetzt Brodka 2018, 204–206; vgl. zudem Fauber 1990, 161f. (nicht ganz zuverlässig).

Laut des Chronisten erreichte die Siegesnachricht Konstantinopel im November 562 (vgl. die Indiktionsangabe im vorherigen Kapitel XVIII 138 Μηνὶ ὀκτωβρίῳ ἰνδικτιῶνος ιαʹ, und die Monatsangabe Μηνὶ νοεμβρίῳ in XVIII 139); die Formulierung der entsprechenden Stelle bei Theophanes ist zweideutig, aber seine Vorlage hatte offensichtlich ebenfalls den Monat November: Mango/Scott 1997, 351 Anm. 6. Für die Eroberung der Stadt durch Narses gibt Agnellus hingegen bereits den 20. Juli 561 als Datum an (Agn. 79, MGH SS rer. Lang. S. 331,26). Die Diskrepanz erklärt Stein 1949, 611, Anm. 1 hypothetisch damit, dass Paulus Diaconus (dessen Bericht er auf dieselbe Kampagne bezieht) von einer "Revolte" spricht: Demnach könne es sich beim erwähnten Widin vielleicht um einen Kommandanten des Narses handeln, der nach einer ersten Einnahme von Verona dort zurückgelassen wurde, dann aber gegen Narses revoltierte und eine zweite Eroberung notwendig machte. Eine einfachere Erklärung wäre, dass sich an die Einnahme der Stadt noch eine längere Kampagne anschloss, die bis in das Jahr 562 dauerte: RE Suppl. 12 (1970) s.v. Narses, 885 (A. Lippold); vgl. Brodka 2018, 206. Für die Zeit zwischen der Eroberung Veronas und dem Tod Justinians berichtet Agnellus über die Vertreibung der Franken aus Italien – was mit den hiesigen Kriegsereignissen gut in Zusammenhang stehen könnte: In diebus istius expulsi sunt Franci de Italia per Narsem patricium (Agn. 90, MGH SS rer. Lang. S. 336,7 vgl. Paulus Diac. II 3, MGH SS rer. Lang. S. 73,14-74,2). (Olivier Gengler mit Jonas Borsch)
1/5 ἐπινίκια ἦλθον: Zu diesem Ausdruck XVIII 116, 1. (Olivier Gengler)
1/9 ἀπὸ Ναρσοῦ τοῦ πατρικίου: Zu Narses (PLRE IIIB (Narses 1) 912–928) XVIII 66, 12. Der Titel patricius ist für Narses zum ersten Mal im März-April 559 belegt: PLRE IIIB (Narses 1) 924; der Chronist ist hier abermals ziemlich genau in seiner Verwendung offizieller Bezeichnungen. Vgl. auch Paul. Diac. Hist. Lang. II 3: Hic Narsis prius quidem chartularius fuit, deinde propter virtutum merita patriciatus honorem promeruit. S. dazu Brodka 2018, 120f. Zum Titel patricius auch: XIII 27, 15. (Olivier Gengler)
2/3 ὅτιπερ: Die Konjunktion ist hier pleonastisch verwendet, wie in II 16 80. Vgl. Lampe s.v. ὅτι 3. (Olivier Gengler)
2/9 <δύο>: Diese Ergänzung von Thurn (aus Theoph. 237,14) ist unnötig: sie ist grammatikalisch nicht notwendig und Theophanes hätte das Wort selbst anhand des Kontextes hinzufügen können. (Olivier Gengler)
3/2 Βεροΐαν: Gemeint ist die Stadt Verona in Venetien. Die gr. Form des Namens ist normalerweise Βερώνα (Proc. Bella VII 3,3) oder Οὐήρωνα (Ptol. III 1,31), evtl. Βέρων (Sozomen. IX 12,4) bzw. Οὐήρων (Strab. V 1,6). Theophanes hat die Form Βηρωΐαν und Kedrenos Βιρίαν, was darauf schließen lassen könnte, dass Theophanes' Vorlage bereits eine abweichende Form des Namens enthielt, die in O nach dem bekannteren Namen Βεροία normalisiert erscheint.

