Malalas 9.16

Inhalt

Eroberung von Phönizien, Arabien und allen Toparchien außer Kappadokien und Judäa. (Brendan Osswald)

Kapitel-Kommentar
Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Καὶ τὴν Φοινίκην δὲ ὑπέταξε· καὶ πέμψας στρατηγοὺς μετὰ βο-
2
ηθείας Λούκουλλον καὶ Πόντιον, οἵτινες ἐνίκησαν Τιγράνην τοπαρχοῦντα
3
αὐτῆς καὶ ἐποίησεν αὐτὴν ἐπαρχίαν. καὶ τὴν λεγομένην δὲ Ἀραβίαν ὑφ᾽
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ἑαυτόν, ἤτοι ὑπὸ Ῥωμαίους, ἐποίησε κρατουμένην ὑπὸ Ἄραβα, βασι-
5
λέως βαρβάρων Σαρακηνῶν, καὶ ἐτείχισε κώμην ἣν ἐκάλεσε Βόστραν εἰς
6
ὄνομα Βόστρου τοῦ πεμφθέντος ὑπ᾽ αὐτοῦ στρατηγοῦ, καὶ τὰς λοιπὰς
7
δὲ τοπαρχίας ὑπέταξε δίχα τῆς Καππαδοκίας τῆς τοπαρχουμένης ὑπὸ
8
Ἀρχελάου καὶ τῆς τετραρχίας Ἡρώδου τοῦ τετραρχοῦντος τῆς Ἰουδαίας
9
χώρας, ἐπειδὴ προσήνεγκαν αὐτῷ ἀμφότεροι δῶρα μεγάλα.
Kapitel-Kommentar
Mal. 9.16
Dieser Abschnitt gehört zu einer Reihe von Berichten, die sich mit der Neuordnung des Orients unter Augustus (dazu: IX 8) befassen. Von den hier gegebenen Informationen sind die ersten jedoch vor bzw. nach Augustus' Regierungszeit zu datieren:

  • Feldzüge von Lucullus und Pompeius gegen Tigranes
  • Einrichtung des Königreichs der Nabatäer als Klientelstaat (beides in den 60er Jahren vor Christi Geburt)
  • Annektierung dieses Königreichs (106 n.Chr.)
  • Annektierung von verschiedenen Klientelstaaten (unter der Herrschaft des Augustus)
(Brendan Osswald)
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Καὶ τὴν Φοινίκην δὲ ὑπέταξε (...) καὶ ἐποίησεν αὐτὴν ἐπαρχίαν: Zu Phönizien: II 7, 7. Zu Recht sieht Métivier 2006, 160 die Gründung dieser Provinz in der Chronographia als eine „évocation très confuse“ an. In Wirklichkeit wurde Phönizien zusammen mit Syrien von Pompeius im Jahre 64 v.Chr. annektiert: Sartre 2001, 449; Sartre 2005, 42; s. Mal. VIII 29. Erst im Jahre 194 n. Chr. unter Septimius Severus wurde eine Provinz mit dem Namen Syria Phoenice eingerichtet: Sartre 2001, 614–617; Sartre 2005, 135f. Dieses Ereignis wird in der Chronographia nicht separat erwähnt. (Brendan Osswald)
1/6 καὶ πέμψας στρατηγοὺς ... τοπαρχοῦντα αὐτῆς: Dies ist wahrscheinlich eine Anspielung auf die Expeditionen von Lucullus und Pompeius gegen Tigranes während des Dritten Mithridatischen Krieges: s. Sartre 2001, 439–442; Sartre 2005, 35–38; SherwinWhite 1994. Lucullus drang im Jahre 69–68 v. Chr. in Armenien ein und zwang Tigranes, Syrien (einschließlich Phönizien) zu räumen, stieß aber selbst nicht nach Syrien vor. Er wurde im Jahre 67 von Pompeius abgelöst, der in Armenien und anschließend in Syrien (einschließlich Phönizien) einmarschierte. Syrien stand zu diesem Zeitpunkt unter seleukidischer Herrschaft. (Brendan Osswald)
2/2 Λούκουλλον: Lucius Licinius Lucullus, römischer Staatsmann und General (118–56v.Chr.). Als Freund Sullas nahm er unter dessen Befehl am Ersten Mithridatischen Krieg (89–85 v.Chr.) teil. Er wurde dann Konsul (74 v.Chr.) und leitete die Operationen während des ersten Teils des Dritten Mithridatischen Krieges (74–63 v.Chr.). Er errang Siege über Mithridates und seinen Verbündeten Tigranes (s. oben). Heutzutage wird sein Name vor allem mit einer Vorliebe für Luxus und exquisite Küche verbunden. Lit.: M. Gelzer, RE 13/1 (1926), 376–414, s.v. Licinius 104; W. Will, DNP, s.v. Licinius Lucullus, Lucius. S. auch: Keaveney 1992; LeBohec 2019. (Brendan Osswald)
2/4 Πόντιον: Métivier 2006, 160 Anm. 34, stellt die Hypothese auf, dass Πόντιον eine entstellte Fassung von Πομπήιον wäre. Thurn/Meier 2009, 234 Anm. 94 konstatieren ebenfalls, dass „Malalas oder seine Quelle «Pontius» mit «Pompeius» verwechselt“ hat. Tatsächlich kann dies ein Kopier- oder Lesefehler sein, der sich überall auf dem Weg von der Zusammenstellung des Textes durch den Autor bis hin zum Kopieren von O eingeschlichen haben kann.

