Malalas 8.24

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Μετὰ δὲ Δημητριανὸν ἐγένετο βασιλεὺς Ἀντίοχος ὁ ἔκγονος τοῦ
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Γρύπου, υἱὸς Λαοδίκης, θυγατρὸς Ἀριαράθου, βασιλέως Καππαδόκων,
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ἔτη θʹ. καὶ ἔπαθε τότε ὑπὸ θεομηνίας Ἀντιόχεια ἡ μεγάλη τὸ πρῶτον
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αὐτῆς πάθος τῷ ὀγδόῳ ἔτει τῆς βασιλείας αὐτοῦ ἐπὶ τῶν αὐτῶν Μακε-
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δόνων, μετὰ τὸ ἐξ ἀρχῆς τεθῆναι θεμέλιον τείχους ὑπὸ Σελεύκου τοῦ
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Νικάτορος μετὰ ἄλλα ἔτη ρνβʹ, ὥραν ἡμερινὴν ιʹ, μηνὶ | περιτίῳ τῷ καὶ
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φεβρουαρίῳ καʹ. καὶ ἀνενεώθη πᾶσα, καθὼς Δομνῖνος ὁ χρονογράφος
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συνεγράψατο, καὶ Παυσανίας ὡσαύτως· μετὰ δὲ τὸ πληρωθῆναι τὰ
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τείχη καὶ τὴν πόλιν πᾶσαν μετὰ ρκβʹ ἔτη ἔπαθε· καὶ βελτίων ἐγένετο.
Philologisch-Historischer Kommentar
3/3 καὶ ἔπαθε τότε ὑπὸ θεομηνίας Ἀντιόχεια ἡ μεγάλη τὸ πρῶτον αὐτῆς πάθος: Es handelt sich hierbei um das erste Beben, das der Autor für Antiochia festhält. Lit.: Guidoboni/Comastri/Traina 1994, 152.

In der Chronographia werden acht Erdbeben in Antiochia erwähnt. Nur sechs werden als Unglück (πάθος) gezählt (dazu: VIII 24, 3f.). Bei den anderen zwei fehlt außerdem die Ordnungszahl:

  1. VIII 24,3 (hier): „erstes Unglück“ (-148 und/oder -130)
  2. X 18, 1ff.: „zweites Unglück“
  3. X 23, 4: ohne Nummerierung
  4. XI 8, 1f.: „drittes Unglück“
  5. XIV 36, 1f.: „viertes Unglück“
  6. XVII 16, 2f.: „fünftes Unglück“
  7. XVIII 27, 1f.: „sechstes Unglück“
  8. XVIII 79, 1: ohne Nummerierung
Noch ein Erdbeben, dieses von 65 v.Chr., wird nicht explizit, sondern implizit erwähnt: VIII 29, 14.

Die Auswirkungen von Erdbeben auf das zivile Leben werden in X 27, 31 geschildert. Die Wendung ἔπαθε ... ὑπὸ θεομηνίας ist die typische Wendung, mit der in der Chronographia Erdbeben beschrieben werden (dazu: VII 18, 3). (Brendan Osswald mit Florian Battistella)
3f./11 τὸ πρῶτον αὐτῆς πάθος: Dieses Segment fehlt bei O und wurde von Thurn auf Grundlage der slaw. Überlieferung hinzugefügt (s. Istrin 1994, 224, Anm. 3). Die Junktur παθεῖν… πάθος, eine figura etymologica, könnte ein Hinweis auf Malalas’ rhetorische Ausbildung sein, die vielleicht in seinem (Bei-)Namen anklingt, der auf Syrisch so viel wie ‚Redner‘ bedeutet; vgl. Croke 1990c, 3; anders Debié 2004, 147f.

Die Nummerierung der Unglücksfälle (πάθη) bildet unter den zahlreichen standardisierten Merkmalen der Katastrophenbeschreibungen in der Chronographia ein besonders auffälliges und aussagekräftiges. Entsprechende Zählungen erscheinen, immer mit derselben Phraseologie (ἔπαθε(ν) ... τὸ [Ordnungszahl αὐτῆς πάθος, wobei αὐτῆς eine Stadt ist), und scheinbar immer in Bezug auf Erdbeben, in einer Reihe von Berichten über das Schicksal von einzelnen Städten.