Die Stadt Verona lag in der Antike an einem strategischen Knotenpunkt und kontrollierte die Wege zu den Alpen, den Apeninnen und Illyrien: DNP 12.2 (2002), 77–78 s.v. Verona (E. Buchi). Laut Agnellus von Ravenna (79, MGH SS rer Lang. S. 331,26) wurde die Stadt am 20. Juli 561 eingenommen. Vgl. auch Paul. Diac. Hist. Lang. II 2 (MGH SS rer Lang. S.73,4–9). (Olivier Gengler)
3/4 Βρίγκας: Wahrscheinlich Brescia (Lat. Brixia, gr. Βριξία z.B. bei Strabo V 1,6), ca. 70 km westlich von Verona. Theophanes und Kedrenos haben ebenfalls die Form Βρίγκας. (Olivier Gengler)
3f./5 ἔπεμψε καὶ τὰς τῶν αὐτῶν πόλεων κλεῖς μετὰ καὶ τῶν λαφύρων: McCormick 1986, 66 Anm. 109 zitiert andere Beispiele für Siegesnachrichten sowie die Entsendung von Beute oder Gefangenen an Kaiser Justinian: Procop. Bella V 14,15 (vgl. 24,1) (die Schlüssel von Rom und den gotischen Anführer Leuderis); VII 25,34 (wieder die Schlüssel von Rom); VIII 33,27 (die Schlüssel von Rom und Totilas blutiges Gewand: XVIII 116, 4); IV 28,46 und VIII 14,43 (die von den Mauren zurückeroberte römische Fahne bzw. vier persische Fahnen). Vgl. auch Evagrius, Hist. Eccl. V,9 (204, 20–25), wo Justin II. die Schlüssel von Nisibis verlangt. Solche Sendungen dokumentieren mithin die symbolische Anerkennung der übergeordneten Befehlsgewalt des Kaisers und machen den Sieg für die Bewohner der Hauptstadt erfahrbar: McCormick 1986, 190–191.

Laut Paulus Diac. hatte Narses den gefangenen Widin nach Konstantinopel geschickt. Falls diese Episode mit dem in diesem Abschnitt beschriebenen Geschehen tatsächlich in Verbindung zu setzen ist (XVIII 140, 1), wäre die Sendung des gotischen Anführers in die Hauptstadt als Teil der Siegesnachricht (vor oder mit der Sendung der Schlüssel und der Beute) zu betrachten. Ca. 530 hatte z.B. Moundos nach seinem Sieg in Thrakien ebenfalls die Beute sowie einen barbarischen Anführer an den Kaiser gesendet: XVIII 46, 15. (Olivier Gengler)
4/2 τῶν λαφύρων: In der Chronographia kommt viel häufiger das Lehnwort πραῖδα (und das abgeleitete Verb πραιδεύω) vor: II 7, 15. Dass τά λάφυρα lediglich hier und im Zusammenhang mit dem Triumph über Gelimer (XVIII 81, 3) verwendet wird, spiegelt vielleicht den Wortschatz einer textuellen Quelle (eines Berichtes oder einer offiziellen Nachricht) wider. (Olivier Gengler)
Parallelüberlieferung
Theoph. 237,13–15; Cedr. 679,13–15. Vgl. möglicherweise Menander Prot., fr. 3,1–3,2 Blockley; Paulus Diac. II 2–3 (MGH SS. rer Lang. 72,28–74,2); Agnellus, Lib. Pont. 79 (MGH SS. rer Lang. 331,25–26).
Literatur
Brodka (2018): Brodka, Dariusz: Narses – Politik, Krieg und Historiographie im 6. Jahrhundert n. Chr., Berlin, 2018.
Fauber (1990): Fauber, Lawrence: Narses: the Hammer of the Goths, Gloucester, 1990.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
McCormick (1986): McCormick, Michael: Eternal victory. Triumphal rulership in late antiquity, Byzantium, and the early medieval West, Cambridge / Paris, 1986.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.