Malalas 18.106

Inhalt

Kapitel XVIII 106 informiert über einen 'indischen', d.h. vermutlich aus dem heutigen Äthiopien angereisten Gesandten, der einen Elefanten nach Konstantinopel bringt.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Ἰνδικτιῶνος ιγʹ πρεσβευτὴς Ἰνδῶν κατεπέμφθη μετὰ καὶ ἐλέφαν-
2
τος ἐν Κωνσταντινουπόλει.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Ἰνδικτιῶνος ιγʹ: Die Datierung des Ereignisses auf die 13. Indiktion (549/50) wird durch die Parallelüberlieferung in den Fragmenta Tusculana (13. Indiktion) und bei Theophanes (u.a. 23. Regierungsjahr Justinians) bestätigt. Die Fragmenta ergänzen den Oktober als Monat. Bei Theophanes’ Präzisierung des Datums auf den 13. fällt die Zahlenübereinstimmung mit den Indiktionsangaben in Fragm. Tusc. und O auf: Es ist daher nicht ganz auszuschließen, dass es sich bei Theophanes' Zahl 13 (ιγʹ) um einen 'Überrest' der bei ihm sonst fehlenden Indiktionsangabe handelt.
1/3 πρεσβευτὴς Ἰνδῶν: Das Topo- bzw. Ethnonym Indien/Inder (Ἰνδική/Ἰνδοί) wird von Malalas in unterschiedlicher Weise verwendet: Diese Bezeichnungen beziehen sich zwar an mindestens einer Stelle tatsächlich auf die indische Halbinsel bzw. die dort von Alexander dem Großen bekriegten Völker (VIII 3), in den späteren Abschnitten seines Werkes meint Malalas damit aber v.a. Regionen und Gruppierungen an der Seestraße zwischen Indien und dem Roten Meer, d.h. genauer im nördlichen Äthiopien und auf der südlichen arabischen Halbinsel ("auxumitische" und "homeritische/ameritische" Inder, dazu XVIII 15, 1f.; vgl. XVIII 9, 56). Es ist wahrscheinlich, dass er sich auch hier auf eine der beiden letzteren Gruppen bezieht. Da mit den Auxumiten im heutigen Äthiopien ein Bündnis bestand sowie angesichts der Art des Geschenkes (ein Elefant), ist es wahrscheinlich, dass der Bericht über den diplomatischen Verkehr sich auf diese bezieht (vgl. auch Mango/Scott 1997, 331, Anm. 2; Leppin 2011a, 281; zur kontroversen Diskussion zusammenfassend mit weiterer Literatur Nechaeva 2014, 199–201).
1f./1 Ἰνδικτιῶνος ιγʹ ... Κωνσταντινουπόλει: In der O-Fassung der Malalas-Chronik weist vorliegendes Kapitel markante Ähnlichkeiten mit Kap. XVIII 73 auf; dieses lautet:

Ἐν αὐτῷ δὲ τῷ χρόνῳ καὶ πρεσβευτὴς Ἰνδῶν μετὰ δώρων κατεπέμφθη ἐν Κωνσταντινουπόλει.

Die Unterschiede betreffen die Datierungsformel für die zwei Gesandtschaften (532 vs. 550) und die Art der 'Begleitung' des Gesandten (einmal sind es allgemein δῶρα, i.e. nicht näher definierbare Gesandtschaftsgeschenke; einmal ist es ein Elefant). Sonst sind die Kapitel im Wortlaut identisch. Es sind solche Wiederholungen von Erzählstrukturen und -einheiten, die zum bekannten "formelhaften Charakter" der Malalas-Sprache entscheidend beitragen (zum Phänomen allgemein Jeffreys 1990e).

