Malalas 18.104

Inhalt

Kapitel 104 bietet in knappem Stil und – zumindest in der Version von O – ohne erkennbare Wertung eine Notiz über den Tod der Kaiserin Theodora.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Καὶ τῇ κηʹ τοῦ αὐτοῦ μηνὸς ἰνδικτιῶνος δεκάτης τελευτᾷ ἡ Αὐ-
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γούστα Θεοδώρα.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/2 τῇ κη´ τοῦ αὐτοῦ μηνὸς ἰνδικτιῶνος δεκάτης: Der Rückverweis auf "denselben Monat" bezieht sich auf den im vorangegangenen Kapitel erwähnten Monat Juni. Die Datierung auf den 29. Juni der zehnten Indiktion (= 547) ist denkbar präzise, kann aber anhand von Procop. BG III 30,4 korrigiert werden, der Theodoras Regentschaft auf 21 Jahre und drei Monate beziffert (zu rechnen von April 527; vgl. Stein 1949, 589, Anm.4; Mango/Scott 1997, 329, Anm. 3. Theophanes greift hier vermutlich auf Malalas zurück (XVIII 104, 1f.), datiert jedoch auf die elfte Indiktion. Es könnte sich dabei um eine Korrektur handeln (zu dieser Erklärung tendieren Mango und Scott, ebd.; zur Diskussion bereits XVIII 102, 1), aber auch um einen mechanischen Fehler im der Baroccianus-Version von Malalas zugrundeliegenden Kopierprozess: Das hieße, Theophanes überlieferte hier eine frühere Version der Malalas-Chronik. Für letztere Annahme ließe sich ins Feld führen, dass die zehnte Indiktion bereits in Kapitel XVIII 97 genannt wird und hier daher eigentlich überflüssig ist – doch kann deren neuerliche Angabe auch einfach dem Zweck dienen, das Ereignis im Narrativ hervorzuheben (XVIII 104, 1f.); die wiederholte Angabe derselben Indiktion ist zudem in der Chronographia nicht außergewöhnlich: Vgl. Malal. XVIII 113, 115 (13. Indiktion); 124, 127 (6. Indiktion); 138, 141, 144 (11. Indiktion); ferner FT 22–28 Mai = Thurn 2000, 410,+1 – 413,+58 mit viermaliger Angabe der 13. Indiktion.
1f./1 Καὶ ... Θεοδώρα: Der Tod der Kaiserin Theodora wird in der O-Version der Malalas-Chronik in äußerst knapper Form referiert. Das liegt wohl nicht erst an der im Baroccianus vorliegenden Kürzung der 'echten' Malalas-Vorlage: Das wahrscheinlich bei Theophanes (226, 8–9 de Boor) erhaltene Malalas-Original ist ähnlich knapp (zum Wortlaut siehe unten).
Für die Abhängigkeit dieser Theophanes-Notiz – die in ihrer Einfachheit und Kürze an sich nicht unbedingt einer Quelle bedarf, sondern auch eine 'Selbstkreation' des Theophanes sein könnte – von Malalas spricht die Tatsache, dass sowohl die vorausgehenden als auch die folgenden Theophanes-Zeilen signifikante Entsprechungen mit der O-Version der Malalas-Chronik aufweisen (vgl. Theoph. 226, 4–7 de Boor mit Malal. XVIII 102; Theoph. 226, 11–15 de Boor mit Malal. XVIII 103, XVIII 102, 1): Diese können mit einem gemeinsamen Ursprung aus dem Ur-Malalas gut erklärt werden.

Der Wortlaut der Theodora-Notiz des Theophanes ist jedoch mit dem von O nicht völlig identisch: Vgl. ἐκοιμήθη (Theoph.) statt τελευτᾷ (Malal.), βασίλισσα (Theoph.) statt ἡ Αὐγούστα (Malal.) und die Hinzufügung des wertenden Adverbs εὐσεβῶς 'fromm' (das beim O-Malalas, der das Ereignis unkommentiert lässt, ganz fehlt). Hinzu kommen auch Abweichungen in den chronologischen Angaben über Todestag und -jahr. Aus diesen Gründen hält Rochow 1983, 469 (hier ist allerdings die Angabe Mal. "484,14f." in "Mal. 484,4f." zu berichtigen) die Zugehörigkeit der Theophanes-Notiz zur Malalas-Tradition an dieser Stelle für "unsicher"; anders hingegen Mango/Scott 1997, 329 Anm. 3.

Um über den ursprünglichen Umfang dieser Theodora-Stelle zu urteilen (und damit über den Stellenwert und die Auslegung dieses Ereignisses in der Malalas-Erzählung), wäre ein Vergleich mit dem Text der Fragmenta Tusculana aufschlussreich. Dies ist nicht möglich, weil die erste Entsprechung zwischen Fragm. Tusc. IV und der O-Version der Chronik bei Malal. XVIII 106 liegt. Es lässt sich nur beobachten, dass die interessante Episode des Verlustes des kaiserlichen Diadems durch Justinians vestitores, die das vierte Fragmentum Tusculanum eröffnet (Frag. Tusc. IV S. 22–23 Mai; vgl. Theoph. 226,19–22), keinen Eingang in die O-Version der Chronik gefunden hat.
1f./9 τελευτᾷ ἡ Αὐγούστα Θεοδώρα: Zu Theodora und ihrem Auftreten in der Chronographia allgemein XVIII 24, 1f.. Nach Vict. Tonn. a. 549 starb die Kaiserin an Krebs. Weiterführende Spekulationen über die Art der Krankheit sind zuweilen angestellt worden, haben mangels näherer Angaben aber keine belastbare Basis (vgl. die berechtigten Einwände bei Pratsch 2011, 110f.). Diese Malalas-Passage erscheint Pratsch 2011, 110 "beinahe lakonisch"; sie fällt jedoch nicht allzu sehr aus dem Rahmen der eher kursorischen (wenngleich regelmäßigen) Informationen über Theodora, die in der Chronographia auch anderweitig zu finden sind (vgl. XVII 18, 19; XVIII 23, 24, 25; siehe außerdem die Parallelüberlieferung zu 43, 71, 89, 98). Eine gewisse Akzentuierung erhält das Ereignis durch den Umstand, dass es mit einer exakten (allerdings falschen) Datierung auf Tag, Monat und Jahr versehen wird.
Parallelüberlieferung
Theoph. 226, 8–9 de Boor; Cedr. 409.2, 4–5 Tartaglia; Hist. Eccl. in Anecd. Paris. 2, 113, 8-9 Cramer
Literatur
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Pratsch (2011): Pratsch, Thomas: Theodora von Byzanz. Kurtisane und Kaiserin, Stuttgart, 2011.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.