Malalas 18.96

Inhalt

Kapitel XVIII 96 informiert über eine "Wirrung" in Konstantinopel um den Beginn der Fastenzeit: Justinian habe veranlasst, dass über den traditionellen Beginn der Fastenzeit hinaus eine Woche länger Fleisch verkauft wurde. Im Volk weigerte man sich freilich, dieses Fleisch zu essen. Diese Maßnahme steht wohl in Verbindung mit einer Anpassung des Termines für das Osterfest.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Τῷ δὲ νοεμβρίῳ μηνὶ διαστροφὴ ἐγένετο περὶ τῆς ἀποκρεωσίμου·
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δὲ αὐτὸς βασιλεὺς προσέταξεν ἑτέραν ἑβδομάδα πραθῆναι κρέα· καὶ
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πάντες μὲν οἱ κρεωπῶλαι ἔσφαξαν καὶ προέθη|καν, οὐδεὶς δὲ ἤσθιεν· ἐγέ-
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νετο δὲ καὶ τὸ ἅγιον πάθος Χριστοῦ τοῦ θεοῦ ἡμῶν καθὼς αὐτὸς βασι-
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Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Τῷ δὲ νοεμβρίῳ μηνὶ: "Im Monat November": Eine Jahresangabe oder ein chronologischer Rückbezug fehlen in der erhaltenen Version. Der September der siebten Indiktion (543 n. Chr., XVIII 93) bildet als letzte feste chronologische Bezugsgröße den terminus post quem. Als nächster Eintrag folgt im Codex Baroccianus ein Ereignis für den Februar der zehnten Indiktion (546/47, XVIII 97). Es können demzufolge die Novembermonate 544, 545 oder 546 n. Chr. gemeint sein. Angesichts des Themas der Passage – ein Konflikt um den Beginn der Fastenzeit – ist die Angabe November allerdings schon für sich genommen auffällig. Aufklärung bietet die Parallelüberlieferung: Theoph. 225, 5–10 legt den verfrühten Beginn des Fastens durch die Bevölkerung auf den 4. Februar 546 n. Chr. Dieser Termin erscheint für die Ansetzung des thematisierten frühen Fastenbeginns plausibel, da er genau 9 Wochen (statt der üblichen 8) vor dem Osterfest des Jahres 546 am 8. April liegt: Mango/Scott 1997, 326f. Anm. 3. Nach Stein 1949, 639 fiel nur die Festlegung des neuens Osterdatums durch Justinian auf November: Beide Berichte bezögen sich damit auf eine längere Ereignisabfolge zwischen November 545 und April 546 n. Chr., beginnend mit einer offiziellen Verlautbarung Justinians o.Ä. (wovon sich im Text allerdings keine direkten Spuren finden) und endend mit Ereignissen rund um das Osterfest. Die weitere griechische und syrische Überlieferung korrespondiert chronologisch mit den beiden Berichten (Cedr. 408.5: 19. Regierungsjahr Justinians = 545/46 n. Chr.; Ps. Dion. 108 und Mich. Syr. II 271: ad annum 857 = 545/46; ohne Datierung Georg. Mon. 644, 16–18; Nik. Kall. XVII 32). Vgl. zur Einordnung 545/46 n. Chr. Scott 1987, 220 Anm. 24; Leppin 2011a, 284f.; "40er Jahre": Meier 2004a, 466.
