Malalas 18.104 1–2 = 54–55 (Thurn)
γούστα Θεοδώρα.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/2 τῇ κη´ τοῦ αὐτοῦ μηνὸς ἰνδικτιῶνος δεκάτης: Der Rückverweis auf „denselben Monat“ bezieht sich auf den im vorangegangenen Kapitel erwähnten Monat Juni. Die Datierung auf den 28. Juni der zehnten Indiktion (= 547) ist denkbar präzise, kann aber anhand von Procop. BG III 30,4 korrigiert werden, der Theodoras Regentschaft auf 21 Jahre und drei Monate beziffert (zu rechnen von April 527; vgl. Stein 1949, 589, Anm.4; Mango/Scott 1997, 329, Anm. 3. Theophanes greift hier vermutlich auf die Chronographia zurück (XVIII 104, 1f.), datiert jedoch auf die elfte Indiktion. Die Diskrepanz könnte durch eine Korrektur von Theophanes erklärt werden (dazu tendieren Mango und Scott, ebd.; zur Diskussion bereits XVIII 102, 1), aber auch durch einen mechanischen Fehler in der handschriftlichen Tradition von O (δεκάτης für ἑνδεκάτης). Für letztere Annahme ließe sich ins Feld führen, dass die Chronologie der vorherigen Kapitel durcheinander zu sein scheint eine Schwierigkeit, die verschwindet, wenn es sich um die 11. Indiktion ab Kapitel XVIII 101, 1 oder XVIII 102, 1 handelt.
1f./1 Καὶ ... Θεοδώρα: Der Tod der Kaiserin Theodora wird in der O-Version in äußerst knapper Form referiert. Das liegt wohl nicht erst an der im Baroccianus vorliegenden Kürzung einer ursprünglichen Textversion: Das wahrscheinlich bei Theophanes (226, 8–9 de Boor) erhaltene Urtext der Chronographia ist ähnlich knapp (zum Wortlaut siehe unten). Für die Abhängigkeit dieser Theophanes-Notiz – die in ihrer Einfachheit und Kürze an sich nicht unbedingt einer Quelle bedarf, sondern auch eine ‚Selbstkreation‘ des Theophanes sein könnte – von der Chronographia spricht die Tatsache, dass sowohl die vorausgehenden als auch die folgenden Theophanes-Zeilen signifikante Entsprechungen mit der O-Version der Chronographia aufweisen (vgl. Theoph. 226, 4–7 de Boor mit XVIII 102; Theoph. 226, 11–15 de Boor mit XVIII 103, XVIII 102, 1): Diese können mit einem gemeinsamen Ursprung aus dem Urtext der Chronographia gut erklärt werden. Der Wortlaut der Theodora-Notiz des Theophanes ist jedoch mit dem von O nicht völlig identisch: Vgl. ἐκοιμήθη (Theoph.) statt τελευτᾷ ([_Chronographia_]), βασίλισσα (Theoph.) statt ἡ Αὐγούστα ([_Chronographia_]) und die Hinzufügung des wertenden Adverbs εὐσεβῶς ‚fromm‘ (das in der O-Handschrift, in der das Ereignis unkommentiert ist, ganz fehlt). Hinzu kommen auch Abweichungen in den chronologischen Angaben über Todestag und -jahr. Aus diesen Gründen hält Rochow 1983, 469 (hier ist allerdings die Angabe „Mal. 484,14f.“ in „Mal. 484,4f.“ zu berichtigen) die Zugehörigkeit der Theophanes-Notiz zur Chronographia-Tradition an dieser Stelle für „unsicher“; anders hingegen Mango/Scott 1997, 329 Anm. 3. Um über den ursprünglichen Umfang dieser Theodora-Stelle zu urteilen (und damit über den Stellenwert und die Auslegung dieses Ereignisses in der Chronographia), wäre ein Vergleich mit dem Text der Fragmenta Tusculana aufschlussreich. Dies ist nicht möglich, weil die erste Entsprechung zwischen Fragm. Tusc. IV und der O-Version bei XVIII 106 liegt. Es lässt sich nur beobachten, dass die interessante Episode des Verlustes des kaiserlichen Diadems durch Justinians vestitores, die das vierte Fragmentum Tusculanum eröffnet ([_Frag. Tusc._] IV S. 22–23 Mai; vgl. Theoph. 226,19–22), keinen Eingang in die O-Version der Chronographia gefunden hat.
(Laura Carrara)
(Laura Carrara)
1f./9 τελευτᾷ ἡ Αὐγούστα Θεοδώρα: Zu Theodora und ihrem Auftreten in der Chronographia allgemein XVIII 24, 1f.. Nach Vict. Tunn. a. 549 starb die Kaiserin an „Krebs“ ([_canceri plaga corpore toto perfusa_]), was natürlich nicht unbedingt mit einer Krebserkrankung im modernen Sinne gleichzusetzen ist (s. TLL s.v. 2._cancer_ III). Weiterführende Spekulationen über die Art der Krankheit sind zuweilen angestellt worden, haben mangels näherer Angaben aber keine belastbare Basis (vgl. die berechtigten Einwände bei Pratsch 2011, 110f., der jedoch akzeptiert seinerseits unkritisch die Identifikation der Krankheit als „eindeutigen Krebs“). Die Passage der Chronographia erscheint Pratsch 2011, 110 „beinahe lakonisch“; sie fällt jedoch nicht allzu sehr aus dem Rahmen der eher kursorischen (wenngleich regelmäßigen) Informationen über Theodora, die in der Chronographia auch anderweitig zu finden sind (vgl. XVII 18, 19; XVIII 23, 24, 25; siehe außerdem die Parallelüberlieferung zu 43, 71, 89, 98). Der Vergleich mit den Fragmenta Tusculana in den folgenden Kapiteln zeigt, dass O hier wahrscheinlich einen gekürzten Text präsentiert, aber Theophanes, der möglicherweise Zugang zu einer vollständigerer Fassung des Textes hatte, hat hier ebenfalls einen sehr knappen Eintrag. Eine gewisse Akzentuierung erhält trotzdem das Ereignis in der Chronographia durch den Umstand, dass es mit einer präzisen Datierung auf Tag, Monat und Jahr (auch wenn die Angabe in O korrupt ist: XVIII 104, 1) versehen wird. (Jonas Borsch, Olivier Gengler)
Parallelüberlieferung
Theoph. 226, 8–9 de Boor; Cedr. 409.2, 4–5 Tartaglia; Hist. Eccl. in Anecd. Paris. 2, 113, 8-9 Cramer
Literatur
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Pratsch (2011): Pratsch, Thomas: Theodora von Byzanz. Kurtisane und Kaiserin, Stuttgart, 2011.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.