Malalas 18.100

Inhalt

Kapitel XVIII 100 berichtet über die Wiedereinsetzung des Patriarchen von Konstantinopel, die dieser offenbar mit einem feierlichen Akt im Bereich der konstantinopolitanischen Stadtmauer beging.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

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Tῇ δὲ αὐτῇ ἰνδικτιῶνι ἐδέχθη Μῆνας ὁ ἀρχιεπίσκοπος Κωνσταντι-
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νουπόλεως εἰς τὴν ἐπισκοπὴν αὐτοῦ· καὶ ἀπῆλθεν εἰς τὴν ἄθλησιν τῶν
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ἀγίων ἀποστόλων ἐν τῷ περιτειχίσματι.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Tῇ δὲ αὐτῇ ἰνδικτιῶνι: Diese Datierungsangabe bezieht sich offensichtlich auf die in Kapitel XVIII 97 genannte zehnte Indiktion und damit auf 546/47. Theophanes präzisiert das Datum mit dem 29. Juni, dem Festtag der Apostel Paul und Petrus. In einer abgeänderten, weniger eindeutigen Form ist diese Angabe noch in der Kurzfassung in O erhalten (XVIII 100, 2f.). Die Ereignisabfolge für die zehnte Indiktion ist nicht nur außerordentlich dicht, sondern offenbart auch ein geringes Interesse an präzisen chronologischen Reihungen, wie eine zweite Erwähnung des Februar in XVIII 102 (überliefert durch Theophanes: vgl. XVIII 102, 1) und nochmals des Juni in XVIII 103 (XVIII 103, 1) zeigen.
1/5 ἐδέχθη: Es handelt sich hier nicht um den Antritt eines Episkopates (wie der Wortlaut ohne Kontext suggerieren könnte), sondern um die Wiederannahme als Bischof nach der vorherigen Exkommunikation durch Papst Vigilius im Rahmen des so genannten Dreikapitelstreits (dazu XVIII 97, 1f.). Der Papst bleibt dabei unerwähnt, ist aber sicher gemeint (XVIII 100, 1f.). Die Zeitspanne von nur vier Monaten für die Beilegung des Zerwürfnisses ist bemerkenswert kurz, zumal Vigilius im zugrundeliegenden Streit um die Verdammung der drei Kapitel erst zehn Monate später, im April 548, zum Einlenken gebracht werden konnte. Dies spricht aber nicht gegen die Historizität der Exkommunikation, wie Lippold 1974, 873 meint: Ein entsprechendes Vorgehen wird zum einen (wenn auch ohne namentliche Erwähnung des Patriarchen) von Facundus bestätigt (XVIII 98, 2); zum anderen fehlt eine plausible Erklärung dafür, wie insbesondere die hiesigen Details über die anlässlich der Einsetzung durchgeführten Prozession sonst zu erklären sein können. Theophanes (225, 26 de Boor) berichtet, die Wiedereinsetzung sei auf Initiative der Kaiserin Theodora zustandegekommen; es ist nicht zu klären, ob diese Information auf Malalas beruht oder auf einer möglichen weiteren Quelle (vgl. zur Frage des Zustandekommens von Theophanes' Bericht Mango/Scott 1997, 328 Anm. 2).
1f./5 ἐδέχθη ... εἰς τὴν ἐπισκοπὴν αὐτοῦ: "Er (scil. Menas) wurde aufgenommen in seinen Episkopat", mit ἐδέχθη (Aor. Passiv von δέχω/δέχομαι) in echter passiver (nicht medialer) Bedeutung – eine seltenere, aber nicht erst spätantike Verwendung (vgl. bereits [Demosth. 40, 14 οὕτως ὑπ’ ἐμοῦ εἰς τὴν οἰκίαν εἰσδεχθέντες, "auf diese Weise von mir in das Haus aufgenommen"). Die Parallelstelle bei Theophanes (225, 26 de Boor) bezieht sich auf dasselbe Ereignis und beschreibt sie mittels der aktiven Diathese: βιγίλιος ... ἐδέξατο Μηνᾶν, τὸν πατριάρχην Κωνσταντινουπόλεως. Die Theophanes-Formulierung stellt die Abläufe klarer dar, durch die Nennung des Kontrahenten von Menas, des römischen Papstes Vigilius: Der Papst war derjenige, der Menas exkommuniziert hatte (dazu Malal. XVIII 98); und nun ist er derjenige, der die Befugnis hat, ihn durch Aufhebung der Exkommunikation wieder in die Kirchengemeinde 'aufzunehmen'; siehe Stein 1949, 642 Anm. 5; Drecoll 2016, 53 Anm. 57 bemerkt richtig, dass bei Malalas [eigentlich in O "unklar bleibt, von wem Menas angenommen ist": Der Vergleich mit Theophanes schafft in dieser Hinsicht Klarheit. Dass Theophanes an dieser Stelle in der Tat von Ur-Malalas abhängt, vermutet auch Rochow 1983, 469.
