Malalas 18.108

Inhalt

Kapitel XVIII 108 enthält in der O-Version eine knappe Notiz über gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Zirkusparteien, die im Hippodrom ausbrechen und viele Opfer fordern. Durch die Fragmenta Tusculana und Theophanes lassen sich Details zum Verlauf des Zusammenstoßes ergänzen.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Μηνὶ ἀπριλλίῳ ἐγένετο συμβολὴ δημοτικὴ ἐν τῷ Ἱπποδρομίῳ μὴ
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ἀγομένου τοῦ ἱππικοῦ· καὶ πολλοὶ ἀπέθανον ἐξ ἀμφοτέρων.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Μηνὶ ἀπριλλίῳ: Die Monatsangabe bezieht sich dem Augenschein nach auf die 13. Indiktion (549/50; genannt in Kapitel XVIII 106), was in der deutlich ausführlicheren Version der Begebenheit in den Fragmenta Tusculana sicher bestätigt wird, in der als Datum explizit der 16. April der 13. Indiktion erscheint. Auch Theophanes überliefert dieses präzise Datum.
1/3 ἐγένετο συμβολὴ: Diese Formel ist das 'Pendant' mit finiter Verbform zum – in der Malalas-Chronik viel häufigeren – Genitivus absolutus συμβολῆς γενομένης: "es trug sich eine bewaffnete/gewaltsame Auseinandersetzung zu".

ἐγένετο συμβολή kommt noch in Malal. XVIII 60 (in der erweiterten Form mit spezifizierendem Genitiv ἐγένετο ἡ συμβολὴ τοῦ πολέμου) und in Malal. XVIII 135 vor; zu συμβολῆς γενομένης mit Belegen XVIII 105, 1.
1/4 συμβολὴ δημοτικὴ ἐν τῷ Ἱπποδρομίῳ: Dass es sich hier abermals um einen Konflikt zwischen den notorisch unruhigen Anhängern der Zirkusparteien (dazu XVIII 1, 8) handelt, erscheint aus dem Zusammenhang heraus (Erwähnung des Hippodroms, generelle Häufigkeit entsprechender Unruhen) wahrscheinlich. In der Kurzform wird in der zweiten Zeile des Baroccianus-Textes zudem die typische Beschreibungsformel ἐξ ἀμφοτέρων (sonst häufig ergänzt um τῶν μερῶν) gebraucht: XVIII 108, 2. Die Fragmenta Tusculana bestätigen diese Angabe inhaltlich: hier ist von einer συμβολὴ Πρασινοβενέτων die Rede, einem Zusammentreffen der Grünen und Blauen. Der Konflikt ist damit Teil einer seit etwa 547 anhaltenden Reihe von Unruhen unter den Zirkusparteien, denen ein Zeitraum von fünfzehn Jahren ohne Meldungen über entsprechende Konflikte vorangegangen war: XVIII 99, 2.
1/5 δημοτικὴ: Zum Adjektiv δημοτικός in der Bedeutung 'auf das Volk bezogen, das Volk betreffend' o.ä. in der Malalas-Chronik XVIII 52, 5.
1f./9 μὴ ἀγομένου τοῦ ἱππικοῦ: Genitivus absolutus mit modalem (nicht so sehr temporalem) Wert, zur Spezifizierung der Umstände (nicht so sehr der Chronologie) der Unruhen im Hippodrom. Die modale Übersetzung "ohne dass ein Pferdrennen abgehalten worden wäre" (so Thurn/Meier 2009, 509) ist gegenüber der temporalen Wiedergabe "when no races were being held" (so Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 290) zu bevorzugen: Dass μὴ ἀγομένου τοῦ ἱππικοῦ modal zu verstehen ist, verrät nicht zuletzt die nachgestellte Position nach dem Hauptverb; einem temporalen Genitivus absolutus hingegen geht in der Malalas-Chronik so gut wie immer das Hauptverb voraus (siehe dazu Weierholt 1963, 72–73). Die Emphase liegt also auf der Tatsache, dass es auch ohne "offiziellen" Anlass (Pferderennen-Konkurrenz) zu einem Konflikt zwischen den zwei Parteien kommen konnte.

Denselben Wortlaut wie O (μὴ ἀγομένου τοῦ αὐτοῦ ἱππικοῦ) hat für diese Stelle auch das Fragm. Tusc. IV p. 24 Mai. Die andere Parallelstelle, Theoph. 227, 7 de Boor, lässt hingegen die Negation μή aus und liest ἐγένετο συμβολή ... ἐν δειλινῇ, ἱππικοῦ ἀγομένου; so auch, wohl von Theophanes abhängend, Cedr. 409.4, 16 Tartaglia.

In seinem Theophanes-Apparat z.St. vermutet deBoor 1883, 227, dass die Negation μή ursprünglich auch in diesem Text gestanden haben könnte, sich im Laufe der Überlieferung jedoch irrtümlich mit dem vorausgehenden Wort vermengt hätte und zu dessen Endung -νῇ wurde. Wiederherzustellen wäre also bei Theophanes für die fragliche Stelle die Wortfolge ἐν δείλῃ, μὴ ἱππικοῦ ἀγομένου "am Nachmittag, ohne dass ein Pferderennen abgehalten worden wäre".