1/5 διαστροφὴ ἐγένετο: Dieser Ausdruck kommt in Verbindung mit einem περὶ-Komplement noch in Malal. XVIII 54 καὶ ἐκ τούτου ἐγένετο διαστροφὴ περὶ τὰ πάκτα vor, mit einem einfachen Genitiv in Malal. XVIII 117 ἐγένετο διαστροφὴ τοῦ κέρματος. In allen drei Passagen bezeichnet das Substantiv διαστροφή eine diametrale Umkehrung bzw. zumindest eine starke Veränderung der bis dahin herrschenden Verhältnisse: In XVIII 54 betrifft die διαστροφή die Absicht des Perserkönigs, Frieden mit den Römern zu schließen (der König zieht sich plötzlich aus dem Abkommen zurück); in XVIII 117 ändert sich der Wert der Kupfermünze; in vorliegender Stelle betrifft die 'Kursänderung' (= διαστροφή) den Termin für die Apokreosimos-Woche. Diese Auffassung von διαστροφή als 'Änderung' stützt die Interpretation der Passage von Stein 1949, 639, wonach das, was in dem fraglichen Novembermonat geschah, erstmal 'nur' die geplante und angekündigte Verlegung der Apokreosimos (bzw. damit zusammenhängend des Ostertermins) für das Folgejahr war – und noch nicht die daraus entstandenen Wirrungen und Konfrontationen, welche auch Gegenstand des Malalas-Berichts sind, aber einem späteren, vorösterlichen Zeitpunkt angehören: XVIII 96, 1.

Die verfügbaren Übersetzungen von διαστροφὴ ἐγένετο fassen den Ausdruck etwas anders auf: Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 287: "an error occurred"; Thurn/Meier 2009, 506: "kam es zu einer Wirrung"; sie verkennen aber damit, dass der Begriff διαστροφή den Kern bzw. Usprung des Streits (d.h. die terminliche Änderung) und nicht ihre Folgen (Unmut in der Bevölkerung) zum Ausdruck bringt.

1/8 τῆς ἀποκρεωσίμου: 'die Woche [des Beginns der Fleischenthaltung'; der Terminus für 'Woche', ἐβδομάς, ist impliziert und als Femininum verantwortlich für den Artikel τῆς: siehe Festugière 1978, 222. Die fragliche Woche ist selbstverständlich die Anfangswoche der Fastenzeit, die zum Ostertermin führt.
1/9 ἀποκρεωσίμου: Mit dem Begriff Apokreosimos bezeichnet Malalas den letzten Tag vor Beginn der Fastenperiode. Aus dem Kontext (Verweis auf das Osterfest, Z. 4) ergibt sich eindeutig, dass damit der Beginn der vierzigtägigen Osterfastenzeit (Tessarakoste) gemeint ist. Dem Osterfest war wohl ab dem 2. Jh. n. Chr. eine zunächst eintägige Fastenzeit vorausgegangen, deren Dauer sukzessive ausgedehnt wurde; im 4. Jahrhundert war reichsweit die vierzigtägige Dauer etabliert, wobei die Zahl der miteinbezogenen Wochentage (und damit auch die Dauer in Wochen) variieren konnte. Das Osterfasten galt für Kleriker wie Laien als strenge Verpflichtung; seine Missachtung konnte schwere Sanktionen nach sich ziehen. Vgl. RAC VII (1969), s.v. Fasttage (R. Arbesmann), 512–517; ODB II (1991), s.v. fasting (R. F. Taft; A. Kazhdan), 779f.
2/1 ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς προσέταξεν ἑτέραν ἑβδομάδα πραθῆναι κρέα: "Der nämliche Kaiser aber ordnete an, es solle noch eine Woche hindurch Fleisch verkauft werden" (Übs. Thurn/Meier 2009, 506 mit Modif.). Die nahezu identische Formulierung folgt bei Theoph. 225, 6–7, der sie allerdings erst auf den bei Malalas fehlenden Satz folgen lässt, wonach das Volk bereits ab dem 4. Februar mit dem Fasten begonnen hatte. Es ist nicht auszuschließen, dass letztgenannter Halbsatz (mit demselben oder einem anderen Datum) bereits aus der Malalas-Vorlage stammt; zur Abhängigkeit des Theophanes von Malalas an dieser Stelle siehe auch Rochow 1983, 479. Dahinter stand vermutlich der Wille Justinians, das Datum des Osterfestes anzupassen: Vgl. Stein 1949, 639; Mango/Scott 1997, 327 Anm. 3. Um dieses Datum bestand bereits seit Jahrhunderten eine innerchristliche Kontroverse, die auch durch Bestimmungen auf dem Konzil von Nizäa 325 n. Chr. nicht endgültig beigelegt werden konnte und erst 526 n. Chr. mit den Ostertafeln des Dionysius Exiguus eine weitgehende Vereinheitlichung erfuhr: Vgl. TRE XXV (1995), s.v. Ostern/Osterfest/Osterpredigt (G. Visonà), 523f.; LThK VII (1998), s.v. Osterfeststreit (W. Bienert), 1171–1173. Die hier von Malalas berichtete "Wirrung" reiht sich allerdings in eine Vielzahl von Auseinandersetzungen um den Ostertermin ein, die noch für das 6. Jahrhundert greifbar sind: Meier 2004a, 466f.

