Malalas 16.1

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Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν Ζήνωνος ἐβασίλευσεν ὁ θειότατος Ἀναστά-
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σίος δίκορος, Δυρραχηνός, ἀπὸ τῆς νέας Ἠπείρου <ἐπαρχίας>, ἀπὸ
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σιλεντιαρίων, ἐπὶ τῆς ὑπατείας Ὀλυβρίου τοῦ υἱοῦ Ἀρεοβίνδου· ὅστις
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ἐβασίλευσεν ἔτη κζʹ καὶ μῆνας <θʹ καὶ ἡμέρας θʹ>, στεφθεὶς ἐν μηνὶ <ξανθικῷ
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τῷ καὶ> ἀπριλλίῳ τῇ ἁγίᾳ πέμπτῃ τῆς μεγάλης ἑβδομάδος. καὶ ἠγάγετο
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Ἀριάδνην τὴν τοῦ Ζήνωνος τοῦ πρὸ αὐτοῦ βασιλεύσαντος γενομένην
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γυναῖκα. ἦν δὲ μακρὸς πάνυ, κονδόθριξ, εὔστολος, στρογγυλόψις, μιξο-
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πόλιος τὴν κάραν καὶ τὸ γένειον, ἐν τῷ δεξιῷ ὀφθαλμῷ ἔχων τὴν κόρην
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γλαυκὴν καὶ ἐν τῷ ἀριστερῷ μέλαιναν, τελείους ἔχων ὀφθαλμούς, τὸ δὲ
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γένειον αὐτοῦ πυκνῶς ἐκείρετο.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Μετὰ δὲ τὴν βασιλείαν Ζήνωνος ἐβασίλευσεν ὁ θειότατος Ἀναστάσίος ὁ δίκορος ... ἐβασίλευσεν ἔτη κζ’ καὶ μῆνας <θ’ καὶ ἡμέρας θ’>, στεφθεὶς ἐν μηνὶ <ξανθικῷ τῷ καὶ> ἀπριλλίῳ τῇ ἁγίᾳ πέμπτῃ τῆς μεγάλης ἑβδομάδος: Typischer Beginn der Darstellung der Regierungszeit eines Herrschers in der Chronographia. Zu den inhaltlichen Elementen: XVII 1, 1ff., zu den Verben: XVIII 1, 1. (Florian Battistella)
1/5 Ζήνωνος: Zenon, oströmischer Kaiser 474–491 n.Chr.; zu ihm ausführlicher: XIV 46, 3. (Kamil Choda)
2/2 ὁ δίκορος: "Mit unterschiedlicher Pupillenfarbe"; s. XVI 1, 7.

Schwartz 1934, 216 Anm. 1 vermutet, "daß der Beiname des Kaisers δίκορος, aus dem das Histörchen eine aramäische, in Antiochia aufgekommene Verstümmelung von δεκουρίων ist"; s. XVI 1, 2. (Kamil Choda, Brendan Osswald)
2/4 ὁ Δυρραχηνός: „aus Dyrrachium stammend“. Dyrrachium, heute Durrës in Albanien, klass. Epidamnos, Hauptstadt der Provinz Nova Epirus. Der Verfasser kannte auch den klass. Namen Ἐπίδαμνος (XVII 15,5). Zur Stadt ausführlich: XVII 15, 2. Auf Dyrrachium als Herkunftsort des Anastasios wird auch im Buch XVII hingewiesen (XVII 15, 2f.). Zu den Bauten des Anastasios in der Stadt: XVII 15, 3; XVII 15, 3f.; zu deren Wiederherstellung nach einem Erdbeben unter Justin I.: XVII 15, 4ff.. (Kamil Choda)
2/6 ὁ ἀπὸ τῆς νέας Ἠπείρου <ἐπαρχίας>: Zur Darstellung der Teilung der alten Provinz Epirus und Erstehung der Epirus Nova, s. XIII 41.

Der Zusatz ἐπαρχίας ist nicht notwendig, wurde aber offensichtlich von Thurn als Teil des hypothetischen Ur-Malalas angesehen, da er im CP und in der slawischen Überlieferung (vgl. Istrin 1994, 344; Tvorogov 1999, 354) vorkommt.

Die Provinz Epirus Nova befand sich auf vorwiegend chalkedonischem Gebiet. Trotzdem heißt es, dass die Mutter und der Onkel mütterlicherseits von Anastasios eine Manichäerin beziehungsweise ein Arianer waren. Wie dem auch sei, Anastasius zeigte Sympathie für Monophysitismus. S. PLRE II (Anastasius 4), 78; Lee 2001, 55. (Kamil Choda, Brendan Osswald mit Olivier Gengler)
3/2 ἐπὶ τῆς ὑπατείας Ὀλυβρίου τοῦ υἱοῦ Ἀρεοβίνδου: Olybrios war alleiniger östlicher Konsul des Jahres 491 (vgl. Bagnall/Cameron/Schwartz/Worp 1987, 517). Zu seiner Person s.u. (Olivier Gengler mit Florian Battistella)
3/5 Ὀλυβρίου: PLRE II (Olybrius 3), 795 = Begass 2018 Nr. 156, 194f.

