Malalas 18.97

Inhalt

Kapitel 97 berichtet knapp über die Ankunft des Papstes Vigilius in Konstantinopel sowie über die Eroberung Roms durch die Goten.

Philologisch-Historischer Kommentar
Parallelüberlieferung
Literatur

1
Μηνὶ φεβρουαρίῳ ἰνδικτιῶνος δεκάτης ὁ ἐπίσκοπος Ῥώμης Βιγίλιος
3
Ῥώμη ὑπὸ Γότθων.
Philologisch-Historischer Kommentar
1/1 Μηνὶ φεβρουαρίῳ ἰνδικτιῶνος δεκάτης: Die zehnte Indiktion fällt in die Jahre 546/47, womit die Ankunft des Vigilius also auf den Februar 547 datiert wird. Dies deckt sich mit der Einordnung dieses Ereignisses in Justinians 20. Regierungsjahr (= 546/47) bei Theophanes, der auch die Eroberung Roms durch die Goten – in O nur allgemein durch die Formel τῷ αὐτῷ χρόνῳ eingebunden – in denselben Jahreseintrag legt (jedoch mit abweichender Reihenfolge: XVIII 97, 2f.). Bei Marc. Com add. 547 wird das Datum mit den 8. Kalenden des Februar präzisiert, was mit dem 24. Januar aufgelöst werden kann (vgl. Croke 1995, 50f.) und dem weniger präzisen Datum bei Malalas vorzuziehen ist (Stein 1949, 641, Anm. 2). Eine mögliche Erklärung für den Fehler in der Chronographie wäre, dass hier ursprünglich dieselbe Datierungsformel vorlag wie bei Marcellinus, diese jedoch vom Autor selbst oder einem späteren Kopisten beim Kürzungsprozess missinterpretiert wurde. Die Datierung nach dem römischen Kalender ist in Malalas immerhin fünf Mal belegt, und zwar immer in Zusammenhang mit wichtigen chronologischen Fixpunkten der kirchengeschichtlich relevanten Historie: X 1, 11, 14, 37; XIII 1; vgl. Jeffreys 1990b, 154.
1f./8 Βιγίλιος παρεγένετο ἐν Κωνσταντινουπόλει: Vigilius, geb. vor 500 in Rom, gest. 7.6.555 in Syrakus, bekleidete von 537 bis zu seinem Tod den römischen Pontifikat. Seine Position hatte er durch Unterstützung Konstantinopels und unter turbulenten Umständen erlangt: Sein Vorgänger Silverius, 536 als Kandidat des Gotenkönigs Theodahat auf den Bischofsstuhl gelangt, wurde im Frühjahr 537 von Belisar wegen Hochverrats abgesetzt und durch Vigilius ersetzt; noch im selben Jahr fand Silverius im Exil den Tod. Eine zentrale Rolle spielte Vigilius im so genannten "Dreikapitelstreit", der von Malalas an dieser Stelle zum ersten Mal (indirekt) thematisiert wird (s.u.). Zu seiner Person Lippold 1974; Sotinel 1992; BBK 12 (1997), 1383–1387, s.v. Vigilius (J. Rist).

