Malalas 18.86

Inhalt

Kapitel 86 notiert in aller Kürze die Einweihung der Hagia Sophia, die nach ihrer Zerstörung im Zuge des Nika-Aufstandes 532 in knapp sechs Jahren wiederaufgebaut worden war.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Ἐν αὐτῇ δὲ τῇ ὑπατείᾳ γέγονε τὰ ἐγκαίνια τῆς μεγάλης ἐκκλησίας.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἐν αὐτῇ δὲ τῇ ὑπατείᾳ: Der chronologische Verweis bezieht sich auf das Konsulat Johannes' des Kappadokers, das in Malal. XVIII 84 erstmals genannt wird: Damit wird die Einweihung der Hagia Sophia auf das Kalenderjahr 538 datiert, was allerdings nicht dem in Theoph. 217,17 überlieferten Fixdatum, dem 27.12. der ersten Indiktion (i.e. 537), entspricht. Aufgrund ihrer hohen Präzision wird der Angabe des Theophanes, bei dem zudem noch die Jahre, Monate und Tage seit der vormaligen Brandzerstörung der Kirche berichtet werden, üblicherweise der Vorzug gegeben (vgl. Mango/Scott 1997, 316, Anm. 2).
1/7 τὰ ἐγκαίνια: Weihezeremonien gehören – insbesondere im auf Konstantinopel konzentrierten zweiten Teil von Buch XVIII – zum wiederkehrenden inhaltlichen Repertoire der Chronographia: Vgl. neben der hiesigen Stelle XIII 17 (Einweihung der Hauptkirche von Antiocheia durch Constantius II.), XVIII 109, 113, 137, 143 (Feierlichkeiten und Prozessionen anlässlich weiterer Kirchenweihungen in Konstantinopel). Die Zunahme solcher Meldungen in der letzten Hälfte von Buch XVIII ist als Hinweis für die mögliche Nutzung einer Stadtchronik interpretiert worden (Jeffreys 1990a, 214), kann aber im Einzelfall auch inhaltlich begründet werden: XVIII 109, 1f..

Die hiesige Einweihungszeremonie wird von Theophanes näher beschrieben, der weit ausführlicher berichtet und sich dabei möglicherweise auf Malalas stützt, da sein Bericht einige (wenige) wörtliche Übereinstimmungen bietet, v.a. aber weil er deutliche Ähnlichkeiten zu stereotypen Malalas-Darstellungen von Einweihungszeremonien aufweist: Vgl. Malal. XVIII 109, 113; kein Urteil zu dieser Passage in der Untersuchung von Rochow 1983, 468. Theophanes berichtet von einer Prozession, bei der der Patriarch Menas (XVIII 83, 5) im kaiserlichen Wagen Platz nahm, während Justinian sich zu Fuß anschloss. Diese Demutsgeste wird in der (ironisierenden) Beschreibung eines unbekannten mittelbyzantinischen Schreibers von einem Ausruf flankiert, in dem sich Justinian mit Salomon (als Erbauer des Jerusalemer Tempels) verglichen haben soll. Vgl. dazu Dagron 1996, 125; 219f.; Leppin 2011a, 193f.
1/7 τὰ ἐγκαίνια: Das Substantiv τὰ ἐγκαίνια, ein vom Adjektiv καινός abgeleitetes Pluraletantum, ist Terminus technicus (lat. encaenia) für die Einweihungs- bzw. Wiedereinweihungsfeierlichkeit eines religiösen Gebäudes, nicht nur im christlichen, sondern auch im jüdischen Bereich (es wird v.a. für den mehrfach zerstörten Jerusalemer Tempel eingesetzt), vgl. LSJ s.v. ἐγκαίνια und GLRBP s.v. ἐγκαίνια, jeweils mit Belegen. Von der zweiten ἐγκαίνια-Zeremonie für Hagia Sophia unter Justinian berichtet Malalas in XVIII 143 (zum Jahr 562 n. Chr.).
1/9 τῆς μεγάλης ἐκκλησίας: Die Formel ἡ μεγάλη ἐκκλησία – ohne weitere Details bzw. Nennungen von Eigennamen z.B. der heiligen Schutzpatronen – war über mehrere Jahrhunderte die geläufigste, allseits einleuchtende Bezeichnung der Kirche Hagia Sophia in Konstantinopel. Diese Benennung ging auf die Zeit der konstantinischen Dynastie zurück: Der von Constantius II. errichtete Vorgängerbau an der Stelle der späteren Basilika trug keinen Namen, sondern war – wie die größten Kirchen anderer östlichen Metropolen (Antiochia, Alexandria) – bloß als 'die Große Kirche' bekannt: siehe einschlägig Downey 1959 mit Verweis auf Socr. Hist. Eccl II 16, 15 (κατὰ δὲ τὸν καιρὸν τοῦτον καὶ ὁ βασιλεὺς τὴν μεγάλην ἐκκλησίαν ἔκτιζεν, ἥτις Σοφία μὲν προσαγορεύεται νῦν, συνῆπται δὲ τῇ ἐπωνύμῳ Εἰρήνης) und einer Übersicht über die alternativen Benennungen der Kirche in der spätantiken und byzantinischen Literatur; siehe ferner Carrara 2016, 81–82 bezüglich einer weiteren Malalas-Nennung der μεγάλη ἐκκλησία, in XVIII 143.
1/9 τῆς μεγάλης ἐκκλησίας: Die "Große Kirche" (μεγάλη ἐκκλησία) von Konstantinopel wurde 360 n. Chr. unter Constantius II. geweiht; der Name Hagia Sophia ist erstmals um 430 belegt (zum Namen XVIII 86, 1; zu dem Bau allgemein Kähler 1967; Müller-Wiener 1977, 84–96 mit hilfreicher Zusammenstellung älterer Literatur; Mainstone 1988; Schibille 2014). Das Gebäude lag im Stadtzentrum in unmittelbarer Nähe des Milion (zentraler Meilenstein von Konstantinopel) und bildete auch liturgisch das Zentrum Konstantinopels. 404 wurde die Kirche in den durch Unruhen um die Person des Johannes Chrysostomos ausgelösten Straßenkämpfen zerstört und von Theodosius II. (bis 415) als fünfschiffige Basilika wiedererrichtet. Im Nika-Aufstand von 532 brannte sie abermals nieder. Justinian beauftragte bald darauf die beiden Architekten Anthemios von Tralleis und Isidor von Milet mit ihrem Wiederaufbau in der innovativen Form der Kuppelbasilika. Die extrem flach gebaute Kuppel stürzte 558 n. Chr. jedoch, womöglich als Folge des in Malal. XVIII 124 beschriebenen Erdbebens vom Dezember 557, ein (vgl. Malal. XVIII 128); bis 562 wurde sie mit höherer Wölbung wiedererrichtet und neu eingeweiht (Malal. XVIII 143). Der heute aufrecht stehende Bau geht in seiner Grundstruktur noch auf die justinianischen Bauphasen zurück; auch nach der Umwandlung in eine Moschee nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 wurde er, abgesehen von der Errichtung der vier markanten Minarette, nicht grundlegend verändert.