Die 20 Okkurrenzen dieser Junktur sind:

* Im Buch VIII 24,3 (hier, Antiochia 1).
* Im Buch X 18,1--3 (Antiochia 2); 53,4.15.17 (Diokaisareia 3, Kuinda 1 und Kiskos 2), wobei 53,15 ausnahmsweise die Form ἔπαθεν πρῶτον πάθος hat.
* Im Buch XI 8,1--2 (Antiochia 3); 9,2--3 (Rhodos 2).
* Im Buch XII 11,1 (Nikomedia 3); 28,5 (Nikomedia 4).
* Im Buch XIII 12,1 (Maximianoupolis 2).
* Im Buch XIV 20,1--2 (Nikomedia 5); 36,1--2 (Antiochia 4).
* Im Buch XV 11,1--2 (Konstantinopel 2); 11,2--3 (Nikomedia 6).
* Im Buch XVI 18,1--2 (Rhodos 3).
* Im Buch XVII 15,8 (Anazarbos 4); 15,26--27 (Edessa 1); 16,2--3 (Antiochia 5).
* Im Buch XVIII 27,1--2 (Antiochia 6); 28,1--2 (Laodikeia in Syrien 1). Die beiden Okkurrenzen enthalten ausnahmsweise die Infinitivform παθεῖν statt des Aorists ἔπαθε(ν).

Zu dieser Feststellung sind mehrere Anmerkungen erforderlich.

1. Es ist bemerkenswert, dass die meisten, wenn nicht sogar alle, der Vorkommen der figura etymologica sich auf ein Erdbeben beziehen. Der Fall von Edessa 1 ist eine mögliche Ausnahme, weil die Art des πάθος nicht sicher ist; es könnte sich auch um ein Hochwasser handeln: XVII 15, 26f..

2. Maximianoupolis 1 wird nicht explizit erwähnt. Diese Katastrophe scheint die Eroberung durch die Perser zu sein. Das lässt den Schluss zu, dass der Begriff πάθος nicht genau gleichbedeutend mit Erdbeben ist und sich in der Tat auf jede Art von Katastrophe beziehen kann. Dies verstärkt die Möglichkeit, dass das πάθος von Edessa kein Erdbeben ist.

3. Die figura etymologica und Nummerierung werden nicht für alle Erdbeben verwendet (vollständiger Katalog: VII 18, 3). Oft sind sie abwesend im Fall der Städte, die nur eine Katastrophe erlitten. Es gibt aber keine strikte Korrelation. Edessa und Laodikeia nämlich haben die figura etymologica und die Nummerierung, auch wenn nur eine Katastrophe erwähnt ist, während im Falle von Korinth, Kyzikos und die Kreta weder figura etymologica noch Nummerierung zu finden sind, obwohl die drei Städte zwei Erdbeben hinnahmen. Der redaktionelle Hiatus von Buch XVIII könnte das Phänomen für Kyzikos erklären (Okkurrenzen: XI 16 und XVIII 93, aber nicht für Korinth und Kreta (Okkurrenzen: X 46 und XVII 15 bzw. X 28 und XIV 2).

4. Diokaisareia 3, Kuinda 1, Kiskos 2 und Anazarbos 4 stellen eigentlich eine einzige Serie dar, weil die Stadt mit jedem Umbau einen anderen Namen erhielt.

5. Die figura etymologica und die Nummerierung fehlen in O in einigen Fällen: Antiochia 1, Rhodos 1, Nikomedia 1 und 2, Maximianoupolis 1, Konstantinopel 1, d.h. immer für das erste Element einer Reihe. Nikomedia 2 ist ein Sonderfall dieser Regel, da dies der erste Fall ist, der in der Erzählung erwähnt wird; Nikomedia 1 kommt kurz danach als Analepsis. Eine mögliche Erklärung ist, dass der Autor es nicht für nötig hielt, die ersten Elemente zu nummerieren. Der Fall von Antiochia 1, der in O fehlt, aber in Sl vorhanden ist, deutet darauf hin, dass der Autor die figura etymologica verwendet hatte, der Bearbeiter sie aber für überflüssig hielt. Im Fall von Konstantinopel 1 fehlt die figura etymologica, aber nicht die Nummerierung, die in Form des adverbial verwendeten πρώτοις vorliegt.