Nik. Kall. XVII 32 (13. Jh.) behauptet, die Entscheidung des Kaisers sei als reaktion auf eine Hungersnot (λιμός) zu verstehen. Dabei hat er vermutlich die bei Malalas und Theophanes vorangehend erscheinende Meldung über eine (Weizen- und) Weinknappheit mit dem Ereignis in Verbindung gebracht (zum Verhältnis zwischen Nikephoros und Malalas siehe Brodka 2016, ohne spezielle Berücksichtigung dieser Passage). Die direkten Bezüge zum Osterfest bei Malalas und Theophanes sowie die ausführlicheren Schilderungen des Streites bei Ps. Dion. 108 und Mich. Syr. II 271 führen jedoch deutlich vor Augen, dass es sich hier nicht um die Behebung von Versorgungsschwierigkeiten, sondern sicher um einen theologischen Konflikt handelt.
2/1 ὁ δὲ αὐτὸς βασιλεὺς: Zu dieser Formel XVIII 40, 3.
2f./10 καὶ πάντες μὲν οἱ κρεωπῶλαι ἔσφαξαν καὶ προέθηκαν, οὐδεὶς δὲ ἤσθιεν: Dass die Fleischer schlachteten und ihre Waren auslegten, aber niemand kaufen wollte, wird bei Theoph. 225, 9–10 fast wortgleich wiederholt. Vgl. mit noch genaueren Ausführungen, wonach einige Leute das ausgehängte Fleisch mit Staub und Kalk bewarfen, Ps. Dion. 108 und Mich. Syr. II 271. Demnach habe Justinian die Fleischer daraufhin abermals zum Schlachten gezwungen und ihnen Ausgleichszahlungen aus öffentlicher Kasse versprochen.
3ff./11 ἐγένετο δὲ καὶ τὸ ἅγιον πάθος Χριστοῦ τοῦ θεοῦ ἡμῶν καθὼς ὁ αὐτὸς βασιλεὺς ἠβουλήθη: "Aber auch das heilige Leiden unseres Gottes Christus wurde begangen, wie eben dieser Kaiser es wollte." Dieser Satz bezieht sich auf den Termin des Osterfestes. Für Leppin 2011a, 284f., klingt die Feststellung "resigniert" – d.h. nach einer unterschwelligen Kritik am Kontrollwahn des Kaisers. Falls der ursprüngliche Text hier ebenfalls nach Theophanes ergänzt werden kann, muss man die Stelle allerdings etwas anders lesen: Vgl. Theoph. 225, 10–11: τὸ δὲ πάσχα γέγονεν, ὡς ὁ βασιλεὺς ἐκέλευσεν, καὶ εὑρέθη ὁ λαὸς νηστεύων ἑβδομάδα περιττήν ("Ostern kam so wie der Kaiser befahl, und es stellte sich heraus, dass das Volk eine zusätzliche Woche gefastet hatte"). Diese Theophanes-Beobachtung gibt dem Bericht eine andere Wendung, denn es ist letztlich die Zeitrechung des Volkes (und nicht diejenige des Kaisers) die für unangemessen (περιττός: exzessiv lang) befunden wurde.
4/5 ἅγιον: Dieses Adjektiv wurde sowohl in der Ausgabe von Chilmead 1691, II, 226 als auch in derjenigen von Dindorf 1831, 483 ausgelassen (wohl versehentlich). Auf O ist allerdings eindeutig τὸ ἅγιον πάθος zu lesen (f. 313); der richtige Wortlaut wurde von Bury 1897, 230 wiederhergestellt.