1f./6 Μῆνας ὁ ἀρχιεπίσκοπος Κωνσταντινουπόλεως: Zum konstantinopolitanischen Patriarchen Menas XVIII 83, 5.
2f./7 ἀπῆλθεν εἰς τὴν ἄθλησιν τῶν ἀγίων ἀποστόλων ἐν τῷ περιτειχίσματι: Festugière 1979, 237 listet diese Stelle unter den "loci corrupti" der Malalas-Chronik auf und nennt sie "tout à fait absurde"; besonders verdächtig scheint ihm das Wort ἄθλησις, welches er zwischen cruces setzt. Das Gesamturteil über den schwer interpretierbaren Wortlaut der Stelle könnte richtig sein (s.u. – aber vielleicht ist das eher Resultat der Kürzung in O als eine echte Korruptel?); die Skepsis bezüglich ἄθλησις ist hingegen wahrscheinlich übertrieben. Erstens ist ἄθλησις kein banales Substantiv, das leicht als Glosse zu (oder als Korruptel von) einem anderen Wort hierher hätte eindringen können. Zweitens deckt ἄθλησις in christlichen Texten ein Bedeutungsspektrum ab, das zum Inhalt dieser Stelle – soweit dieser sich rekonstruieren lässt, s.u. – gut passt: ἄθλησις bezeichnet nämlich in der frühchristlichen Literatur den von den Christen getragenen 'Kampf' bzw. ertragene 'Probe' entweder gegen den Teufel (Athan. Vita Antonii 10, 1 Ὁ δὲ Κύριος οὐδὲ ἐν τούτῳ ἐπελάθετο τῆς ἀθλήσεως Ἀντωνίου) oder gegen ihre irdischen Feinde (Epist. Hebr. 10, 32 πολλὴν ἄθλησιν ὑπεμείνατε παθημάτων). Dieser Kampf bzw. diese Probe können durchaus im Märtyrertod resultieren, vgl. Athan. Synopsis scripturae sacrae [PG 28, 436, 36 ἥτις δὴ καὶ ἑρμηνεία μετὰ τὴν ἄθλησιν καὶ μαρτυρίαν τοῦ αὐτοῦ ἁγίου Λουκιανοῦ; Basil. Homilia in martyrem Julittam [PG 31, 237, 10 τὴν ἡμέραν ταύτην, ὡς ὑπόμνημα ἔχουσαν τῆς μεγάλης ἀθλήσεως κτλ.). Der Ausdruck τὴν ἄθλησιν τῶν ἀγίων ἀποστόλων lässt sich deshalb als 'Probestunde (d.h. Märtyrertod) der heiligen Apostel' übersetzen. Der Vergleich mit der Parallelstelle bei Theophanes legt nahe, dass dieser Ausdruck ursprünglich als chronologische Bestimmung diente bzw. innerhalb eines längeren Satzes vorkam, da er die Chronologie bzw. den zeitlichen Anlass der Wiederaufnahme des Menas präzisierte: Denn Theoph. 225, 26–27 sagt, dass dieses Ereignis τῇ (scil. ἡμέρᾳ) κθ' τοῦ Ἰουνίου μηνὸς τῶν ἀγίων ἀποστόλων, "am 29. Tag des Monats Juni, (dem Tag) der Heiligen Apostel" stattfand, d.h. an dem den Heiligen Aposteln Petrus und Paulus gewidmeten Tag (Feiertag der katholischen Kirche, heute noch offiziell begangen in der Stadt Rom, deren Schutzpatrone Petrus und Paulus sind). Im Ur-Malalas standen also möglicherweise beide Informationen, das präzise Datum der Neuinthronisation des Menas (29. Juni – heute nur bei Theophanes überliefert) sowie der Name der auf dieses Datum fallenden Feier (das Martyrium [ἄθλησις der heiligen Apostel Petrus und Paulus – nur auf O überliefert). Wie genau diese Informationen sich zueinander und mit dem restlichen Wortmaterial in O (ἀπῆλθεν εἰς; ἐν τῷ περιτειχίσματι) verhielten, entzieht sich unserer Kenntnis, siehe dazu auch Stein 1949, 642 Anm. 5.