Man könnte auch annehmen, dass es sich um eine Abwandlung von Ponticus handelt, dem potenziellen Agnomen von Lucullus, das er nach seinem Triumph im Jahre 63 getragen haben dürfte. Thomas 1977 zeigte jedoch, dass es nicht die Quellen sind, die Lucullus dieses Agnomen zuschreiben, sondern die Literatur des 19. Jh. Diese Hypothese ist also unwahrscheinlich. (Brendan Osswald)
2/7 Τιγράνην: Zu Tigranes, dem König von Armenien: VIII 29, 2. (Brendan Osswald)
2/8 τοπαρχοῦντα: Zu diesem Verb: IV 10, 6. (Brendan Osswald)
3/10 Ἀραβίαν: Hier handelt es sich um das erste Vorkommen des (geographischen) Eigennamens Arabien (Ἀραβία), den man in der Chronographia achtmal findet; er wird fast immer mit den Sarazenen in Verbindung gebracht:

  1. IX 16,3 (hier): τὴν λεγομένην δὲ *Ἀραβίαν* (...) κρατουμένην ὑπὸ Ἄραβα, βασιλέως βαρβάρων *Σαρακηνῶν*
  2. XII 26,32: <Ὀδ>έναθος βασιλεὺς *Σαρακηνῶν* βαρβάρων, ὁ κρατῶν τὴν *Ἀραβίαν* χώραν
  3. XII 27,9: ἀπῆλθεν εἰς τὴν *Ἀραβίαν* καὶ συνέβαλε πόλεμον τῷ <Ὀδ>ενάθῳ βασιλεῖ *Σαρακηνῶν* βαρβάρων
  4. XII 27,11: καὶ ἐφόνευσεν αὐτὸν καὶ παρέλαβε τὴν *Ἀραβίαν* (unmittelbar nach dem letzten Vorkommen)
  5. XII 28,10: Ζηνοβία ἡ *Σαρακηνή* (...) παρέλαβε τὴν *Ἀραβίαν*
  6. XII 30,25: τὴν *Ἀραβίαν* κατεχομένην ὑπὸ βαρβάρων *Σαρακηνῶν*
  7. XVIII 16,7: τοῖς δουξὶ Φοινίκης καὶ *Ἀραβίας* καὶ Μεσοποταμίας (die *Σαρακηνοί* werden in XVIII 16,3 und XVIII 16,4 erwähnt).
  8. XVIII 112,2: ἔν τε *Ἀραβίᾳ*

Es gibt kein anderes Toponym, das etymologisch oder anderweitig mit den Sarazenen verbunden ist, sodass Arabien ihr Land zu sein scheint, ohne dass dies jedoch explizit gesagt wird. Eine andere Schlussfolgerung kann sein, dass nach Ansicht des Autors Arabien von Sarazenen bewohnt wird, deren Siedlungsgebiet jedoch über die Provinz Arabien hinausgeht.