Die lapidare Meldung über Vigilius' Ankunft in Konstantinopel bildet die erste in einer Serie von kurzen Notizen, die mit dem Dreikapitelstreit in Zusammenhang stehen (danach noch XVIII 98, 100, 107, 111). Justinian hatte um 544/45 einen (heute fragmentarisch erhaltenen) Traktat verfasst, in welchem er drei "Kapitel" (κεφάλαια), nämlich Person und Werk des Theodoros von Mopsuestia, einzelne Schriften Theodorets von Kyrrhos sowie einen angeblich von Ibas von Edessa verfassten Brief an Maris, wegen Nähe zum Nestorianismus verurteilte. Als man den Traktat den Bischöfen von Rom, Konstantinopel, Antiochia, Alexandria und Jerusalem zur Unterschrift zuschickte und diese ersuchte, die ihnen untergebenen Metropoliten und Bischöfe ihrerseits zur Unterzeichnung zu bewegen, stieß man auf starken Widerstand, weil der Traktat sich nach Auffassung vieler Geistlicher gegen Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (451) richtete. Die vier östlichen Patriarchen unterschrieben widerstrebend, kündigten aber einen Widerruf für den Fall an, dass Vigilius nicht unterzeichne. Auch verschiedene westliche Bischöfe machten ihre Position von der des Papstes abhängig, so dass dessen Handeln ins Zentrum des Konfliktes rückte. Während der Belagerung Roms durch die Goten verließ Vigilius – angeblich unter Zwang (Schwartz 1940c, 19,11–12; vgl. Schwartz 1940b, 60f.; Stein 1949, 640; Sotinel 1992, 455f.) – im November 545 seinen Bischofssitz Richtung Konstantinopel und traf dort nach einem Aufenthalt auf Sizilien am 24. Januar 547 (Marc. Com. add. 547) ein. Dort konnte er nach längeren Verhandlungen dazu gebracht werden, die drei Kapitel in einem Iudicatum vom April 548 zu verdammen, doch widerrief er sein Urteil gut drei Jahre später angesichts des anhaltenden Widerstandes westlicher Kirchenleute. Erst nach dem fünften ökumenischen Konzil von Konstantinopel 553, bei dem die drei Kapitel in Abwesenheit des Papstes verurteilt worden waren, unterzeichnete er schließlich unter massivem Druck eine Erklärung, in der er die drei Kapitel endgültig verdammte. Infolgedessen konnte er wieder in Richtung Rom zurückreisen, verstarb jedoch noch während der Fahrt auf Sizilien. Der gesamte Prozess wurde von großen Turbulenzen begleitet, zu denen v.a. die vorübergehende gegenseitige Exkommunikationen des Vigilius und des konstantinopolitanischen Patriarchen Menas (XVIII 83, 5) sowie die wiederholte Flucht des Vigilius ins Kirchenexil gehören. Zum Dreikapitelstreit Schwartz 1940b, 55–72; Stein 1949, 638–669; Gray 1979, 65–73; Sotinel 1992, 455–463; Meier 2004a, 281–289; Chazelle/Cubitt 2007; Leppin 2011a, 293–299, 303–308.

Weder aus den einschlägigen Passagen in O noch aus Theophanes oder den Fragmenta Tusculana, die für die Kapitel XVIII 104 bis 112 ergänzend herangezogen werden können, ist Näheres über die theologischen Fragen zu erfahren, die dem Streit zugrundelagen. Dem Satz über die Ankunft des Papstes in Konstantinopel wird lediglich bei Theophanes die knappe Bemerkung hinzugefügt, nach einem ehrenvollen Empfang durch Justinian habe der Papst versprochen, die drei Kapitel (die nicht weiter spezifiziert werden) zu verdammen. In den entsprechenden Passagen in Thurns Malalas-Text (wie auch in den weiteren Ausführungen bei Theophanes) liegt der Fokus der Berichterstattung ganz auf dem symbolischen Handeln: nacheinander werden eine erste Absetzung des Menas durch Vigilius (Kap. 98), dessen Wiedereinsetzung (100), seine Streichung aus den Diptychen und die dortige Hervorhebung des Vigilius (107), die Rückkehr des Vigilius aus einem vorübergehenden Kirchenasyl (111) sowie, damit vermutlich in indirektem Zusammenhang stehend (Leppin 2011a, 303), zwei feierliche Kircheneinweihungen durch Menas (109, 113) thematisiert. Das Konzil von 553 fehlt in O ganz, wird allerdings bei Theophanes (228,28–229,1 de Boor) überliefert. Mango/Scott 1997, 334, Anm. 1 schließen aus Malalas' "lack of interest in theological and ecclesiastical issues", dass Theophanes für diese und einige andere Informationen wohl auf eine zweite, ekklesiastische Quelle zugegriffen hat. Malalas notiert jedoch die Abhaltung von Konzilien durchaus, wenn auch nicht in größerer Ausführlichkeit (vgl. etwa XIV 30; XVIII 83), so dass es jedenfalls denkbar erscheint, dass die wenige Zeilen umfassende Notiz bei Theophanes auf die Chronographie zurückgeht und erst in dem für O zugrundeliegenden Kürzungsprozess verlorengegangen ist.