Die Version des 'Ur-Malalas' hingegen beschränkte sich (wahrscheinlich) nicht auf diese knappe Notiz, sondern bot eine bewegt(er)e Darstellung des Aufenthalts des Elefanten in der Hauptstadt. Dieser Fassung der Episode nach konnte das Tier nach einiger Zeit nachts aus seinem Stall entfliehen; im Zuge seiner Flucht zertrampelte es Passanten.
Textgrundlage für diese Rekonstruktion sind die entsprechenden Passagen in Fragm. Tusc. IV, p. 24 Mai sowie auch Theoph. 227, 4-6 de Boor und Cedr. 409.4, 13–16 Tartaglia; für ihre Zugehörigkeit zur Malalas-Tradition siehe Mango/Scott 1997, 331 mit Anmerkungen; auch Rochow 1983, 470.
1f./6 μετὰ καὶ ἐλέφαντος: Die Formel μετὰ καὶ mit Genitiv fungiert in der Malalas-Chronik als eine Art "Pluszeichen" (so treffend definiert von Rüger 1895, 43 bezüglich Malal. XVII 23 ἔτη θʹ καὶ ἡμέρας εἰκοσιδύο μετὰ καὶ τῶν τεσσάρων μηνῶν τοῦ αὐτοῦ ἀνεψιοῦ, Justin regierte neun Jahre und zweiundzwanzig Tage "und die vier Monate (scil. der Mitregentschaft) seines (scil. Justins) Neffen auch dazu"; vgl. z.B. Malal. XVIII 24 Θεοδώρα μετὰ καὶ τῶν ἄλλων αὐτῆς ἀγαθῶν ἐποίησε καὶ τοῦτο, "Theodora, neben ihren anderen guten Taten, tat auch dies" (XVIII 24, 1f.); Malal. XVIII 23 γυμνὸς ἔφυγε μετὰ καὶ τῶν τριῶν αὐτοῦ τέκνων "Er (scil. Eulalios) ergriff die Flucht, nackt, und seine drei Töchter auch noch dazu".
1f./6 μετὰ καὶ ἐλέφαντος: Im Zuge der in den Quellen wiederholt greifbaren diplomatischen Reisen ostafrikanischer oder südarabischer Gesandtschaften nach Byzanz gehörten exotische Tiere zu den besonders beliebten Gastgeschenken (Nechaeva 2014, 198–202; vgl. Scullard 1974, 200). Möglicherweise für die Zeit unter Anastasius gibt es ein gut dokumentiertes Beispiel einer Gesandtschaft, in deren Zuge zwei Giraffen und ein Elefant aus diesen Regionen über Gaza nach Konstantinopel verbracht worden waren: Vgl. Burstein 1992 mit Quellenmaterial. Der Besitz von Elefanten war ein Privileg des Kaisers (Scullard 1974, 200); allgemein waren diese Tiere in Byzanz wohl äußerst selten gesehen: Burstein 1992, 55.

Durch die Parallelüberlieferung in den Fragmenta Tusculana und Theophanes lässt sich die Episode inhaltlich präzisieren: Hier wie dort ist von der öffentlichen Vorführung des Elefanten durch den 'indischen' Gesandten im Hippodrom anlässlich eines Pferderennens die Rede. Die Ergänzung über den Ausbruch des Elefanten aus seinem Stall in der Parallelüberlieferung (Fragm. Tusc. und Theoph.: XVIII 106, 1f.) folgt dort übereinstimmend für März und nach kurzer Unterbrechung durch die Notiz über ein kirchenpolitisches Ereignis im Januar (mit Malal. XVIII 107 identisch). Diese Übereinstimmungen deuten klar darauf hin, dass auch der Schluss der Elefanten-Episode auf eine sehr frühe Malalas-Version zurückgeht und erst im späteren Kürzungsprozess verloren gegangen ist.
2/2 ἐν Κωνσταντινουπόλει: Ortsbestimmungen mit ἐν + Dativ an Stellen, wo man klassisch Richtungsangaben mit εἰς + Akkusativ erwartet hätte, d.h. nach ganz geläufigen Verben der Bewegung ('gehen (nach)', 'schicken/geschickt werden (nach)' usw. – hier durch das Verb κατεπέμφθη ausgedruckt), finden sich sehr oft in der O-Version der Malalas-Chronik, XVIII 43, 2f..

Zur Alternanz der Benennungen 'Konstantinopel' und 'Byzanz' für die Reichshauptstadt am Bosporus in der Malalas-Chronik, insbesondere in Buch XVIII, und zu deren möglichen Implikationen bezüglich der Verfasserfrage bzw. Genese des finalen Teiles dieses Buches XVIII 77, 1.
Parallelüberlieferung
Fragm. Tusc. IV, p. 24 Mai; Theoph. 226, 33–227, 2 de Boor; Cedr. 409.4, 13–15 Tartaglia. Vgl. ferner Theoph. 227,4–6 de Boor; Cedr. 409.4, 15–16 Tartaglia.
Literatur
Burstein (1992): Burstein, Stanley M.: An Elephant for Anastasius: A Note on P. Mich. inv. 4290, Ancient History Bulletin, 1992, 55–57.
Jeffreys (1990e): Jeffreys, Michael: The language of Malalas, 2: Formulaic phraseology, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 225–231.
Leppin (2011a): Leppin, Hartmut: Justinian. Das christliche Experiment, Stuttgart, 2011.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Nechaeva (2014): Nechaeva, Ekaterina: Embassies – Negotiations – Gifts. Systems of east Roman Diplomacy in Late Antiquity, Stuttgart, 2014.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Rüger (1895): Rüger, Anton: Studien zu Malalas. Präpositionen und Adverbien. Das 18. Buch. Die konstantinischen Excerpte. Die tuskulanischen Fragmente, Bad Kissingen, 1895.
Scullard (1974): Scullard, H. H.: The Elephant in the Greek and Roman World, Cambridge, 1974.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.