Die Bedeutung von Ἀραβία in der Chronographia ist nicht einheitlich. Hier bezeichnet der Begriff das Gebiet des nabatäischen Königreichs und später der Provinz Arabia IX 16, 3f.. Im Buch XII ist wahrscheinlich das arabische Siedlungsgebiet vom Tigris bis zum Roten Meer gemeint (XII 26, 31f.). Im Buch XVIII schließlich handelt es sich eindeutig um die Provinz Arabien (XVIII 16, 7; XVIII 112, 2ff.). (Brendan Osswald)
3f./6 καὶ τὴν λεγομένην ... βαρβάρων Σαρακηνῶν: In der Formulierung ἡ λεγομένη Ἀραβία ist das Wort γῆ entsprechend dem üblichen Sprachgebrauch impliziert (dazu: LSJ, 347 s.v. II). Hier geht es wahrscheinlich um das Königreich der Nabatäer, das mindestens seit dem 3. Jahrhundert bestand, sich hauptsächlich über die Wüstenregionen zwischen dem Toten Meer und dem Hedschas erstreckte und dessen Hauptstadt Petra war; dazu: G. Hölscher, RE 19/1 (1937), 1170–1178, s.v. Petra 8; I. Toral-Niehoff, DNP, s.v. Nabataioi, Nabatäer; Lindner 1997; Sartre 2001, 52–54; 411–424; 516–525; Sartre 2005, 16–23; 80–87. Das nabatäische Königreich wurde im Jahre 62 v.Chr. durch die Expedition von Pompeius' Legaten Aemilius Scaurus zu einem Klientelstaat Roms (Sartre 2001, 455f.; Sartre 2005, 46f.; SherwinWhite 1994, 262). Eine Annektion erfolgte erst im Jahre 106 n.Chr. unter Trajan durch Palma (Gouverneur Syriens von 105 bis 108 n.Chr.), offenbar ohne kriegerische Operation (Sartre 1985, 63–72; Sartre 2001, 525; Sartre 2005, 87; zu den Grenzen und den Gouverneuren der Provinz Arabien, s. Sartre 1982, 17–120). Die Ausführungen des Chronisten scheinen demnach in dieser Form unzutreffend zu sein, was die Frage aufkommen lässt, ob eines der beiden Ereignisse vielleicht falsch wiedergegeben wurde. Der unmittelbare Zusammenhang lässt keine Entscheidung zu, denn der vorherige Satz bezieht sich auf die Militäroperationen der 60er Jahre v.Chr., sodass man vielleicht die Aufnahme des Königreichs in ein Klientelverhältnis bevorzugen möchte, während der nächste Satz sich eindeutig auf den Status von Bostra nach der Annektion im Jahre 106 n.Chr. zu beziehen scheint (IX 16, 5). In einem breiteren Kontext findet sich das nächste Vorkommen des Begriffs Ἀραβία in XII 27,32, wobei Arabien zu diesem Zeitpunkt von Odaenathus, dem βασιλεὺς Σαρακηνῶν und Verbündeten der Römer, kontrolliert wird. Auf den ersten Blick könnte man also annehmen, dass laut der Chronographia Arabien bis zu diesem Zeitpunkt ein Klientelkönigreich geblieben sei.

Aus semantischer Sicht bedeutet der Ausdruck ὑφ᾽ἑαυτόν... ἐποίησε wörtlich „unterstellen“ (Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 118: „he made subject to himself“; Thurn/Meier 2009, 234: „unterwarf er sich“) und könnte sowohl eine Aufnahme in ein Klientelverhältnis als auch eine Annektion bezeichnen. In der Chronographia begegnet der Ausdruck in beiden Bedeutungen. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um eine Annektion; nur in einem Fall hat das Wort mit einem Klientelverhältnis zu tun. Dort ist das (grammatische) Objekt zu diesem Verb aber kein Gebiet, sondern ein Herrscher (VI 22, 6f.). Diese Tatsache und der weitere Verlauf des Textes lassen schlussfolgern, dass diese Passage als die Erzählung einer Annektion verstanden werden sollte, wie auch Thurn/Meier 2009, 234 Anm. 96 die Passage interpretieren.