Jedenfalls lässt sich dieser Satz in seiner heutigen Fassung auf O wie folgt übersetzen: "Und Menas ging am (Tag des) Martyrium(s) der heiligen Apostel in das Periteichisma" (ähnlich die Übersetzung von Thurn/Meier 2009, 508). Das εἰς-Komplement gibt den Zeitpunkt bzw. den Anlass der Bewegung des Menas an, vgl. dieselbe Verwendung in Malal. VII 4 ἐπετέλεσε πρῶτος ἱπποδρόμιον ... εἰς ἑορτὴν τοῦ Ἡλίου, "er (scil. Romus) veranstaltete als erster ein Pferderennen ... am Tag bzw. anlässlich des Helios-Festes" [εἰς hier nicht richtig erfasst von Rüger 1895, 46. ἐν τῷ περιτειχίσματι drückt das Ziel dieser Bewegung aus: Menas ging zu der Befestigungsmauer und stand dort (ἐν + Dativ also wie oft in der Malalas-Chronik zur gleichzeitigen Bezeichnung einer Bewegung und deren Endstation, wo Halt gemacht wird, XVIII 43, 2f.). Vielleicht zeigte sich Menas, auf bzw. bei der Mauer stehend, öffentlich seiner wiedergewonnenen Gemeinde und/oder veranstaltete dort eine Prozession zu Ehren der über seine Rehabilitierung offenbar waltenden Heiligen Petrus und Paulus. Die konstantinopolitanische Stadtmauer hatte nicht nur Schutzfunktion, sondern auch sakrale Bedeutung, XVIII 100, 3.

Eine alternative Deutung des Satzes geht von ἄθλησις als 'Monasterium' aus (so Thurn 2000, 483) und übersetzt: "he went off to the monastery of the Holy Apostles in Periteichisma" (Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 289). Sowohl die Bedeutung 'Monasterium' für ἄθλησις als auch die tatsächliche Existenz eines solchen Klosters bzw. Heiligtums der Heiligen Apostel Petrus und Paulus bei dem Periteichisma in Konstantinopel sind extrem schlecht bezeugt (siehe hierzu Janin 1953, 55–56). Deshalb scheint es angeraten, εἰς ἄθλησιν als chronologische Angabe zum Feiertag der Heiligen Apostel Petrus und Paulus (wie oben dargelegt) zu interpretieren.
(Laura Carrara)
3/3 ἐν τῷ περιτειχίσματι: Der Stadtmauer Konstantinopels (XVIII 124, 2) kam in der sakralen Topographie von Byzanz eine besondere Funktion zu: Spätestens seit der Patriarch Sergios 626 zur Abwehr der Awaren eine Marienprozession auf der Mauer durchgeführt hatte (aber auch schon früher: Cameron 1979, 18f.), wurde deren schützende Funktion eng mit der Schutzheiligen Maria verbunden: Vgl. Baynes 1949; Cameron 1979, 18–24; Schreiner 2000, 91–96. Die hiesige, unscharfe Formulierung lässt offen, ob es sich um eine Prozession auf der oder in der/die Gegend der Mauer handelt (XVIII 100, 2f.).
Parallelüberlieferung
Theoph. 225, 25–28 de Boor.
Literatur
Baynes (1949): Baynes, Norman H.: The Supernatural Defenders of Constantinople, Analecta Bollandiana, 1949, 165-177.
Cameron (1979): Cameron, Averil: Images of Authority: Elites and Icons in late sixth-century Byzantium, Past and Present, 1979, 3–35.
Drecoll (2016): Drecoll, V.: Miaphysitische Tendenzen bei Malalas?, Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor – Werk - Überlieferung, 2016, 45–57.
Festugière (1979): Festugière, André-Jean: Notabilia dans Malalas. II, RPh, 1979, 227–237.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Laniado (2015a): Laniado, Avshalom: Ethnos et droit dans le monde protobyzantin, Genève, 2015.
Lippold (1974): Lippold, A.: Vigilius, RE Suppl., 1974, 864–885.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Rüger (1895): Rüger, Anton: Studien zu Malalas. Präpositionen und Adverbien. Das 18. Buch. Die konstantinischen Excerpte. Die tuskulanischen Fragmente, Bad Kissingen, 1895.
Schreiner (2000): Schreiner, Klaus: Märtyrer, Schlachtenhelfer, Friedensstifter : Krieg und Frieden im Spiegel mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Heiligenverehrung, Opladen, 2000.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.