Gegen de Boors Hypothese spricht jedoch die Tatsache, dass auch das Fragm. Tusc. IV p. 24 Mai das Adjektiv δειλινή, nicht das Substantiv δείλη, überliefert: ἐγένετο συμβολὴ Πρασινοβενέτων δειλινῆς ἐν τῷ ἱπποδρόμῳ (δειλινῆς freilich hier im Genitiv und nicht in Dativ wie bei Theophanes; an beiden Stellen ist wohl ein Substantiv wie ὥρα, 'Stunde, Zeit', gedanklich zu ergänzen, einmal im Rahmen eines Genitivus absolutus, einmal innerhalb eines ἐν-Komplements, vgl. z.B. Strab. 17, 3, 8 ταῖς τε ὀρθριναῖς ὥραις καὶ ταῖς δειλιναῖς). δειλινή scheint also zur Version des Ur-Malalas gehört zu haben.

Darüber hinaus ist die Genese des von de Boor postulierten Fehlers nur scheinbar leicht nachvollziehbar, da (δεί)-λινῇ ([linē) und (δεί)-λῃ μή ([lēmē) im byzantinischen Griechisch phonetisch deutlich unterschieden sind. Eine sehr viel einfachere (und wahrscheinlichere) Erklärung für den heutigen Zustand des Theophanes-Textes geht von einem mechanischen Überlieferungsfehler aus: Die Verneinung μή wurde versehentlich im Laufe der Tradition von einem Kopisten ausgelassen.
1f./9 μὴ ἀγομένου τοῦ ἱππικοῦ: Diese Präzisierung, die durch die Fragm. Tusc. bestätigt wird und wahrscheinlich auch bei Theophanes ergänzt werden kann (XVIII 108, 1f.), ist aufschlussreich, da sie explizit macht, was auch die Empirie bestätigt (vgl. Cameron 1976, 277; XVIII 99, 1): Zirkusunruhen traten typischerweise in Verbindung mit (Fest-)spielen auf; bei dem vorliegenden handelte es sich nach Malalas also um einen ungewöhnlichen Fall.
2/5 πολλοὶ ἀπέθανον ἐξ ἀμφοτέρων: Dieser Satz bildet nur einen Teil der in den Fragmenta Tusculana und Theophanes erhaltenen längeren Version über den Verlauf der Unruhen. Beide Texte berichten zunächst ebenfalls über Todesopfer (und Verletzte); darüber hinaus ergänzen beide zwei weitere Informationen: Zum einen heißt es übereinstimmend, die Parteigänger hätten in den Geschäften geplündert; zum anderen wird der Name des zum Zeitpunkt der Unruhen amtierenden Stadtpräfekten angegeben (PLRE IIIA (Ioannes qui et Coccorobius 45, 652). Die namentliche Nennung des zuständigen Beamten gehört zu den wiederkehrenden Mustern in Malalas' Berichten über Zirkusaufstände: XVIII 99, 1f.. Als letztes zusätzliches Detail benennen nur die Fragmenta einen jungen Mann namens Pamphenos aus dem Dagistheos-Viertel explizit als eines der Todesopfer. Warum dieser sonst unbekannte Mann (kein PLRE-Eintrag) spezifiziert wird, bleibt unklar; vielleicht handelte es sich um ein besonders prominentes Mitglied einer der Faktionen. (Jonas Borsch)
2/7 ἐξ ἀμφοτέρων: Die O-Version der Malalas-Chronik kennt – neben der Formel ἐξ ἀμφοτέρων τῶν μερῶν (dazu XVIII 105, 1) – dreimal auch deren 'Kurzversion' ἐξ ἀμφοτέρων (neben dieser Stelle auch noch in Malal. XIII 17 πολλῶν πεσόντων ἐξ ἀμφοτέρων ἐν τῇ συμβολῇ und in Malal. XVIII 4 καὶ συγκρούσαντες πόλεμον, ἔπεσον ἐξ ἀμφοτέρων πολλοί), mit identischer Bedeutung: "auf beiden Seiten". Ob auch die Kurzform tatsächlich von Malalas stammt, ist fraglich. Möglich ist auch, dass sie erst im Zuge des Kürzungsprozesses entstand, der zur Baroccianus-Version der Chronik geführt hat. Dafür könnte die Tatsache sprechen, dass die für diese Stelle existierende und wahrscheinlich auf den 'Ur-Malalas' zurückgehende Parallelüberlieferung in Theoph. 227, 8 de Boor die längere Formel ἐξ ἀμφοτέρων τῶν μερῶν hat (für Theophanes' Abhängigkeit von Malalas an dieser Stelle siehe Mango/Scott 1997, 331 Anm. 4; auch Rochow 1983, 469). Zur Unsicherheit über die genaue Ur-Textfassung der Chronik trägt auch der Umstand bei, dass der andere Zweig der Parallelüberlieferung, das Fragmentum Tusculanum IV, nach πολλοὶ ἀπέθανον die ἀμφοτέρων-Formel ganz weglässt und stattdessen die Protagonisten des Zusammenstoßes 'namentlich' erwähnt, Πρασινοβενέτων (Fragm. Tusc. IV, p. 24 Mai). (Laura Carrara)
Parallelüberlieferung
Fragm. Tusc. IV, p. 24 Mai; Theoph. 227, 6–10 de Boor; Cedr. 409.4, 16–18 Tartaglia.
Literatur
Cameron (1976): Cameron, Alan: Circus factions: Blues and Greens at Rome and Byzantium, Oxford, 1976.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Weierholt (1963): Weierholt, Kristen: Studien im Sprachgebrauch des Malalas, Oslo, 1963.
deBoor (1883): De Boor, Carolus: Theophanis Chronographia volumen I, Lipsiae, 1883.