Bildet dieses annektierte Gebiet eine neue Provinz? Dies wird hier nicht explizit behauptet und die Gründung der Provinz Arabia wird später erwähnt (XII 30,25–27). Man kann daher annehmen, dass dies für den Autor bedeutete, dass es vorher keine gab. Es könnte daher gerechtfertigt erscheinen, dass diese Passage keine Notiz zur Provinzgründung darstellt. Einige Argumente können jedoch auch dazu verleiten, das Gegenteil anzunehmen. Erstens steht die Notiz über die Einrichtung der Provinz Arabien in XII 30 nach der Niederlage Zenobias und der Rückeroberung des Nahen Ostens durch Rom. Sie ist daher nicht unvereinbar mit der Existenz einer Provinz vor dem Aufstand des Odaenathus. Zweitens endet der Bericht über die Einrichtung der Provinz Phönizien in IX 16, der der hier diskutierten Passage vorangeht, mit dem Syntagma ἐποίησεν αὐτὴν ἐπαρχίαν, was den Eindruck erweckt, dass der Begriff ἐπαρχία auch im vorliegenden Fall impliziert ist. XII 30,25–27 liefert übrigens mit der Wendung ἐποίησεν αὐτὴν ὑπὸ Ῥωμαίους εἶναι ἐπαρχίαν ebenfalls ein Beispiel, das zeigt, dass die Syntagmen ἐποίησεν αὐτὴν ὑπὸ Ῥωμαίους und ἐποίησεν αὐτὴν (εἶναι) ἐπαρχίαν sich nicht gegenseitig ausschließen.
Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass der fragliche Auszug von der Provinz Arabien handelt und dass sein Kontext viele Ähnlichkeiten mit der hiesigen Passage aufweist:

*IX 16,3–5**XII 30,25–27*
καὶ ἐποίησεν αὐτὴν *ἐπαρχίαν*. καὶ *τὴν λεγομένην δὲ Ἀραβίαν* ὑφ᾽ἑαυτόν, ἤτοι *ὑπὸ Ῥωμαίους*, *ἐποίησε κρατουμένην ὑπὸ* Ἄραβα, βασιλέως *βαρβάρων Σαρακηνῶν**τὴν Ἀραβίαν κατεχομένην ὑπὸ βαρβάρων Σαρακηνῶν* συγγενῶν <Ὀδ>ενάθου Σαρακηνοῦ φονεύσας πάντας *ἐποίησεν* αὐτὴν *ὑπὸ Ῥωμαίους* εἶναι *ἐπαρχίαν*

In jedem Fall zeigt dieser Passus, dass die Konstruktionen ποιεῖν ἐπαρχίαν und ποιεῖν ὑπὸ Ῥωμαίους nicht exklusiv sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Begriff ἐπαρχίαν in dieser Passage als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist also hoch. Diese Passage könnte folglich im Katalog der Notizen zu Provinzgründungen von Métivier 2006, 169–172 mit Vorsicht hinzugefügt werden.