Das in Theophanes angegebene Einweihungsdatum am 27.12.537 bezeugt eine nach vormodernen Maßstäben außerordentlich kurze Bauzeit von weniger als sechs Jahren, was auf eine ausgezeichnete finanzielle Ausstattung des Projektes hindeutet (die Schätzungen belaufen sich auf 1.000.000 solidi oder mehr: zu dieser Frage sowie zur Finanzierung Brandes 2014, insbes. 242, Anm. 12). Vermutlich bildete die Rekordbauzeit jedoch auch eine der Ursachen für die anhaltenden statischen Probleme der neu geschaffenen Kuppel, die schließlich 558 in ihren Einsturz mündeten: Mainstone 1988, 185; XVIII 128, 2f..
Parallelüberlieferung
Theoph. 217,16–22 de Boor; Hist. Eccl. in Anecd. Paris. 2, 112, 35–113, 3 Cramer; Georg. Mon. 627,3–5; Leo Gramm. 126,18–127,2 Bekker; Cedr. 650,12–14 Bekker = 405.3 Tartaglia; Zon. III 156,18.
Literatur
Brandes (2014): Brandes, W.: Der Nika-Aufstand, Senatorenfamilien und Justinians Bauprogramm, Chlodwigs Welt. Organisation von Herrschaft um 500, 2014, 239–265.
Carrara (2016): Carrara, Laura: Die Alleinherrschaft Justinians in der Chronik des Malalas und im Chronicon Paschale: Eine Quellenstudie, 2016, 71–94.
Downey (1959): Downey, Glanville: The Name of the Church of St. Sophia in Constantinople, The Harvard Theological Review, 1959, 37–41.
Jeffreys (1990a): Jeffreys, Elizabeth: Malalas' sources, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 167–216.
Kähler (1967): Kähler, H.: Die Hagia Sophia, Berlin, 1967.
Mainstone (1988): Mainstone, R. J.: Hagia Sophia. Architecture, Structure and Liturgy of Justinian's Great Church, London, 1988.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Müller-Wiener (1977): Müller-Wiener, Wolfgang: Bildlexikon zur Topographie Istanbuls. Byzantion, Konstantinupolis, Istanbul bis zum Beginn des 17. Jahrhundert, Tübingen, 1977.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Schibille (2014): Schibille, N.: Hagia Sophia and the Byzantine Aesthetic Experience, Farnham, 2014.