Obwohl bruchstückhaft und ohne Kenntnis des Kontextes kaum verständlich (Blaudeau 2006a, 250; Drecoll 2016, 54), lassen sich die Passagen über die Auseinandersetzungen zwischen Papst, Patriarch und Kaiser nur bedingt als Belege für das häufig postulierte Desinteresse des Malalas an kirchenpolitischen und religiösen Fragen (vgl. etwa Croke 1990c, 14, 23; Scott 1996, 24–28; Thurn/Meier 2009, 16) heranziehen: Das Geschehen bleibt zwar ohne nähere Erklärung, erhält aber immerhin einen ganz erheblichen Raum: In den Kapiteln XVIII 97 (Ankunft des Vigilius 547) bis 115 (Tod des Menas 552) stellt es eindeutig den wichtigsten Ereigniskomplex dar. Dabei werden aber nur die symbolischen Akte (Absetzungen, Exile, Prozessionen) thematisiert, während an den theologischen Diskussionen im engeren Sinne in der Tat ein offenkundiges Desinteresse besteht.
2/1 παρεγένετο ἐν: Nicht bloß 'arrived at', wie von Jeffreys/Jeffreys/Scott 1986, 288 sowie von Mango/Scott 1997, 327 für die identische Theophanes-Stelle 225, 13 de Boor übersetzt, sondern '(an einem Ort angekommen sein und deshalb) dort sein, anwesend sein', vgl. LSJ s.v. παραγίγνομαι Ι und in der Malalas-Chronik noch X 15 ὁ Πέτρος ἀπὸ Ἱερουσολύμων ἐν τῇ αὐτῇ Ἀντιοχείᾳ παρεγένετο (Bedeutung von παραγίγνομαι + ἐν richtig erfasst in der Übersetzung von Thurn/Meier 2009, 251: "Petrus stellte sich von Jerusalem her in diesem Antiocheia ein", ); XII 46 παρεγένετο ἐν Ἀντιοχείᾳ ("er fand sich in Antiocheia ein", Thurn/Meier 2009, 325).
2/3 Κωνσταντινουπόλει: Zur Alternanz der Benennungen 'Konstantinopel' und 'Byzanz' für die Reichshauptstadt am Bosporus in der Malalas-Chronik, insbesondere im Buch XVIII, und zu deren möglichen Implikationen bezüglich der Verfasserfrage bzw. Genese des finalen Teiles dieses Buches XVIII 77, 1.
2/5 τῷ αὐτῷ χρόνῳ: Einfacher Dativus Temporis (d.h. ohne ἐν), nicht unüblich für diese Formel in der Malalas-Chronik XVIII 45, 1.
2f./8 παρελήφθη Ῥώμη ὑπὸ Γότθων: Malalas bezieht sich hier auf die Eroberung Roms durch die Goten unter Totila Ende 546 im Zuge des so genannten "zweiten Gotenkrieges"; eine ca. einjährige Belagerung war vorangegangen: Vgl. Procop. BG III 13, 15–21; zum Kriegsgeschehen allgemein Stein 1949, 564–604; Wolfram 2001b, 352–359; Leppin 2011a, 264–276; Wiemer 2013b, 620–626. Wie bereits die Eroberung Italiens durch Belisar (XVIII 88), so wird auch dieses Ereignis nur sehr knapp geschildert (zur Kürze aller Ausführungen über die Gotenkriege XVIII 88, 1ff.; weitere Notizen zu Totila und dem Krieg in Italien in XVIII 110, 116, 140). Der Satz unterbricht zudem den Bericht über den Dreikapitelstreit, der hier – anders als bei Theophanes – stückchenweise erzählt wird. Bei Theophanes steht die Notiz über Roms Eroberung, die eindeutig aus Malalas übernommen ist (vgl. Rochow 1983, 469; Mango/Scott 1997, 328), gleich am Beginn des entsprechenden Absatzes, der sich dann im Folgenden der Auseinandersetzung zwischen Kaiser, Papst und Patriarchen widmet. Diese Reihung deckt sich bemerkenswerterweise besser mit den bei Marc. Com. add. überlieferten Daten (Eroberung Roms am 17.12.546, Ankunft des Vigilius in Konstantinopel am 24.01.547) als die in O überlieferte. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Ereignisse erst in O vertauscht wurden und die Reihenfolge bei Theophanes einer früheren, "korrekteren" Malalas-Version entspräche. In der Chronographie hat die präzise chronologische Reihung der Ereignisse jedoch grundsätzlich nicht immer die höchste Priorität (vgl. XVIII 77, 1; XVIII 119, 1); zudem hat Theophanes an dieser Stelle offensichtlich stark in sein Material eingegriffen (vgl. Mango/Scott 1997, 328, Anm. 2). Es mutet insofern wahrscheinlicher an, dass O die ursprüngliche Reihung überliefert.