4/11 καθὼς: Das aus κατὰ + ὥς zusammengesetzte Adverb καθώς 'sowie' kommt in der Malalas-Chronik vorwiegend "stereotyp bei den prunkenden Quellenangaben vor" (Rüger 1895, 22), zur Hervorhebung und Absicherung der Auctoritas der referierten Fakten (die übliche Formel lautet: καθώς + Eigenname der Quelle + verbum dicendi). In einigen wenigen Fällen leitet καθώς einen Satz ein, der den Gedanken zum Ausdruck bringt, dass eine Aktion genau so ausgeführt wurde, "wie der Kaiser bzw. Gott (oder seltner eine andere Instanz) verordnet hatte": für Gott vgl. Malal. I 4 καὶ ἐκέλευσεν ὁ θεὸς τῷ Νῶε ποιῆσαι κιβωτὸν καὶ ἐποίησεν καθὼς συνέταξεν αὐτῷ ὁ κύριος und in demselben Abschnitt noch καθὼς ἐκέλευσεν αὐτῷ ὁ κύριος; für den Kaiser bzw. König vgl. (neben der hiesigen Stelle) Malal. VIII 5 καθὼς διετάξατο οὕτως (Alexander der Große); für eine andere befehlende Instanz Malal. II 11 καθὼς ἐδιδάχθη ὑπὸ τοῦ ἰδίου πατρὸς Πίκου; Malal. V 19 καθὼς ἐκέλευσεν ἡ Κίρκη.
4/12 ὁ αὐτὸς βασιλεὺς: Zu dieser Formel XVIII 40, 3.
5/2 ἠβουλήθη: Mit langem Augment, wie oft beim Verb βούλομαι in der Malalas-Chronik, siehe die Zusammenstellung der einschlägigen Passagen (inkl. den wenigen Belegen für das ε-Augment) bei Merz 1911, 18.
Parallelüberlieferung
Griechisch: Theoph. a.m. 6038 = 225, 5–10 de Boor; Cedr. 408.5 = 635, 33–636, 38 Tartaglia; Georg. Mon. 644, 13–18 de Boor; Nik. Kall. XVII 32 = PG 147, 304 A–B. Syrisch: Ps. Dion. 108 Witakowski; Mich. Syr. II 271 Chabot.
Literatur
Brodka (2016): Brodka, Dariusz: Die Weltchronik des Johannes Malalas und die Kirchengeschichte des Nikephoros Xanthopulos Kallistos, Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor - Werk - Überlieferung, 2016, 287-310.
Bury (1897): Bury, John B.: Johannes Malalas: The Text of the Codex Baroccianus, ByzZ, 1897, 219–230.
Chilmead (1691): Chilmead, Edmund: Johannis Antiocheni cognomento Malalae Historia Chronica … nunc primum edita cum Interpret. & Notis Edm. Chilmeadi …, Oxonii, 1691.
Dindorf (1831): Dindorf, Ludwig: Iohannis Malalae Chronographiae ex recensione L. Dindorfii, Bonn, 1831.
Festugière (1978): Festugière, André-Jean: Notabilia dans Malalas. I, Revue de Philologie, 1978, 221–241.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Leppin (2011a): Leppin, Hartmut: Justinian. Das christliche Experiment, Stuttgart, 2011.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Meier (2004a): Meier, Mischa: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen, 2004.
Merz (1911): Merz, Ludwig: Zur Flexion des Verbums bei Malalas, Pirmasens, 1911.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Rüger (1895): Rüger, Anton: Studien zu Malalas. Präpositionen und Adverbien. Das 18. Buch. Die konstantinischen Excerpte. Die tuskulanischen Fragmente, Bad Kissingen, 1895.
Scott (1987): Scott, Roger: Justinian's Coinage and Easter Reforms and the date of the Secret History, Byzantine and Modern Greek Studies, 1987, 215–221.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.