Anicius Olybrius, geboren bald nach 478, Sohn von Anicia Iuliana (XIV 31, 3) und Areobindus (XVI 1, 3), somit Enkel des weströmischen Kaisers Olybrius (XIV 26, 12); als Kind alleiniger Konsul des Jahres 491 n. Chr. Letztere Tatsache könnte nach Bagnall/Cameron/Schwartz/Worp 1987, 42 erklären, weshalb er auch als Olybrius ὁ μικρός (Sohn des Areobindus τοῦ μεγάλου in CP 594,10) bzw. iunior bezeichnet wurde. Im Falle der Stelle des Chronicon paschale glaubt Begass 2018, 363 jedoch an eine Unterscheidung vom Großvater als Ziel der Verwendung des Attributs.

Wahrscheinlich ist Anicius Olybrius identisch mit einem patricius Olybrius, den Justinian 533 aus dem Exil zurückrief (PLRE II (Olybrius 3), 795; XVIII 80, 2). Für Thurn 2000, 468 trifft dies jedoch nicht zu, weil er den aus dem Exil zurückgerufenen Olybrius mit dem bei Mal. XVII,16 erwähnten Konsul von 526 (=PLRE II (Fl. Anicius Olybrius 7), 798) identifiziert. Folglich ist für Thurn der Sohn des Areobindus in der Chronographia nur durch die hiesige Stelle belegt. Dass bei den drei Erwähnungen des Namens Olybrius in allen Fällen dieselbe Person gemeint sein kann, scheint entgegen Thurn/Meier 2009, 406, Anm. 6; 432, Anm. 80 und 500, Anm. 506 jedoch unwahrscheinlich (vgl. PLRE II (Fl. Anicius Olybrius 7), 798; XVIII 80, 2). (Florian Battistella, Kamil Choda mit Olivier Gengler)
3/8 Ἀρεοβίνδου: PLRE II (Ariobindus I), 143f. = Begass 2018 Nr. 33, 86. S. auch Meier 2007c, 196-200.

Flavius Areobindus Dagalaiphus Areobindus, Sohn des Fl. Dagalaiphus (PLRE II (Fl. Dagalaiphus 2), 340f. = Begass 2018 Nr. 68, 115), Enkel von Areobindus (PLRE II (Fl. Ariobindus 2), 145f.) und Ardabur (XIV 37, 2), Urenkel des Fl. Ardabur Aspar (XIV 7, 1), entspringt somit elitären Kreisen. Anicia Iuliana (XIV 31, 3), die Tochter des Kaisers Olybrius (XIV 26, 12), die Areobindus frühestens 478 heiratete, überragte ihn jedoch hinsichtlich des Prestiges bei Weitem (vgl. Begass 2018, 362f.). Unter Anastasius war Areobindus Magister militum per Orientem (503 bis ca. 505 XVI 9, 8) und bekleidete 506 den Konsulat. Der Ausrufung zum Kaiser durch die Bevölkerung Konstantinopels im Rahmen des Staurotheis-Aufstandes 512 entzog sich Areobindus durch Flucht (dazu: XVI 19, 19). (Florian Battistella, Kamil Choda mit Brendan Osswald)
4/2 ἔτη κζ’ καὶ μῆνας <θ’ καὶ ἡμέρας θ’>: Mit der Form μῆνας θ’ καὶ ἡμέρας θ’ folgt Thurn 2000, 319 dem Laterculus Malalianus (Lat) und der slawischen Fassung (Istrin 1994, 344; Tvorogov 1999, 354), wie sie stark gekürzt auch in der Sophia-Chronik (Tvorogov 1983, 215) vorliegt. Theod. Lect. fr. 524, 151,24 und der Baroccianus bieten 27 Jahre und 3 Monate (ἔτη κζ’ καὶ μῆνας γ') und präsentieren keine Tagesangabe. Das Chronicon Paschale verzichtet auf eine entsprechende Angabe völlig. (Florian Battistella, Kamil Choda mit Brendan Osswald)
4/11 ἐν μηνὶ ξανθικῷ τῷ καὶ ἀπριλλίῳ: ξανθικῷ hat Thurn aus der slawischen Fassung (vgl. Istrin 1994, 344; Tvorogov 1999, 354) und Chronicon paschale übernommen. Zu diesem Monat: XVIII 1, 2 (Kamil Choda)
7/2 ἦν δὲ μακρὸς ... πυκνῶς ἐκείρετο: Über das Aussehen des Anastasius ist wenig bekannt (Meier 2009, 56f.). Nach Jeffreys/Jeffreys 1990, 243 könnte Malalas aber für das Porträt dieses Kaisers auf zeitgenössische Darstellungen zugegriffen haben. Allerdings weist sein Porträt des Kaisers keine direkten Parallelen mit dem des Orakels von Baalbek auf, der einzigen Quelle, die mit Sicherheit die Beschreibung des Kaisers nicht aus der Chronographia übernommen hat. Die Beschreibung der Haare zum Beispiel weist einen deutlichen Unterschied auf. Sie sind bei Malalas kurz, während das Orakel den Kaiser als einen kahlen Mann darstellt (Borsch 2018, 72–74). Die Beschreibungen des Aussehens der Kaiser gehören zum Standard-Repertoire von Malalas, gerade auch im Kontext eines Herrschaftswechsels (Jeffreys/Jeffreys 1990, 243; XVII 1, 1ff.); von besonderem Interesse sind ihm als ungewöhnlich wahrgenommene Charakteristika (vgl. etwa X 48 Domitian „ging leicht gebückt“ (Thurn/Meier 2009, 271), XII, 18 Septimus Severus „war gehbehindert“ (Thurn/Meier 2009, 297)).