2f./8 παρελήφθη Ῥώμη ὑπὸ Γότθων: Die beiden Autoren der Parallelüberlieferung (Theoph. 225, 12–13 de Boor und Cedr. 409.1, 1–2 Tartaglia; der spätere hängt hier vielleicht direkt vom älteren ab? Zum nuancierten Quellenverhältnis zwischen Theophanes und Kedrenos siehe allerdings Tartaglia 2016, 21–22) stellen die zwei in diesem Malalas-Kapitel erwähnten Ereignisse mit identischem Wortlaut, aber umgekehrter Faktenreihenfolge dar: erst Einnahme Roms durch die Goten, dann Ankunft des Papstes in Konstantinopel; zu den möglichen Gründen für diesen Unterschied XVIII 97, 1f..
Parallelüberlieferung
Theoph. 225, 12–13 de Boor; Cedr. 409.1, 1–2 Tartaglia
Literatur
Blaudeau (2006a): Blaudeau, Ph.: Ordre religieux et ordre public: observations sur l’histoire de l’Église post-chalcédonienne d’après le témoignage de Jean Malalas, Recherches sur la Chronique de Jean Malalas II, 2006, 243–256.
Chazelle/Cubitt (2007): : The Crisis of the Oikoumene: The Three Chapters and the Failed Quest for Unity in the Sixth-Century Mediterranean, Turnhout, 2007.
Croke (1990c): Croke, Brian: Malalas, the man and his work, 1990, 1–25.
Drecoll (2016): Drecoll, V.: Miaphysitische Tendenzen bei Malalas?, Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor – Werk - Überlieferung, 2016, 45–57.
Heather (1996): Heather, Peter: The Goths, Cambridge, MA, 1996.
Jeffreys (1990b): Jeffreys, Elizabeth: Chronological structures in Malalas’ chronicle, Jeffreys, Elisabeth/Croke, Brian/Scott, Roger, Studies in John Malalas, 6, Sydney 1990, 111–166.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.
Leppin (2011a): Leppin, Hartmut: Justinian. Das christliche Experiment, Stuttgart, 2011.
Lippold (1974): Lippold, A.: Vigilius, RE Suppl., 1974, 864–885.
Mango/Scott (1997): Mango, Cyril and Scott, Roger: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813, Oxford, 1997.
Meier (2004a): Meier, Mischa: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen, 2004.
Menze (2008): Menze, V.: Justinian and the making of the Syrian Orthodox Church, Oxford, 2008.
Rochow (1983): Rochow, Ilse: Malalas bei Theophanes, Klio, 1983, 459–474.
Schwartz (1940b): Schwartz, E.: Zur Kirchenpolitik Justinians, Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, 1940, 32–81.
Schwartz (1940c): Schwartz, E.: Vigiliusbriefe, Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, 1940, 1–25.
Scott (1996): Scott, Roger: Writing the Reign of Justinian. Malalas versus Theophanes, The Sixth Century. End or Beginning?, 1996, 20–34.
Sotinel (1992): Sotinel, C.: Autorité pontificale et pouvoir impérial sous le règne de Justinien : le pape Vigile, MEFRA, 1992, 439–463.
Stein (1949): Stein, Ernest: Histoire du Bas-Empire, Tome II. De la disparition de l’Empire d’Occident à la mort de Justinien (476–565), Paris/Bruxelles/Amsterdam, 1949.
Tartaglia (2016): Tartaglia, Luigi: Georgii Cedreni Historiarum Compendium, Roma, 2016.
Thurn (2000): Thurn, Johannes: Ioannis Malalae Chronographia, Berolini et Novi Eboraci, 2000.
Thurn/Meier (2009): Thurn, Johannes/Meier, Mischa: Johannes Malalas Weltchronik. Übersetzt von Johannes Thurn und Mischa Meier (bearb.). Mit einer Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart, 2009.
Wiemer (2013b): Wiemer, H.-U.: Die Goten in Italien, Historische Zeitschrift, 2013, 593–628.
Wolfram (2001b): Wolfram, Herwig: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts, München, 2001.