Zuletzt stellt sich noch die Frage, wie es zu dieser sachlich falschen Notiz kommen konnte. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die Römer zur Zeit des Augustus tatsächlich einen Feldzug gen Arabien unternommen haben, der in verschiedenen Quellen Erwähnung findet. Im Jahre 25 v.Chr. führte der Präfekt von Ägypten Aelius Gallus eine Armee von etwa 10 000 Mann sowie jüdische und nabatäische Hilfstruppen gegen die sabäischen und himyaritischen Stämme durch die westlichen Gebiete des arabischen Halbinsels an: Christ+1992, 122f.; Gruen 1996, 149. Der Feldzug war zwar nicht erfolgreich, doch das erwähnen nicht alle Quellen (für die Quellen s. Abschnitt Parallelüberlieferung). Zu dieser Gruppe, die die Niederlage versschweigen, gehören u.a. der Bericht des Flavius Josephus (Ant. Iud. XV 317) und der Tatenbericht des Augustus (RGDA V/XIV 26). Von diesen beiden Quellen berichtet die erstgenannte darüber, dass Herodes 500 ausgewählte Soldaten zur Verfügung stellte, die sich für Aelius Gallus bei seiner Expedition ans Rote Meer als sehr nützlich erwiesen. Diese Information ist eingebettet in Ausführungen zu Herodes. Da diese auch hier folgen (s.u.) und die Chronographia auch an anderen Stellen Informationen, die aus Josephus' Werken stammen dürften (z.B. IX 17, 1), verarbeitet, scheint es plausibel auch hier Josephus im Hintergrund zu vermuten, entweder als direkte Quelle oder indirekt (dazu: I 4, 20). Aus Josephus allein erklärt sich allerdings vor allem die Position innerhalb des Gesamtzusammenhangs. Die Einrichtung einer Provinz durch Augustus lässt sich nicht zwingend aus der Josephus-Stelle ableiten. Es muss sich daher entweder um eine phantasievolle Rückprojektion der späteren Verhältnisse - sprich einer Provinz Arabia - in augusteische Zeit handeln oder man muss annehmen, dass noch eine weitere Quelle die vorliegende Notiz mitgeprägt hat. Diese andere Quelle müsste dann den Eindruck von der Einrichtung einer Provinz Arabia statt lediglich eines Feldzuges vermittelt haben, wozu z.B. der Kontext, in den der Tatenbericht des Augustus den Arabien-Feldzug stellt, in der Lage wäre (RDGA V/XV-XVI 26f.). (Brendan Osswald mit Florian Battistella)
4/8 Ἄραβα: Araps (Ἄραψ) ist hier offensichtlich als eponymische Figur gedacht; zu dieser Pseudo-Etymologie, s. Jeffreys 1990a, 205. In griechischer Mythographie tritt ebenfalls ein Araps auf, der der Sohn des Hermes und der Thronia, Tochter des Königs Belus von Ägypten, und der Vater der Kassiopeia, Frau des Königs Phoinix von Phönizien, ist, oder als Sohn von Apollon und Babylo bekannt ist: Tümpel, RE II,1 (1895), 363, s.v. Arabios; 365f., s.v. Arabos.

Es ist möglich, dass es sich hierbei um eine Verwechslung oder eher eine Zusammenfügung der Eponyme mit einem König handelt, der zur Zeit der im Satz erwähnten Ereignisse tatsächlich regierte, entweder Arethas III. im Jahre 62 v.Chr. oder Rabbel II. im Jahre 106 n.Chr. (Sartre 2001, 455, 525; Sartre 2005, 46, 87). Wahrscheinlicher ist jedoch der erste von den beiden aufgrund der sprachlichen Nähe der beiden Namen zueinander. (Brendan Osswald)
4/9 βασιλέως βαρβάρων Σαρακηνῶν: Das Syntagma βασιλεὺς Σαρακηνῶν und seine Varianten begegnen in der Chronographia elfmal, in Bezug auf vier Charaktere:

  • Araps

** IX 16,4f. (hier): Ἄραβα, βασιλέως βαρβάρων Σαρακηνῶν
  • Odaenathus

** XII 26, 31f.: <Ὀδ>έναθος βασιλεὺς Σαρακηνῶν βαρβάρων
** XII 26,34: <Ὀδ>έναθος βασιλεὺς Σαρακηνῶν
** XII 26,42: <Ὀδ>έναθος βασιλεὺς Σαρακηνῶν
** XII 27, 10: τῷ <Ὀδ>ενάθῳ βασιλεῖ Σαρακηνῶν βαρβάρων
  • Zenobia

** XII 26, 33: Ζηνοβίαν (...) Σαρακηνὴν βασίλισσαν
** XII 30, 11: Ζηνοβίας βασιλίσσης Σαρακηνῶν
** XII 30,22f.: βασίλισσαν βαρβάρων Σαρακηνῶν
  • Alamundaros (Al-Mundhir III.)