Die unterschiedliche Pupillenfarbe des Anastasius gehörte zu solchen ungewöhnlichen Merkmalen. Diese und ähnliche Unregelmäßigkeiten konnten von Zeitgenossen als Hinweise ausgelegt werden, dass es sich bei Anastasius um einen Endzeitkaiser handele, weil der Befund im Kontext der Endzeiterwartungen um das Jahr 500 als apokalyptisch konnotiert verstanden werden konnte, u.a. da man beim Antichrist einen asymmetrisch gestalteten Körper voraussetze. Der Vergleich mit der Beschreibung von Anastasius' Aussehen im Orakel von Baalbek verdeutlicht dies, da dort die unterschiedliche Länge der Arme (nicht die unterschiedliche Pupillenfarbe) in einem Endzeitkontext erwähnt wird. S. Brandes 1997, 53–63, Meier 2007c, 230f.; Chatziantoniou 2009, 1f. Anm. 2; Borsch 2018, 74.

Da sich aber Malalas bewusst von den Endzeiterwartungen distanziert, dient bei ihm die Erwähnung der Pupillenfarbe einem entgegengesetzten Ziel – nämlich jenem, die Endzeitgedanken abzubauen. Dies erreicht er, indem er ein endzeitliches Merkmal einem Kaiser zuschreibt, von dem man bereits wusste, dass seine Regierung das Ende nicht eingeleitet hatte. Womöglich zielt die Erwähnung des guten Sehvermögens des Kaisers auf das Gleiche ab. (Kamil Choda mit Brendan Osswald)
Parallelüberlieferung
Literatur
Alexander (1967): Alexander, Paul J.: The Oracle of Baalbek, Washington, 1967.
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Bagnall/Cameron/Schwartz/Worp (1987): Bagnall, Roger S./Cameron, Alan/Schwartz, Seth R./Worp, Klaas A.: Consuls of the Later Roman Empire, Atlanta, 1987.
Begass (2018): Begass, Christoph: Die Senatsaristokratie des oströmischen Reiches, ca. 457-518. Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen, München, 2018.
Borsch (2018): Borsch, Jonas: Schriftliche Bildnisse. Personalisierte Erinnerung in Malalas’ Porträts, Borsch, Jonas/Gengler, Olivier/Meier, Mischa, 3, Stuttgart 2018, 49–81.
Brandes (1997): Brandes, Wolfram: Anastasios ὁ δίκoρoς. Endzeiterwartung und Kaiserkritik in Byzanz um 500 n. Chr., Byzantinische Zeitschrift, 1997, 24-63.
Delmaire (1995): Delmaire, Roland: Les Institutions du Bas-Empire Romain de Constantin à Justinien. I: Les Institutions Civiles Palatines, Paris, 1995.
Greatrex (2016): Greatrex, Geoffrey: Malalas and Procopius, Mischa, Meier/Radtki, Christine/Schulz, Fabian, Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor – Werk – Überlieferung, 1, Stuttgart 2016, 169–185.
Istrin (1994): Istrin, V. M.: Истрин В. М. Хроника Иоанна Малалы в славянском переводе/Chronika Ioanna Malaly w slawjanskom perewode, 1994.
Jeffreys (1990b): Jeffreys, Elizabeth: Chronological structures in Malalas’ chronicle, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 111–166.
Jeffreys/Jeffreys (1990): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael: The language of Malalas, 3: Portraits, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 231–244.
Meier (2007c): Meier, Mischa: Σταυρωθεὶς δι' ἡμᾶς – Der Aufstand gegen Anastasios im Jahr 512, Millennium, 2007, 157–237.
Meier (2009): Meier, Mischa: Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches, Stuttgart, 2009.
Siebigs (2010): Siebigs, Gereon: Kaiser Leo I. Das oströmische Reich in den ersten drei Jahren seiner Regierung (457–460 n. Chr.), Berlin, 2010.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Tvorogov (1983): Tvorogov, O. V.: Материалы к истории русских хронографов: 2. Софийский хронограф и Хроника Иоанна Малалы/Materialy k istorii russkih hronografov: 2. Sofijskij hronograf i Hronika Ioanna Malaly, Труды Отдела древнерусской литературы/Trudy Otdela drevnerusskoj literatury, 1983, 188-221.
Tvorogov (1999): Tvorogov, O. V. et alii: Letopisec Ellinskij i Rimskij/Летописец Еллинский и Римский, 1999.