Die impliziten und expliziten Nummerierungen sammelnd, erhält man die folgende Tabelle, die zeigt, dass für jede Stadt die Reihe vollständig und zusammenhängend ist:

Stadt\Rang123456
Antiochia VIII 24, 3VIII 24,3 (hier)*X 18, 1ff.XI 8, 1f.XIV 36, 1f.XVII 16, 2f.XVIII 27, 1f.
Diokaisareia usw.X 53, 15 (Kuinda)X 53, 17 (Kiskos)X 53, 4 (Diokaisareia)XVII 15, 8 (Anazarbos)......
Rhodos VII 18, 3VII 18, 3**XI 9, 2XVI 18, 1.........
Nikomedia X 43, 4X 43, 6f.**X 43, 4**XII 11, 1f.XII 28, 5XIV 20, 1f.XV 11, 3
Maximianoupolis XII 47, 13XII 47, 13** ; XIII 12, 1ff.**XIII 12, 1ff.............
Konstantinopel XIV 22, 1XIV 22, 1***XV 11, 1ff.............
EdessaXVII 15, 26f................
LaodikeiaXVIII 28, 1f................

* Figura etymologica und Ordnungszahl fehlend in O, aber vorhanden in Sl.

** Figura etymologica und Ordnungszahl fehlend; implizit Ordnungszahl.

*** Figura etymologica fehlend, aber eine Zählung ist vorhanden.

6. Es scheint in der Nummerierung jedoch einen Fehler zu geben: Für ein weiteres in Antiochia zu lokalisierendes Beben (X 23, 4), zwischen Antiochia 2 und Antiochia 3, fehlt die Zählung.

7. Die figura etymologica ist ab XVIII 55 nicht mehr zu finden: παθεῖν wird noch verwendet, aber ohne πάθος: XVIII 55, 1. Antiochia und Konstantinopel (s. Listen in VIII 24, 3 bzw. XIV 22, 1) haben weitere Erdbeben, aber diese weisen weder die figura etymolgica noch eine Nummerierung auf.

8. Die Stadt, die am häufigsten die figura etymologica in Verbindung mit einer Nummerierung vorweisen kann, ist Antiochia (Jeffreys 2003, 515; Carrara 2017, 273f.): In O erscheinen alle Zahlen von Zwei (37 n.Chr.: X 18) bis Sechs (528: XVIII 27); wie oben zu sehen, hatte der Urtext vielleicht auch eine Nummer 1. Dies stimmt mit der Rolle überein, die diese Stadt bis in Buch XVIII hinein in der Chronographia spielt.

9. Die vorgestellte Übersicht ist auch in anderer Hinsicht aufschlussreich: Die Nummerierung der Erdbeben lässt zum einen mit einiger Berechtigung die Vermutung zu, dass eine Erdbebenliste als Quelle genutzt wurde, auch wenn deren bürokratische Herkunft (Jeffreys 1990b, 159; Jeffreys 2003, 515) alleine aus der Existenz einer Zählung sicherlich nicht zwingend hervorgeht. Zum anderen zeugt sie von der Bedeutung von Naturkatastrophen als chronologischen Gliederungselementen, ein durchaus typisches Merkmal der zeitgenössischen Chronistik: Meier 2007d, 570f. mit Verweis auf Parallelen im Chronicon Edessenum. (Brendan Osswald mit Florian Battistella, Jonas Borsch, Fabian Schulz)
Parallelüberlieferung
Literatur
Guidoboni/Comastri/Traina (1994): Guidoboni, Emanuela/Comastri, Alberto/Traina, Giusto (Hrsg.): Catalogue of ancient earthquakes in the Mediterranean area up to the 10th century, Rom, 1994.
Jeffreys/Jeffreys/Scott (1986): Jeffreys, Elizabeth/Jeffreys, Michael/Scott, Roger: The Chronicle of John Malalas. A Translation, Melbourne, 1986.