** XVIII 59, 22: Ἀλαμούνδαρος δέ, βασιλίσκος Σαρακηνῶν
** XVIII 61,24: Ἀλαμούνδαρος ὁ τῶν Σαρακηνῶν βασιλίσκος
** XVIII 61, 33f.: Ἀλαμούνδαρον βασιλέα

Zum Königtum bei den Arabern: Shahîd 1984c, 510–514; Sartre 1982, 136–139; Sartre 2001, 988–990; Sartre 2005, 361–363; Fisher 2011, 77f. Zu den in der Chronographia oft als Barbaren bezeichneten Sarazenen: III 8, 2. (Brendan Osswald)
5/4 καὶ ἐτείχισε κώμην ἣν ἐκάλεσε Βόστραν: Die Stadt Bostra (s. Sartre 1985; https://pleiades.stoa.org/places/678073) existierte bereits im zweiten Jahrtausend v. Chr.: s. Sartre 1985, 43–45. Die Hauptstadt des nabatäischen Königreichs war Petra, aber der letzte König Rabbel II. (70–106 n.Chr.) hatte bereits vor der Annektierung seine Residenz nach Bostra verlegt (Sartre 1985, 54–56). Nach 106 n.Chr. beließen die Römer die Hauptstadt der Provinz dort. Die Stadt erhielt jedoch bei dieser Gelegenheit einen neuen offiziellen Namen und den Status einer πόλις (Sartre 1985, 73–76).

Dieser Satz lässt vermuten, dass Arabien damals annektiert wurde, da die Römer keinen Grund hatten, in einem Klientelstaat Befestigungsarbeiten durchzuführen oder den Namen einer Stadt zu ändern. Sartre 1985, 49 und 64 Anm. 10 ist der Ansicht, dass dieser Satz eine Übertragung von Ereignissen auf Augustus darstellt, die unter Trajan stattgefunden haben. (Brendan Osswald)
5/10 εἰς ὄνομα Βόστρου τοῦ πεμφθέντος ὑπ᾽ αὐτοῦ στρατηγοῦ: Diese Etymologie ist, wie oft in der Chronographia, fiktiv (dazu: Jeffreys 1990a, 205). In der Tat ist der Ortsname Bụsrā mindestens seit dem 2. Jh. v. Chr. belegt (Sartre 1985, 46). Dieser Name basiert wahrscheinlich auf der semitischen Wurzel bāṣar und der euphonische Konsonant t wurde aufgrund der ungewöhnlichen Konsonantenfolge sr hinzugefügt (ebd., 48f.). Zu weiteren fantasievollen Etymologien für Bostra: ebd., 49.

Was den angeblich von Augustus gesandten General betrifft, so scheint es ihn nicht gegeben zu haben. Der Legat, den Pompeius im Jahre 62 v. Chr. schickte, hieß Aemilius Scaurus (K.-L. Elvers, DNP, s.v. Aemilius I 38), während der Gouverneur von Syrien, der die Annektion im Jahre 106 n.Chr. durchführte, Palma hieß (PIR C 1411–1412; Sartre 1985, 64). Ausführlicher zu den Vorgängen: IX 16, 3f.. (Brendan Osswald)
6/8 καὶ τὰς λοιπὰς δὲ τοπαρχίας ... δῶρα μεγάλα: Dieser Satz und das folgende Kapitel (Mal. 9,17) gehören offensichtlich zur selben erzählerischen Einheit, deren Thema die Toparchien von Judäa und Kappadokien sind. Die Einteilung der Kapitel scheint hier also fragwürdig zu sein. (Brendan Osswald)
6f./9 τὰς λοιπὰς δὲ τοπαρχίας ὑπέταξε: Augustus beseitigte in der Tat einige Klientelstaaten. Im Jahr 30 v. Chr. fügte er der Provinz Syrien das Fürstentum Emesa, das Königreich von Amanus in Ostkilikien und das Ebene Kilikien hinzu. Bereits 20 n. Chr. stellte er jedoch die ersten beiden wieder her. Außerdem annektierte er mehrere Städte, z.B. Seleukeia und Gaza (Sartre 2001, 470f.). Es ist jedoch falsch zu behaupten, dass nur die Toparchien von Kappadokien und Judäa fortbestanden hätten. Neben Emesa und Amanus gab es in dieser Region das Königreich Kommagene, das Fürstentum Arca und das Nabatäische Königreich (ebd., 497–527). Zum Begriff τοπαρχία: IV 1, 9. (Brendan Osswald)
7/6 Καππαδοκίας: Zu dieser Region: VI 10, 3. Es handelt sich um die erste Erwähnung dieses Gebiets seit der Zeit des Krösus (VI 10, 3). In der Zwischenzeit war die persische Provinz unter die Herrschaft Alexanders des Großen geraten, bevor sie ein unabhängiges Königreich wurde. Diese Ereignisse enthält die Chronographia nicht. Es handelt sich hierbei um die erste Erwähnung der Toparchie von Kappadokien. Die hier gegebene Information, dass Augustus diesen Staat nicht annektierte, ist richtig: Kappadokien blieb bis zu Tiberius ein Klientelkönigreich (Hild/Restle 1981, 63f.). (Brendan Osswald)
7/8 τοπαρχουμένης: Zu diesem Verb: IV 10, 6. (Brendan Osswald)
8/1 Ἀρχελάου: Archelaos Sisines Philopatris, König Kappadokiens (36 v.Chr.–17 n.Chr.); U. Wilcken und E. H. Berger, RE 2/1 (1895), 451f., s.v. Archelaos 15; M. Schottky, DNP, s.v. Archelaos 7. Er wird noch zweimal in der Chronographia erwähnt: s. IX 17, 6f. und X 10, 23ff..

In verbindung mit seiner Person bzw. Herrschaft werden abwechselnd Begriffe wie τοπάρχης, τοπαρχία, τοπαρχέω (5 Vorkommen: IX 16,7; 17,4.7; X 10,24), βασιλεὺς und βασιλεία (2 Vorkommen: IX 17,7.9) und τετραρχία (IX 17,9) verwendet. (Brendan Osswald)
8f./3 τῆς τετραρχίας Ἡρώδου τοῦ τετραρχοῦντος τῆς Ἰουδαίας χώρας: Herodes I. der Große (geb. ca. 73 v.Chr.), König von Judäa (37–4 v.Chr.). Er ist insbesondere deswegen bekannt, weil unter seiner Herrschaft Christus geboren wurde (X 1, 7f.). Zu ihm: W. Otto, RE Suppl. II (1913), 1–158, s.v. Herodes 14; K. Bringmann, DNP, s.v. Herodes 1; Sartre 2001, 530–536.

Er ist zwölfmal in der Chronographia erwähnt:

  1. IX 16,8 (hier): Ἡρώδου τοῦ τετραρχοῦντος τῆς Ἰουδαίας χώρας
  2. IX 17,1: Ὁ δὲ Ἡρώδης βασιλεὺς τῆς Ἰουδαίας
  3. IX 17,5: ὁ μὲν Ἡρώδης βασιλεὺς καὶ τοπάρχης
  4. X 1,7f.: Ἡρώδου τοῦ μεγάλου τοῦ βασιλέως
  5. X 4,1: Ἡρώδης δὲ ὁ τοπάρχης ἤτοι βασιλεὺς τῆς Ἰουδαίας
  6. X 4,9: τῷ Ἡρώδῃ βασιλεῖ
  7. X 4,15: ὁ δὲ Ἡρώδης
  8. X 4,18: ὁ Ἡρώδης
  9. X 4,27: Ἡρώδην
  10. X 4,28: τοῦ Ἡρώδου βασιλέως
  11. X 4,29: ὁ αὐτὸς Ἡρώδης βασιλεὺς
  12. X 4,33: ὁ Ἡρώδης

Herodes wird also ausschließlich in den Büchern IX und X erwähnt, d.h. in den Büchern, die der Zeit entsprechen, in der er gelebt hat. Die überwiegende Mehrheit der Vorkommen findet sich in Kapitel X 4, in dem er die Hauptfigur ist. Zu Judäa in der Chronographia: V 40, 3.

Zur Beschreibung seiner Person bzw. Herrschaft werden abwechselnd Begriffe wie βασιλεὺς und βασιλεύω (9 Vorkommen: IX 17,1.4.5; X 1,7f.8; 4,1.9.28.29), τοπάρχης und τοπαρχέω (3 Vorkommen: IX 17,5; X 1,7; 4,1) und τετραρχία und τετραρχέω (2 Vorkommen: IX 16,8, zweimal) verwendet. Innerhalb der Chronographia ist τετραρχοῦντος die einzige Okkurenz des Verbs τετραρχέω ('Tetrarch sein' (LSJ, s.v.; LBG, s.v.). Genau wie τοπαρχέω (IV 10, 6) wird es mit dem Genitiv konstruiert. Zum Begriff τετραρχία: IX 2, 23. (Brendan Osswald)
9/2 ἐπειδὴ προσήνεγκαν αὐτῷ ἀμφότεροι δῶρα μεγάλα: Es war für Klientelherrscher wichtig, gute Beziehungen zu den Römer bzw. zum römischen Kaiser zu pflegen. Laut Tacitus, Annales, 2,42,2–3, waren es die schlechten Beziehungen zwischen Archelaos und Tiberius, die dem König von Kappadokien zum Verhängnis wurden (X 10, 23ff.). Zuvor hatte er jedoch gute Beziehungen zu Augustus unterhalten. Herodes ist seinerseits für seine „unbedingte Loyalität“ gegenüber Augustus bekannt (K. Bringmann, DNP, s.v. Herodes 1.). (Brendan Osswald)
Parallelüberlieferung
Von der bei Thurn 2000, 169 angeführten Malalas-Tradition übernahm Georg. Mon. (294,13–14) nur den Passus über die Gründung von Bostra, während Johannes von Nikiu (LXV,1) nur die Informationen zu Archelaos und Herodes aufgreift. Zeitgenössischere Quellen zur Annektierung des nabatäischen Königreichs (nach Sartre 1985, 63): * Griech.: Cass. Dio LXVIII 14,5. * Lat.: Eutrop. Breviarium 8,3; Festus Breviarium, 14,3.; Euseb. Chron. (Hieron.), s.a. 2118 (II 163 Schoene). Quellen, die über einen Arabienfeldzug unter Augustus berichten: * RGDA V/XIV 26 * Plin. NH VI 32/160 * Cass. Dio LIII 29,3-8 * Galen XIV (De Antidotis) II p. 189 Kühn * Galen XIV (De Antidotis) II p. 203 Kühn * Iosephus Ant. Iud. XV 317 * Strab. II 5,12 (I, p. 286 Radt) * Strab. XVI 4,23 (IV p. 392 Radt) * Strab. XVII 1,54 (IV p. 494 Radt) (Florian Battistella, Brendan Osswald)
Literatur
Hild/Restle (1981): Hild, Friedrich/Restle, Marcell: Kappadokien (Kappadokia, Charsianon, Sebasteia und Lykandos), Wien, 1981.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Keaveney (1992): A. Keaveney: Lucullus: A life, London, 1992.
LeBohec (2019): Y. Le Bohec: Lucullus : Général et gastronome, Paris, 2019.
Lindner (1997): M. Lindner (Hrsg.): Petra und das Königreich der Nabatäer, München, 1997.
Métivier (2006): Métivier, S.: La création des provinces romaines dans la chronique de Malalas, Recherche sur la Chronique de Jean Malalas II, 2006, 155–172.
Sartre (1982): M. Sartre: Trois études sur l'arabie romaine et byzantine, Bruxelles, 1982.
Sartre (1985): M. Sartre: Bostra, Paris, 1985.
Sartre (2001): M. Sartre: D'Alexandre à Zénobie, Paris, 2001.
Sartre (2005): M. Sartre: The Middle East under Rome, Cambridge (Mass.)/London, 2005.
Shahîd (1984c): Irfan Shahîd: Byzantium and the Arabs in the Fourth Century, Washington D.C., 1984.
SherwinWhite (1994): A. N. Sherwin-White: Lucullus, Pompey and the East, 1994, 229-273.
Thomas (1977): R. F. Thomas: L. Lucullus' Triumphal Agnomen, American Journal of Ancient History, 1977, 172.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.